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Warum Menschen die gleiche Realität anders wahrnehmen

Der Soziologe Peter Gloor vom Center for Collective Intelligence am MIT zeigte am Podium Interface an der Fachhochschule Brugg, warum Menschen die gleiche Realität anders wahrnehmen.

Christoph Bopp / ch media



epa07501215 A woman visits the exhibition 'Mirrors: In and Out of Reality' in Barcelona, Spain, 12 April 2019. Maths, physics and photonics melt in this exhibition presented by Cosmocaixa in which visitors can enter a big kaleidoscope to walk through and experience with the effects and particularities of mirrors. The exhibition will be open to public from 12 April to 06 June 2019.  EPA/Quique Garcia

Bild: EPA/EFE

«Gnothi seauton!» – «Erkenne dich selbst!» Das empfahl der Gott Apollon den Leuten, welche seinen Rat suchten. Die Inschrift stand an seinem Tempel in Delphi, dem Ort, der seit der Antike für sein Orakel bekannt ist. Was der Spruch für die Praxis bedeutet, war allerdings auch schon seit jeher orakelbedürftig. Denn keine Erkenntnis ist so wenig theoretisch wie die über einen selbst. Sich selbst zu erkennen, heisst unmittelbar die Folgen daraus zu ziehen: Praktiziere ein bestimmtes Verhalten. Du bist, was du tust.

Sich selbst erkennen kann auch heissen: Erkenne, wohin du gehörst. Das Individuum weiss erst, was es selbst ist, wenn es sich verortet. Oder wenn es bekennt, zu welchem Stamm es gehört. Wobei man «Stamm» hier nicht genealogisch, wo man hineingeboren wird, verstehen darf. Sondern als Gruppe mit geteilten Überzeugungen über die Welt und über richtig und gut. Man ist, wie man tickt.

Gemeinsame Überzeugungen

Stämme definieren sich über das Kollektiv-Bewusstsein. Der Begriff stammt vom französischen Soziologen Emile Durkheim (1858–1917). Er sah die Arbeitsteilung der modernen Gesellschaft und wunderte sich, dass es trotzdem ein starkes Gemeinsames gab. Obwohl die Menschen im Handeln verschiedener oder autonomer waren als je, schienen sie gleichzeitig stärker von der Gesellschaft abzuhängen. Das «Wir» war keinesfalls verschwunden, obwohl die Menschen nicht mehr miteinander auf den Feldern arbeiteten.

Bild

Netzwerkforscher und MIT-Professor Peter Gloor. Aufgenommen am 22. März 2018 beim Aarauer Einstein. Gloor wohnt in Aarau. Bild: az/Chris Iseli

Wir stellen uns vor, wir urteilten autonom und fühlten jeder für sich. Gefühle seien individuell und nicht mitteilbar. Diese Empfindung entspricht nicht der Realität. Wir urteilen und fühlen nach einem gemeinsamen, unsichtbar-vorbewussten Band. Wie stark es ist, hat man erst im Internet-Zeitalter richtig erkannt. Oder umgekehrt: Das Internet hat die Verbreitung dieses gemeinsamen Kollektiv-Bewusstseins enorm gesteigert. Das Internet liefert auch die Daten, die ermöglichen, es zu messen und zu beschreiben.

Stammes-Algoritmen

Jetzt kann der Soziologe mit statistischen Methoden untersuchen, welche Einstellungen und Äusserungen mit welchen korrelieren. Es wird deutlich, mit welchen Gefühlen wir kollektiv auf Ereignisse reagieren. Peter Gloor brachte eindrückliche Beispiele. Der Tod von Prinzessin Diana löst Trauer aus, die Bombenattentate beim Marathon von Boston und die anschliessende Jagd nach den Tätern machten den Leuten Angst. Ob die Leute mit Freude oder Wut reagierten, als der US-Kongress Präsident Trump beim Mauerbau auflaufen liess, lieferte eine genaue Trennlinie zwischen Trump-Fans und Gegnern.

Die Algorithmen entlarven uns. Wir glauben an unsere Autonomie, dabei gehören wir zu einem «virtual tribe», zu einem Stamm. Wir neigen dazu, die Realität ähnlich wahrzunehmen. Und das Gemeinschaftsgefühl oder der Wunsch nach Gemeinschaft verleiten uns gar dazu, die Realität so wahrzunehmen, wie es unsere Nachbarn tun. Wir halten eher für wahr, was uns zusammenbringt, als was ein Realitycheck ergeben würde.

Wir tanzen lieber in der Reihe, als ausserhalb zu stehen. Für Peter Gloor entspricht das zwei Grundsätzen der Quantenphysik. Elementarteilchen verhalten sich manchmal seltsam. Man nennt es «Verschränkung» (entanglement), zwei Teilchen verhalten sich gleich, auch wenn sie räumlich weit voneinander entfernt sind. Auch wir neigen zur Verschränkung. Und der andere Grundsatz ist Heisenbergs Unschärferelation: Man kann nicht messen, ohne das System zu beeinflussen. Wenn uns die Daten sagen, wer wir sind, haben wir die Chance zum «reboot»: zur Änderung unseres Verhaltens.

NÄCHSTES REFERAT

Montag, 3. Juni, Prof. Dr. Andreas Brenner: Wenn Menschen keine Menschen mehr sein wollen: Mit den Cyborgs zu den «Transhumanen».

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6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bynaus @final-frontier.ch 15.05.2019 20:28
    Highlight Highlight Lasst die Quantenphysik da raus, die hat hier nichts verloren.
    • Wander Kern 15.05.2019 21:14
      Highlight Highlight Danke. "Shut up and calculate!"
    • Firefly 15.05.2019 21:38
      Highlight Highlight Richtig und der Algorithmus eigentlich auch nicht. Aber sind halt gerade so lässige Begriffe. Die Quantenphysik ist sogar schon bei den Esoterikern angelangt. Ob es der Algorithmus auch bald dorthin schafft?
  • Garp 15.05.2019 17:59
    Highlight Highlight Etwas wirrer Artikel. Besonders als es zur Physik springt. Vielleicht ist aber auch Herr Brenner etwas wirr.
  • make_love_not_war 15.05.2019 17:54
    Highlight Highlight goebbels hätte seine helle freude an dieser wissenschaftlichen erkenntnis gehabt.. zum glück leben wir heute in einer zeit, in der solche studien nicht zur manipulation der massen benutzt werden. oder?
    • Regentrockner 17.05.2019 12:46
      Highlight Highlight Das ist rein Deine persönliche Realität.

«Ich verheimliche meiner Partnerin, dass ich in meine Kollegin verliebt bin»

Lieber Anton,

wie mir scheint, hast du gerade an mehreren Fronten zu kämpfen. Da ist einerseits die unerwiderte Liebe zur Arbeitskollegin. Anderseits ist da deine Beziehung, die wegen deiner Fremdverliebtheit aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Bevor ich auf deine Kollegin eingehe, lass mich bitte Partei für deine Freundin beziehen: Ich halte es für egoistisch, ihr nicht zu sagen, wie es um dein Herz und dich steht. Du schreibst klar, dass du Angst hast, danach vor dem Nichts zu stehen.

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