Motorsport
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Der Schweizer Moto GP2 Motorradrennfahrer Thomas Luethi, vom Dynavolt Intact GP-Team, anlaesslich der offiziellen Moto GP 2 Testtage, auf der Rennstrecke in Jerez, Spanien, am Freitag 21. Februar 2020. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

2020 wird für Tom Lüthi finanziell kein besonders gutes Jahr. Bild: KEYSTONE

2020 keine Töff-Rennen mehr? Was ein Saisonende für Tom Lüthi bedeuten würde

Selbst die Absage der ganzen Saison 2020 kann die «Töff-Welt» verkraften. Weil der «GP-Zirkus» mit riesigem Abstand das kostengünstigste globale Sportspektakel ist. Trotzdem heisst es für Tom Lüthi (33), den Gürtel enger zu schnallen.



Anfang März war die Weltlage noch nicht so aus den Fugen geraten wie in diesen Tagen. Wir erlaubten uns beim Saisonauftakt im Morgenland (Katar) einen Scherz mit Tom Lüthi. «Du solltest unbedingt gewinnen. Vielleicht ist es das einzige Rennen der Saison und dann bist du Weltmeister …». Es reichte leider nur zum 10. Platz.

Der Saisonauftakt in Katar war am 8. März nur möglich, weil die Moto2- und Moto3-Teams zuvor hier getestet hatten und schon vor Ort waren. Das Spektakel der «Königsklasse» MotoGP musste abgesagt werden. Katar hatte ein Einreiseverbot für Italiener erlassen.

Aus dem Scherz ist inzwischen bittere Wirklichkeit geworden. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass die gesamte Saison 2020 ausfällt und die Moto2- und Moto3-Rennen in Katar die einzigen in diesem Jahr bleiben.

epa08278857 Japanese Moto2 rider Tetsuta Nagashima (C) of the Red Bull KTM Ajo team smiles on the podium after winning the Moto2 race at the Motorcycling Grand Prix of Qatar at Losail International Circuit in Doha, Qatar, 08 March 2020. Nagashima won ahead of Italian riders, second placed Lorenzo Baldassarri (L) of the Flexbox HP 40 team and third placed Enea Bastianini (R) of the Italtrans Racing Team.  EPA/NOUSHAD THEKKAYIL

Das bisher einzige Moto2-Podest der Saison mit Lorenzo Baldassari, Tetsuta Nagashima und Enea Bastianini (von links). Bild: EPA

Absage und «Geister-Rennen» als Optionen

Zuerst sind die Rennen wegen der Welt-Viruskrise in den Herbst verschoben worden. Inzwischen werden die Grand Prix laufend ohne Ersatzdatum abgesagt. Selbst eine Absage aller Rennen und damit der Saison 2020 schliesst «Zirkus-Direktor» Carmelo Ezpeleta nicht mehr aus. Er ist Manager des GP-Rechteinhabers «Dorna».

Es gibt auch Gedankenspiele für «Geister-Rennen». Aber bei einem Töff-GP rücken rund 2000 Personen (Fahrer, Techniker, Chronistinnen und Chronisten, Streckenposten, Personal für die TV-Produktion) ins Fahrerlager ein. Selbst wenn der Personalbestand auf ein Minimum reduziert wird – 1000 Mann und Frau wären für die Abwicklung eines Grand Prix notwendig.

Immer mehr zeichnet sich ab: In einem Sport, der mit mindestens 1000 Männern und Frauen und 400 Tonnen Fracht von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent fährt und fliegt, machen allein die Reisebeschränkungen eine Fortsetzung der Saison unmöglich.

Der Töff-Sport verhältnismässig gut dran

Ein vorzeitiges Saisonende bringt Fussball-Ligen und Fussballklubs in höchste Existenznot. Der «Grand-Prix-Zirkus» leidet auch. Aber er kann die Krise viel besser verkraften. Weil in der Töffwelt noch niemand grössenwahnsinnig geworden ist.

Der Fussball hat sich längst von der realen Welt und Wirtschaft abgekoppelt. Die Saläre sind irrwitzig hoch. Durch ebenso absurde TV-Verträge und betriebsfremde Zuschüsse wird das Fussballgeschäft am Leben erhalten. Allein die Deutsche Bundesliga erzielt TV-Einnahmen in der Höhe von gut einer Milliarde Franken. Wenn die TV- und Zuschauereinnahmen wegbrechen, geraten die Klubs in akute Existenznot.

Das GP-Spektakel ist vergleichsweise billig. Ein Team in der Moto3-WM mit zwei Fahrern kostet rund 1,5 Millionen, in der Moto2-WM etwa 3 Millionen Franken. Mit so viel Geld lässt sich nicht einmal ein Spitzenteam in der Swiss League finanzieren. Auch der Materialaufwand ist vergleichsweise gering. KTM bezeichnet die Kosten für die Beteiligung an der «Königsklasse» MotoGP auf rund 30 Millionen. Eine komplette Moto2-Höllenmaschine kostet rund 130'000 Franken. In der Formel 1 verbrennt Mercedes pro Saison mehr als 400 Millionen.

Ein günstige(re)s Spektakel

In der MotoGP-Klasse operieren nicht alle Teams mit einem Budget von mehr als 15 Millionen. So viel kostet ein Meisterteam in der schweizerischen Operetten-Fussballmeisterschaft oder im nationalen Eishockey.

Der Gesamtaufwand für alle drei Klassen mit 42 Teams und 83 Vertragsfahrern liegt pro Saison unter 400 Millionen. Zum Vergleich: In der Formel 1 verbrennt allein Mercedes pro Saison mehr als 400 Millionen. Das Töffspektakel kostet insgesamt nicht einmal doppelt so viel wie unsere Eishockey-Meisterschaft.

Der wichtigste Unterschied zu allen anderen globalen Sportveranstaltungen sind die verhältnismässig tiefen Saläre. Nur in der Königsklasse MotoGP gibt es siebenstellige Lohnsummen, die teilweise direkt von den grossen Töffherstellern und nicht von den Teams bezahlt werden. Lediglich Valentino Rossi, Marc Marquez und Jorge Lorenzo kassieren (bzw. kassierten) mehr als 10 Millionen pro Jahr.

Nach wie vor gibt es im Fahrerlager nicht mehr als 15 Salär-Millionäre. Valentino Rossi gehört mit einem Jahreseinkommen von rund 40 Millionen zwar zu den bestverdienenden Sportlern der Welt. Aber mehr als ein Drittel dieses Geldes verdient der Doktor der Kommunikation durch Werbeeinnahmen, die nicht sein Team bezahlt.

epa08204521 Italian MotoGP rider Valentino Rossi of the Monster Energy Yamaha MotoGP team in action during the MotoGP pre-season test session at Sepang International Circuit in Sepang, Malaysia, 09 February 2020.  EPA/FAZRY ISMAIL

Töff-Legende Valentino Rossi verdient viel Geld durch Werbung. Bild: EPA

Keine Löhne im klassischen Sinn

Der entscheidende Punkt für das wirtschaftliche Überleben eines Sportsystems sind die Fixkosten. Die sind im Fussball wegen der exorbitanten Saläre viel zu hoch. Das ist im GP-Zirkus nicht der Fall. Mehr als die Hälfte der Töffstars sind im Vergleich zum Fussball «Working Poor».

In der Regel werden nämlich keine Löhne im klassischen Sinne bezahlt. Ein Moto2-Team bietet 12 bis 15 Arbeitsplätze. Dieses «Dienstpersonal» (Fahrer, Techniker, Mechaniker etc.) arbeitet im Auftragsverhältnis. Es handelt sich juristisch um Selbständigerwerbende, die dem Team Rechnung für ihre Dienste stellen.

Damit entfallen schon mal alle Lohnnebenkosten und Auseinandersetzungen mit dem Arbeitsrecht in den verschiedenen Ländern. Das heisst aber auch, dass für die meisten eine Überbrückung durch die Arbeitslosenkasse (Kurzarbeit) nicht möglich ist.

So ist es auch bei Tom Lüthi. Er ist ein «Töff-Unternehmer» (selbständig erwerbend) und hat einen Vertrag mit dem Team des deutschen Batterie-Herstellers Intact als Pilot. Dazu kommen mehrere persönliche Werbeverträge mit verschiedenen Partnern.

epa08276875 Swiss Moto2 rider Thomas Luethi of Liqui Moly Intact GP in action during the qualifying session of the Motorcycling Grand Prix of Qatar at the Losail International Circuit in Doha, Qatar, 07 March 2020.  EPA/NOUSHAD THEKKAYIL

Tom Lüthi wird in diesem Jahr womöglich keine Rennen mehr fahren. Bild: EPA

Die Verträge basieren praktisch alle auf einem Fixum plus Erfolgsprämien. Das Fixum im Fahrer-Vertrag liegt bei rund 250'000 Franken. So kann Tom Lüthi in einem guten Jahr (wenn er um den Titel und regelmässig aufs Podest fährt) brutto mehr als eine halbe Million verdienen.

Einbussen für Lüthi

Tom Lüthi mag die aktuelle Situation nicht bejammern. Er hat sich in seine Wohnung in Linden im oberen Emmental zurückgezogen. «Ich halte mich fit und habe das Glück, dass ich das weiterhin in meinem Fitnesszentrum tun kann. Es wird jeweils nur für mich geöffnet.» Es handelt sich um das «Aemme fit» in Lützelflüh.

Welche finanziellen Folgen die abgesagten Rennen oder gar eine ganze verlorene Saison haben, kann er noch nicht sagen. Weil er ja nicht wisse, welche Resultate er erzielen würde. Aber er macht eine einfache Rechnung auf: «Wenn es keine Rennen gibt, dann habe ich keine Möglichkeit, Prämien herauszufahren.»

«Eine lange, vertrauensvolle Geschäftsbeziehung zahlt sich jetzt aus.»

Tom Lüthis Manager Daniel Epp

Wegen des Stillstandes des Wirtschaftslebens könne er auch Termine für seine Werbepartner nicht wahrnehmen. «Es bleibt mir nichts anderes als abzuwarten und das Beste aus der Situation zu machen. Wenn einmal klar ist, wie es weitergeht, dann werden wir uns zusammensetzen und einen Kompromiss finden.» Will heissen: Tom Lüthi wird bei allen seinen Verträgen Einbussen in Kauf nehmen müssen, wenn die Saison abgesagt wird.

Der Emmentaler hat das Glück, dass sein deutsches Rennteam solide finanziert und stabil ist. Mit vielen Werbepartnern (Sponsoren) arbeitet er seit Jahren zusammen und es handelt sich durchwegs um Firmen, die nach menschlichem Ermessen durch die Krise kommen sollten. Sein Manager und Freund Daniel Epp sagt: «Eine lange, vertrauensvolle Geschäftsbeziehung zahlt sich jetzt aus.»

Tom Lüthi wird zwar 2020 den Gürtel etwas enger schnallen müssen. Aber das ist für ihn kein existenzielles Problem. Er hatte noch nie Starallüren, braucht weder Glanz noch Gloria und pflegt seit jeher einen vernünftigen Lebensstil, der seiner sympathisch-bescheidenen Art entspricht.

Sein Vertrag mit dem Team läuft Ende Saison aus. Die Krise macht zwar eine Verlängerung nicht einfacher. Aber Tom Lüthi hat mit seiner Erfahrung und Klasse so oder so eine gute Verhandlungsposition.

Das aktuelle Restprogramm
21. Juni: Sachsenring (GER)
28. Juni: Assen (NED)
12. Juli: KymiRing (FIN)
09. August: Brünn (CZE)
16. August: Red Bull Ring (AUT)
30. August: Silverstone (GBR)
13. September: Misano (ITA)
27. September: Aragón (ESP)
04. Oktober: Buriram (THA)
18. Oktober: Motegi (JPN)
25. Oktober: Phillip Island (AUS)
01. November: Sepang (MAS)
15. November: Texas (USA)
22. November: Las Termas (ARG)
29. November: Valencia (ESP)

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