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«Man muss aufpassen, dass der Zivildienst nicht zu attraktiv wird», findet Armeechef André Blattmann.<br data-editable="remove">
«Man muss aufpassen, dass der Zivildienst nicht zu attraktiv wird», findet Armeechef André Blattmann.
Bild: KEYSTONE

Herr Blattmann, Zivis sind keine «Schöggeler» – sondern leisten harte und wertvolle Arbeit

Armeechef André Blattmann stellt den Zivildienst als «Schoggi-Job» dar. Damit tut er Tausenden von Zivis unrecht, die einen unabdingbaren Dienst an der Gesellschaft leisten.
05.10.2015, 13:4106.10.2015, 17:38
Roman Rey
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Ein Schweizer, der sich für den Zivildienst entscheidet, ist 390 Tage für sein Land im Einsatz. Das sind 26 Wochen mehr als ein normaler Soldat leistet. Er nimmt das willentlich in Kauf, um im sozialen Bereich einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten.

Für Armeechef André Blattmann ist das nicht genug. «Man muss aufpassen, dass der Zivildienst nicht zu attraktiv wird», sagt er im Interview. Ein Zivi arbeite im Schulbereich von Montagmorgen bis Freitagnachmittag, ein Soldat von Sonntagabend bis Samstagmorgen. «Am einen Ort habe ich jeden Abend Ausgang, am anderen nur ein-, zweimal pro Woche», sagt er. 

Ist der Zivildienst zu attraktiv?

Blattmann stellt sich einen solchen Einsatz offensichtlich als eine gemütliche Angelegenheit vor, als «Schoggi-Job». Damit tut er tausenden von Zivildienstleistenden unrecht. Viele arbeiten in der Pflege oder in der Betreuung, wo Wochenendeinsätze zur Normalität gehören.

Wie ich bei meinen Einsätzen in einem Behindertenheim und einem Altersheim festgestellt habe, beginnt die Arbeit oft zwischen sieben und acht Uhr morgens; rechnet man den Arbeitsweg mit ein, muss man richtig früh aus den Federn. Allnächtliche Parties liegen da nicht drin – auch wenn man «jeden Abend Ausgang» hat.

Auch abgesehen von den Arbeitszeiten sind solche Einsätze in der Regel keine leichte Kost. Klar, im Militär lernt man Befehle zu befolgen, das Bett zu machen und den Raum mit einem Dutzend Typen zu teilen, die man nicht kennt.

«Das Bild, dass ein junger Mann nur im Militär richtig erwachsen werden kann, ist ebenso alt wie falsch.»

Zivildienstler hingegen arbeiten mit Drogensüchtigen, Asylbewerbern in Ausschaffungsgefängnissen und Auffangzentren und pflegebedürftigen Senioren. Das fordert ihnen Einiges ab und bringt sie nicht selten an ihre emotionalen Grenzen. Das Bild, dass ein junger Mann nur im Militär richtig erwachsen werden kann, ist ebenso alt wie falsch.

Ein Zivi im heilpädagogischen Zentrum in Köniz.<br data-editable="remove">
Ein Zivi im heilpädagogischen Zentrum in Köniz.
Bild: KEYSTONE

Hinzu kommt, dass Zivildienstler in vielen Institutionen unabdingbar geworden sind. Das Budget in Heimen ist knapp, die Betreuer können sich bei den Bewohnern oft gerade mal um das Nötigste kümmern. Junge Männer, die Zeit für etwas mehr Menschlichkeit – ein Brettspiel, einen Einkauf oder einen Spaziergang – haben, sind Gold wert. Auch dass Zivis neuerdings an Schulen eingesetzt werden dürfen, ist keine Beschäftigungstherapie, sondern eine gute Strategie im Kampf gegen den Lehrermangel.

Dass André Blattmann um den Bestand der Armee besorgt ist, ist verständlich, denn es wandern tatsächlich immer mehr Soldaten in den Zivildienst ab. Hier die Hürden zu erhöhen, wäre aber die falsche Lösung – und würde wohl viele dazu bringen, wieder über den «blauen Weg», die Ausmusterung, aus der Armee zu kommen.

Obwohl das der Armeechef nicht gern hören wird: Viele Soldaten machen in ihrer Dienstzeit nicht viel Sinnvolles, wie eine Umfrage unter Militärdienstleistenden auf der Redaktion bestätigt. Herr Blattmanns Angriff ist unfair und ungerechtfertigt. Denn die Zivis leisten Tag für Tag wertvolle Arbeit für das Land und die Bevölkerung – das dürfte niemand bezweifeln.

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125 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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philosophund
05.10.2015 15:25registriert September 2015
Heute +10J im Altersheim:
Z: *klopf* Guete Morgä Herr Blattmaa KK Ausser Dienst
B: Grüessech Herr Götgörgülü
Z: Wemmär mal luege wies unde usgseht?
B: Jo. (..)
Z: *werkel*
B: Isches härt?
Z: Hä?
--- (Gedankensekunde) ---
B: I meine de Zivildienst.
Z: Ja ize scho *füdleputz*
B: I has immer härt gha i minere Militärgarriere. Aber das macht eim zumene Maa.
Z: Jawohl. *woschwosch*
B: ..und wüssed sie Herr Götgörgülü, sie hette au selle wiitermache.
Z: Genau. *sloshslosh*
B: Panzer fahre, im Wald verstecke, Schüsse, SIM-Gfächtli mache. ned?
Z: Eusi Familie isch im Krieg gstorbe.
(..)
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The Host
05.10.2015 14:24registriert Juli 2015
Dass der Zivildienst künstlich massiv unatraktiver gemacht werden muss, sagt doch schon sehr viel über die Attraktivität des Militärs aus...
Junge Menschen, die die Sinnhaftigkeit mehr Gewichten werden den Zivildienst noch lange vorziehen. Da kann das Militär abstinken.
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Cheesus
05.10.2015 14:41registriert Juli 2015
Ein Kollege: "Wenn Blattmann eines Tages in einem Altersheim in seinem vollgeschissenen Bett liegt, und niemand Zeit für ihn hat, würde er sich wünschen, es gäbe dort einen Zivi, der sich um ihn kümmern würde."
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