DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Interview

Ein Männlein lebt seit Jahren im Winterthurer Walde

Isidor im Wald mit einem heissen Kaffee.
Bild: Islandart
20.07.2014, 19:4021.07.2014, 18:37

In Winterthur kennt ihn jeder: Der Mann mit Namen Isidor lebt seit Jahren zurückgezogen in einer kargen Hütte im Wald. Lukas Schwarzenbacher hat das Leben des Eremiten dokumentiert: Wir sprachen mit dem 25-jährigen Filmemacher über das Ergebnis, den Film «Isidor».

Isidors Hütte.
Isidors Hütte.
Bild: Islandart
Filmemacher Lukas Schwarzenbacher.
Filmemacher Lukas Schwarzenbacher.
Bild: Islandart

Herr Schwarzenbacher, wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, einen Aussteiger zu porträtieren? 
Ich kenne Isidor schon seit zehn Jahren. Kennengelernt haben wir uns bei einer Altmetall-Mulde, wir haben einfach angefangen, miteinander zu reden. Seither habe ich ihn immer mal wieder in Winterthur getroffen und er erzählt dann, was er so macht. Als ich nach einem Thema für meine Diplomarbeit gesucht habe, bin ich ihm auf dem Heimweg von einer Kollegin wieder in die Arme gelaufen. Er hat mir damals ein Foto von seiner Hütte gezeigt und als ich weiterging, fing die Idee in meinem Kopf zu drehen an: Mensch, der erzählt doch gern, hat was erlebt und das wäre doch genau das Richtige. Ich habe dann einer Bekannten davon berichtet und sie sagte, wenn ich es nicht mache, wird sie es tun.

Sie waren schneller ... 
Nachdem ich mich entschieden hatte, das Portät zu machen, musste ich ihn erstmal suchen. Ich wusste nicht, wo im Wald er wohnt. Ich hatte ihn immer nur in der Stadt getroffen.

Woher wussten Sie, wie Sie ihn finden können? 
 Er hatte mal mit der Hand in eine Richtung gedeutet. Ich wusste, es ist eine kleine Hütte. Ich habe eine Landkarte genommen und bin eine Hütte nach der anderen abgefahren und habe die Orte weggestrichen. Wie es dann halt immer so ist: Beim letzten bin ich fündig geworden. 

Bild: Islandart

Wie fand Isidor die Idee, im Mittelpunkt eines Films zu stehen? 
Er war noch nie in den Medien. Ich bin der Erste, der was über ihn macht, er ist es nicht gewohnt. Als ich zu ihm gegangen bin, habe ich ihm sorgfältig erklärt: Ich will einen Film über dich machen. Erst war bloss eine Viertelstunde angedacht. Er sagte dann, er gebe keine Interviews. Ich habe das erstmal so stehen lassen. Fünf Minuten später fragte er mich: Luki, hast du nicht ein iPhone dabei? Mach doch ein Foto, wenn ich Pfeile schiesse.

Damit war das Eis gebrochen ... 
Er ist ein leidenschaftlicher Bogenschütze. Etwas später durfte ich schiessen und er wollte das Telefon, um mich zu fotografieren. Ich konnte ihn dann filmen und habe angekündigt, das nächste Mal meine Kamera mitzunehmen. Ich habe extra eine kleine ausgewählt, die aber möglichst gute Bilder macht. Ich wollte nicht, das zu viel Technik ihn am Anfang stört.

Isidor beim Kaffeekochen.
Isidor beim Kaffeekochen.
Bild: Islandart

Wie lange haben Sie ihn begleitet? 
Ein halbes Jahr im Winter. Den kleinen Camcorder hat er nachher gar nicht mehr wahrgenommen. Einmal musste ich dann den Akku wechseln und die Kamera ist in den Vordergrund gerückt, aber er hat gemerkt, dass ich, auch wenn ich auf das Display schaue, mit Geist und Seele ganz bei ihm bin. Er hat sich total wohl gefühlt.  

Warum hat sich Isidor denn eigentlich zurückgezogen? 
Er hat sehr viele Schicksalsschläge hinnehmen müssen und sehr viel verloren. Sich zurückzuziehen war für ihn die einzige Lösung. Und wenn ich ihn heute anschaue, sehe ich, dass es ihm gut geht, dass er fröhlich ist. Es geht ihm besser als manchem, der einen anständigen Job hat und mit seiner Familie in Zürich lebt.

Improvisierter Herd.
Improvisierter Herd.
Bild: Islandart

Wie reagieren die Menschen auf ihn?
Er wird toleriert, es gibt nur wenige, die ihm das Leben schwer machen. Es gibt viele Leute, die zu ihm in den Wald kommen und Persönliches abladen. Andere bringen ihm Sachen und davon teilweise mehr, als er selbst verbrauchen kann. Lebensmittel zum Beispiel – oder Holzkohle. Er hatte sich gefragt, was er mit der ganzen Holzkohle soll und hat dann doch Holz gesucht, um damit Feuer zu machen.

Und wie reagiert Isidor auf seine Mitmenschen? 
Was er gar nicht leiden kann ist, wenn man ihn nicht ordentlich grüsst. Er will, dass man ihn als Mensch wahrnimmt – was wir ja eigentlich alle wollen. 

Isidor hat seinen eigenen Weg gefunden, in der Natur zu überleben. 
Isidor hat seinen eigenen Weg gefunden, in der Natur zu überleben. 
Bild: Islandart

Isidor hat viel von sich erzählt. Was haben Sie ihm zurückgegeben? 
Ich habe ihm zugehört.

Was würde Ihnen an seiner Stelle am meisten fehlen? 
Mir persönlich würde das Soziale am meisten fehlen. Man wird anders wahrgenommen, wenn man im Wald lebt – man ist ja auch anders. 

Und worum beneiden Sie ihn? 
Die Oase in der er lebt, deshalb wollte ich den Film ja machen. Es ist die Ruhe, die er hat und die Zeit, die er sich nimmt. Wie etwa für's Zähneputzen oder Essen machen – all die Sachen, die bei uns im Stress passieren. Es hat Momente gegeben, in denen ich selber eineinhalb Tage gebraucht habe, bis ich die Ruhe hatte, in den Wald rauszugehen und ihm zuzuhören. Aber dann hat es mir selbst sehr gut getan.

Schweizer Film-Nachwuchs 
Lukas Schwarzenbacher hat an der F&F Schule für Kunst und Mediendesign in Zürich Film studiert. «Zusammengefasst bin ich Filmemacher mit Schwerpunkt Regie, während bei anderen Schulen mehr Wert auf Technik gelegt wird.» Er hat vor eineinhalb Jahren seine eigene Produktionsfirma Islandart GmbH gegründet. Wann und ob «Isidor»in den Kinos oder im TV gezeigt wird, ist noch offen. Sicher ist, dass die Islandart den Film als Download zur Verfügung stellen wird, voraussichtlich ab Frühjahr 2015. Interessenten können sich aber hier eintragen und werden über entsprechende Termine per Mail informiert.

Sieht man nach so einem Dreh die sogenannte Zivilisation mit anderen Augen? 
Ich kenne dieses Leben ein bisschen, es war von daher keine grosse Überraschung. Was ich gelernt habe: Isidor ist kein Einsiedler, der alleine ist, sondern ein Teil von unserer Gesellschaft, der nicht damit klarkommt, wie geregelt wir leben. Ein Aussenseiter der Gesellschaft gehört aber trotzdem immer noch zur Gesellschaft. Isidor steht am Rande der Gesellschaft, ist aber sehr wichtig für sie, weil er ihre Regeln und ihr Verhalten in Frage stellt. Er regt zum Nachdenken an.

Um wen sorgt sich Isidor?
Bei ihm ist immer der, der gerade da ist, der wichtigste Mensch. Das finde ich extrem schön. Deshalb kommen auch so viele Besucher und reden mit ihm.

Zweifelt er auch an sich? 
Ich glaube, Zweifel hat er nicht, aber dafür umso mehr Kritik an unserer Lebensweise. Wie wir arbeiten, wie wir miteinander umgehen, was wir wegwerfen. 

Hat er den Film gesehen? 
Ja, er hat viel gelacht, sich extrem gefreut

War das eigentlich ihr erster Film? 
Ich habe als Matura Arbeit einen 30-minütigen Film zum Thema Borderline gemacht. Das hat mir einfach gefallen und ich habe meinen Fokus aufs Gestalterische gelegt. In meiner Freizeit habe ich danach einen 45-minütigen Film gedreht. Darin ging es um Jugendträume: Was fange ich mit meinem Leben an? Anschliessend habe ich das Studium aufgenommen.

Mehr zum Thema

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Interview

Bioethiker: «Ungeimpfte sollten freiwillig auf einen Restaurantbesuch verzichten»

Der Philosoph und Biologe Christoph Rehmann-Sutter wünscht sich eine Zertifikatspflicht für Restaurantbesuche. Er erklärt, warum man freiwillig offenlegen soll, ob man geimpft ist. Und er sagt, was er vom Vorschlag hält, dass Impfverweigerer eine höhere Krankenkassenprämie zahlen sollen.

Darf man Unwillige zur Impfung zwingen?Christoph Rehmann-Sutter: Impfen ist vernünftig und solidarisch. Es gibt aus meiner Sicht heute keinen vernünftigen Grund, sich nicht impfen zu lassen, ausser man hat eine Allergie oder Unverträglichkeit. Das betrifft nur sehr wenige Menschen. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied zwischen staatlich verordnetem Zwang und selbst eingesehener Verantwortung. Sich impfen zu lassen, ist aus der freien Verantwortung für andere und für sich selbst heraus …

Artikel lesen
Link zum Artikel