Gesellschaft & Politik
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Heim St. Iddazell, TG

Gewalt und sexuelle Missbräuche im Kloster Fischingen



Im ehemaligen Heim St. Iddazell des Klosters Fischingen TG sind bis in die 1970er-Jahre Kinder und Jugendliche Opfer von Gewalt und sexuellen Übergriffen geworden. Dies zeigt ein am Montag veröffentlichter Bericht. Vertreter des Klosters entschuldigten sich. 

«Es tut uns leid, dass in unseren früheren Institutionen Unrecht an Kindern geschehen ist», sagte Roman Müggler, Präsident des Vereins Kloster Fischingen, an einer Medienkonferenz. Vertreter des Vereins und der Benediktinerklöster Engelberg und Fischingen entschuldigten sich bei den Betroffenen und der Öffentlichkeit. 

250'000 Franken für Soforthilfe 

Sie kündigten eine Zahlung von 250'000 Franken in den Fonds für Soforthilfe an. Aus diesem sollen Opfer von Zwangsmassnahmen unbürokratisch Hilfe erhalten. Dazu gehören auch Personen, die im Kinderheim und in der Internatsschule St. Iddazell Gewalt erlebten oder sexuell missbraucht wurden. 

Die Beratungsstelle für Landesgeschichte (BLG) Zürich unter der Leitung des Historikers Thomas Meier arbeitete im Auftrag des Klosters Fischingen das dunkle Kapitel auf. Gestützt auf Akten und Interviews mit ehemaligen Zöglingen und Erziehern, legte das BLG einen 170-seitigen Bericht vor. 

Prügel, Kahlscheren und Dunkelhaft 

In St. Iddazell waren Strafen und körperliche Gewalt an der Tagesordnung, «von Tatzen und Ohrfeigen bis zu stundenlangem Hinknien, Essensentzug bis hin zur Züchtigung mit Gürteln und Knüppeln, vom Kahlscheren der Kopfhaare bis zur Dunkelhaft». Laut Meier waren die Strafen zum Teil exzessiv. 

Ohne Zweifel sei es auch zu sexuellen Übergriffen gekommen. Betroffen waren Knaben und Mädchen, unter den Tätern waren Gärtner, Lehrer, Patres und ein Direktor. Auch Schwestern sollen sich an Mädchen vergriffen haben. 

Vertuschung statt Aufsicht 

Die Abgeschiedenheit des Heims im Hinterthurgau, aber auch mangelhafte Kontrollen und eine fehlende Heimaufsicht hätten ein Klima für Übergriffe begünstigt, heisst es. Opfer, die sich wehrten, wurden als Lügner bezeichnet und bestraft. Laut dem Bericht herrschte in Fischingen eine «gewisse Vertuschungstaktik». 

1976 wurde das Heim St. Iddazell, 1978 die Schule geschlossen. Schon in Jubiläumsschriften von 1980 und 2005 fanden sich laut Roman Müggler Hinweise auf Verfehlungen. Eine fundierte Aufarbeitung blieb aber damals aus. 

Ab 2010 machten ehemalige Zöglinge Missbräuche publik. Die Vorwürfe richteten sich gegen einen Pater, der von 1957 bis 1977 als Erzieher und Sekundarlehrer in St. Iddazell wirkte, zuletzt auch als Direktor. Der Pater, der bis heute in Fischingen lebt, bestritt die Taten, die ihm zur Last gelegt wurden. 

Nach Schweizer Recht verjährt 

Eine Klage gegen ihn wies das Bundesgericht Anfang 2014 wegen Verjährung ab. Die Kläger zogen den Fall an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg weiter. 

Die Thurgauer Regierung bedauerte in einer Stellungnahme die mangelnde Heimaufsicht bis in die 1970er Jahre. Laut Justizdirektor Claudius Graf-Schelling enthält der BLG-Bericht auch Hinweise, dass die Psychiatrische Klinik Münsterlingen TG an Zöglingen aus Fischingen Versuche mit Medikamenten durchführte. 

Dies müsse abgeklärt werden. Die Hinweise würden in ein geplantes Forschungsprojekt über die Vorgänge in Münsterlingen aufgenommen, sagte Graf-Schelling. 

Luzius Mader, stellvertretender Direktor des Bundesamts für Justiz und Leiter des «Runden Tisches für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen», würdigte die sorgfältige Aufarbeitung der Geschehnisse und die Offenheit der Verantwortlichen des Vereins Kloster Fischingen, des Benediktinerordens und des Regierungsrats. 

Eine der grössten Erziehungsanstalten 

Das Kinderheim St. Iddazell war bis weit ins 20. Jahrhundert eine der grössten Erziehungsanstalten der Schweiz. Die 1879 gegründete Waisenanstalt wurde später zum Sekundarschul-Internat und zum Sonderschulheim. 6500 Kinder und Jugendliche lebten bis 1978 in Fischingen. 

Viele stammten aus «zerrütteten Familienverhältnissen», galten als schwererziehbar, verwahrlost oder Psychopathen, andere wurden vom Vormund oder der Jugendanwaltschaft in Fischingen «versorgt». Der Heimalltag war religiös-katholisch geprägt, und der Anstalt fehlten die Mittel für genügend und ausreichend ausgebildetes Personal. 

Gemäss dem BLG-Bericht war das Heimpersonal oft überfordert. Zugleich konnte es relativ unbeaufsichtigt agieren. Starre Hierarchien hätten kaum Kritik zugelassen und Reformen verhindert. (rey/sda) 

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