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Belinda Bencic (rechts) greift in Tokio im Einzel und im Doppel an der Seite von Viktorija Golubic nach Olympia-Gold.
Belinda Bencic (rechts) greift in Tokio im Einzel und im Doppel an der Seite von Viktorija Golubic nach Olympia-Gold.
Bild: keystone

Mit russischem Geld, Hockey gegen Jungs und Burgern – wie aus Bencic eine Siegerin wurde

Ihr Vater sagte einst: «Einfach keine Tussi werden!» – und schickte sie zum Eishockey. Wie Belinda Bencic vom «Projekt» zur doppelten Medaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen in Tokio wurde. Ein Porträt.
31.07.2021, 06:2801.08.2021, 07:28
Simon Häring, tokio / CH MEdia

Vielleicht wird es zweimal Gold. Im Minimum silbern werden die beiden Medaillen sicher sein, die Belinda Bencic in Tokio gewinnt. Am Samstag (ca. 11 Uhr) bestreitet sie den Einzel-Final. Am Sonntag mit Viktorija Golubic den Doppel-Final.

Bencic ist damit eine der grossen Figuren dieser Olympischen Spiele, die aus Schweizer Sicht schon jetzt die erfolgreichsten der letzten 70 Jahre sind. Für Bencic selbst sind die Spiele gar der vorläufige Höhepunkt einer Karriere, die von langer Hand geplant ist. Wie ist es dazu gekommen?

Als Belinda Bencic sieben Jahre alt ist, gehen zwei Männer eine Wette ein. Sie wird Millionen kosten – und eine Freundschaft. Es sind Ivan Bencic und Marcel Niederer. In jungen Jahren spielen die beiden gemeinsam Eishockey. Niederer macht sich in Russland einen Namen als gewiefter Geschäftsmann. Erst handelt er mit Mandarinen und Bananen, dann zieht er nach Wladiwostok, lernt Russisch, findet sein privates Glück. Dann kauft er in Südkorea Dollar-Restposten. Kurz darauf bricht der Rubel, später auch der südkoreanische Won ein, Niederer wird zum gemachten Mann.

Das Geld ist knapp

Einen Teil seines Vermögens investierte er in die Tochter von Ivan Bencic: Belinda. Die beiden gründen «Bencic und Partner», Niederer alimentiert die Karriere der Tennisspielerin mit einer geschätzten Summe von einer halben Million Franken jährlich. Dass Niederer einen Teil dieses Geldes in Russland verdient hat, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn 1968 flüchten ­Belinda Bencics Grosseltern vor den Russen aus der Tschechoslowakei in die Schweiz.

Da ist sie 12 Jahre alt: Die Familie Bencic mit Mutter Dana, Vater Ivan und Bruder Brian.
Da ist sie 12 Jahre alt: Die Familie Bencic mit Mutter Dana, Vater Ivan und Bruder Brian.
Bild: KEYSTONE

Mit seinem Geld ermöglicht Niederer seinem Freund Ivan Bencic, die Arbeit als Versicherungsvertreter aufzugeben und mit seiner Tochter quer durch Europa an internationale Turniere zu reisen. Knapp ist das Geld trotzdem.

Sie hausen in den billigsten Hotels, schlafen im gleichen Zimmer und essen notfalls bei McDonald's, weil das nicht nur günstig ist, sondern auch, «weil du dort weisst, was drin ist und nichts befürchten musst», wie Ivan Bencic einmal erklärt. Im Gegenzug amtet Niederer als Manager und lässt sich eine Beteiligung am finanziellen Erfolg zusichern.

Nachbarn und Beobachter schütteln den Kopf

Als der Vater ihr als Zweijährige auf dem Garagenplatz und später auf Tennisplätzen Bälle zuwirft, weil er selber nie Tennis gespielt hat, schütteln Nachbarn und Beobachter den Kopf. Doch der gebürtige Slowake geht unbeirrt seinen Weg, was andere sagen, kümmert ihn wenig: «Im Gegensatz zu den USA ist es in der Schweiz noch immer verpönt, offen über grosse Ziele zu reden. Warum sollten wir es nicht versuchen, wenn wir die Möglichkeit haben?» Das Ziel? Die Nummer 1 der Welt werden.

Triumph am Hopman Cup: Bencic siegt an der Seite von Roger Federer.
Triumph am Hopman Cup: Bencic siegt an der Seite von Roger Federer.
Bild: AP

Mit 14 Monaten steht Bencic erstmals auf dem Tennisplatz, mit vier bringt sie Aufschläge ins Feld, als sie sechs ist, siedelt die Familie für ein halbes Jahr nach Florida über, wo Bencic in der renommierten Bolletieri-Akademie trainiert, die zuvor schon Boris Becker, Andre Agassi oder Maria Scharapowa durchliefen. «Dort wurde Belinda mit dem Tennisvirus infiziert», sagt Vater Ivan. Danach steht sie täglich drei Stunden auf dem Tennisplatz.

Dazu kommen anderthalb Stunden Alternativtraining. Kondition und Koordination werden mit Inlineskaten, Schwimmen, Reiten, Waldlauf und Fussball gefördert. Im Winter spielt sie einmal in der Woche mit drei anderen Mädchen und 20 Buben Eishockey. Dort solle sie lernen, einzustecken und sich durchzusetzen, «einfach keine Tussi werden!», sagt der Vater.

Hingis' Mutter als Trainerin

Weil sie in der Schule einen Notenschnitt von 5,2 aufweist, darf Bencic einige Lektionen auslassen. Das gibt ihr Zeit, um auch bei Melanie Molitor zu trainieren, der Mutter von Martina Hingis. Als Bencic vier Jahre alt ist, wird Molitor ihre Trainerin, Vater Ivan lässt ihr freie Hand. Molitor vertritt den Standpunkt, dass Karriere macht, wer möglichst viele Bälle schlägt. Sie sagt: «Erst danach kann man mit ihnen arbeiten. Das ist wie beim Autofahren. Niemand kann sofort mit 200 Kilometern in der Stunde fahren.»

Bencic verinnerlicht diese Haltung. Später, als sie bereits zu den Top Ten der Weltrangliste gehört, wird sie sagen: «Ich glaube nicht an Talent und ich bin auch keines. Als ich mit dem Tennis begann, hatte ich null Ballgefühl. Ich habe das alles gelernt und ich denke, das ist für jeden möglich. Wille, Ausdauer und Leidenschaft haben nicht alle, ich schon.»

Freudentränen nach dem Finaleinzug in Tokio.
Freudentränen nach dem Finaleinzug in Tokio.
Bild: keystone

Das bringt sie weit. Mit 12 spielt sie im Interclub für Wollerau gegen 20 Jahre ältere Spielerinnen, die erst meinen, sie sei die kleine Tochter ihrer Gegnerin und dann mit einem 0:6, 0:6 vom Platz müssen. Als 15-Jährige gibt sie 2012 ihr Profi-Debüt. Mit 16 ist sie die beste Juniorin der Welt, gewinnt French Open und Wimbledon.

Mit 17 ist sie Mitten in der Weltspitze angekommen: Viertelfinal bei den US Open. Mit 18 ist sie die Nummer 7 der Welt. Die Wette, die Ivan Bencic und Niederer eingegangen waren, ist längst gewonnen, das Projekt wirft satte Renditen ab. Doch im Herbst 2016 zerbricht die Freundschaft, es kommt zur Trennung. Als Grund nennt Ivan Bencic «mehrmalige Alleingänge hinter dem Rücken der Familie und dem Trainerteam». Das habe zu einem irreparablen Vertrauensbruch geführt. Niederer dementiert vehement.

Verletzungen treiben Bencic in einen Teufelskreis

Auch der sportliche Aufstieg gerät ins Stocken, Bencic spielt zu viel und ist immer wieder verletzt. Einmal stoppt sie das Steissbein, dann das Handgelenk, schliesslich der Fuss. Ist eine Verletzung ausgeheilt, kommt die nächste. «Ich geriet in einen Teufelskreis. Es war ein Albtraum. Ich dachte, das Universum hasst mich», sagt sie. Im Frühling 2017 zieht Bencic die Reissleine, lässt sich am linken Handgelenk operieren, fällt fünf Monate aus und in der Weltrangliste bis auf Position 318 zurück. Ihr Stern, so scheint es damals, ist schon am Verglühen.

Dazu fällt die Abnabelung vom Elternhaus schwer. Mal reist Bencic mit Vater, mal ohne an Turniere, alle paar Monate wechselt sie ihre Trainer. Bencic wirkt verloren. Während ihrer Verletzungspause macht sie Yoga, beginnt zu malen und nimmt Tanzstunden. Erst geniesst sie das Leben ausserhalb der Tennisblase, doch schon bald fehlt es ihr. Bencic hatte zuvor nie eine Wahl, ihr Weg war vorgezeichnet. Dieses Mal aber ist es ihre Wahl, in den Tenniszirkus zurückzukehren. Bei kleinen Turnieren und abseits des Rampenlichts findet sie die Freude am Spiel und Wettkampf wieder. Drei Monate später gehört sie wieder zu den Top 100 der Weltrangliste, ab 2019 ist sie konstant unter den ersten 20 der Welt klassiert.

In jenem Jahr findet sie auch privat Boden unter den Füssen, verliebt sich in ihren Fitnesstrainer, den Ex-Fussballer Martin Hromkovic, mit dem sie heute in der Slowakei lebt. Auf einen grossen Turniersieg wartet Belinda Bencic aber immer noch. Von «CH Media» darauf angesprochen, sagt sie vor den Olympischen Spielen: «Ich weiss nicht, wann mein Moment kommt, aber ich arbeite jeden Tag hart für meine Träume. Und ich bin überzeugt, dass ich irgendwann belohnt werde.»

Knapp zwei Wochen später spielt sie bei den Olympischen Spielen um zwei Goldmedaillen.

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Die besten Bilder der Olympischen Spiele 2020 in Tokio

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quelle: keystone / martin meissner
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