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slow tv norwegen

Freeeeech! Ein Eichhörnchen crasht die Vogelfutter-Bar der «Piip Show». Bild: nrk

Die Norweger spinnen: Eine Meise scheisst in die Kamera, alle jubeln. Über das langsamste und erfolgreichste TV der Welt

134 Stunden Schifffahrt, 87 Tage Vögel, 308 Tage Kaviarherstellung, eine Woche mit Rentieren: Die Norweger sind begeistert von Slow TV in Echtzeit. Das allerdings nichts wäre ohne Social Media.



In dem Moment, da die kleine Meise zum ersten Mal das Vogelhäuschen verlässt und in die Welt hinausfliegt, ist sie so aufgeregt, dass sie den Schwanz hebt und scheisst. Es ist dies, neben den Auftritten des verfressenen Eichhörnchens, der spitzenmässige Höhepunkt eines 87-tägigen Web-Feeds des TV-Senders NRK. Sie heisst «Piip Show», und schon zu Beginn, im März 2014, twittert die dänische Kronprinzessin Mette-Marit: «Thats why we looooove Norwegian broadcasting.» 

Die kleinen Vögel verlassen die «Piip-Show»

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YouTube/NRK

NRK hatte zwei Nisthäuschen und einen Futterplatz irgendwo in der norwegischen Natur platziert und auf ein Wunder gehofft, und siehe da, es geschah: Tiere, die genauso ansehnlich waren wie die von Stardesignern gebauten Kulissen (eine sah aus wie das hippste Café von Oslo), kamen herbei, balgten und vögelten, und Vögelchen kamen zur Welt. 30'000 Norweger waren ständig online, weltweit kamen noch ein paar tausend Vogelfans dazu. Der 14-stündige Zusammenschnitt fand am TV ein Millionenpublikum.

Das Prunkstück von NRK ist jedoch die TV-Live-Übertragung einer 134-stündigen Fahrt mit einem Hurtigruten-Schiff: Von 5 Millionen Norwegern waren 3,5 Millionen dabei. «Minutt for Minutt». Das war 2011 und brachte NRK einen Eintrag im «Guinness Book of Records» für die längste TV-Sendung aller bisherigen Zeiten. 

slow tv norwegen hurtigruten

Mit der 123 Meter langen MS Nordnorge fuhr das norwegische Fernsehen 2011 die Hurtigruten-Strecke. Bild: nrk

Entlang der Schifffahrtsroute standen damals Tausende – auch die norwegische Königin – und wurden zu einem Volk von Smartphone-bewehrten Winkern. Sie filmten einander und das Schiff und twitterten live aus der Live-Sendung, das Schiff filmte mit elf Kameras zurück. Kinder hielten Plakate in die Höhe auf denen stand: «Ich komm zu spät zur Schule», und die Lehrer freuten sich, denn sie schauten alle auch während des Unterrichts fern. Die Bevölkerung machte sich begeistert und unaufgefordert zum Teil eines Medien-Events.

Manchmal flattert eine schwarze Plastikplane in der Lüftung. Sonst passiert. Nichts. Rein. Gar. Nichts. Meistens bewegen sich auch die Planen. Nicht.

Angefangen hatte das norwegische Slow TV 2009 mit einer 7-stündigen Bahnfahrt von Bergen nach Oslo im Führerstand. 1,2 Millionen schauten zu. Das war zwar in Echtzeit, aber eine aufgezeichnete Sendung: Während der 160 Tunnelfahrten wurde Archivmaterial über die jeweiligen Tunnel eingeblendet. Die schwarzen Löcher hielt man damals noch nicht für zumutbar.

Jetzt gab NRK bekannt, dass sie im Frühling 2017 eine Woche lang einer Rentierherde auf ihrer Wanderung vom Hochland an die Küste folgen werden. Gestartet wird die Live-Übertragung, wenn die Rentiere losgehen. Also irgendwann. Und ganz leise, um die Tiere nicht zu stören. Gelassenheit ist die neue Tugend von Norwegens TV-Machern. 

slow tv norwegen

Jaja, das nennt man Landschafts-Porno: die Zugfahrt des NRK von Bergen nach Oslo. Bild: nrk

Ein norwegischer Kaviar-Produzent wiederum sendet seit dem 19. August live aus seiner Kaviar-Herstellung. 308 Tage dauert es, bis der Kaviar in eine Tube kommt. Bis dahin sehen wir vor allem blaue Fässer mit roten Deckeln, in denen der gesalzene Fischrogen gelagert wird. Manchmal flattert eine schwarze Plastikplane in der Lüftung. Sonst passiert. Nichts. Rein. Gar. Nichts. Meistens bewegen sich auch die Planen. Nicht. Nur die Uhr links im Bild tut, was eine Uhr eben so tut. Weniger passierte noch nie im Internet. 

308 Tage Kaviar beobachten

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YouTube/Mills DA

Zuschauen tut auch fast niemand. das «SuperSlowTV» von Mills Kaviar ist quasi das harte Avantgarde-Arthouse-Kino-Brötchen im norwegischen Entschleunigungs-Hype. Denn normalerweise funktioniert die Formel ZEN – Zuschauen, Entspannen, Nichtnichtstun – nämlich hervorragend. Slow TV bringt in Norwegen regelmässig Twitter zum Zusammenbruch.

Aufgeregt flattert der kleine Twitter-Vogel um den lethargischen alten TV-Bildschirm.

slow tv norwegen

Das hier zeigt der Kaviar-Live-Stream seit ein paar Tagen. Bild: mills

Slow TV schafft im Norden, was bei uns nur «Tatort» und grosse Sportereignisse zustande bringen: es macht Fernsehen wieder zum «Lagerfeuer der Nation», zur sozialen Skulptur. Denn Slow TV ist wie die epischste aller TV-Serien. Und Reality TV avant la lettre. Das einzige Script ist das zähe Zerrinnen der Zeit. Als NRK einmal nur 18 Stunden lang Lachs-Live-Fischen zeigte, beschwerten sich die Zuschauer, das wäre zu kurz. 

In Norwegen ist das Fernsehen wieder zum Ort geworden, an dem man sich trifft, aber nicht, um sich eine Geschichte erzählen zu lassen, sondern um einander via Social Media Geschichten zu erzählen. Aufgeregt flattert der Twitter-Vogel um den lethargischen alten TV-Bildschirm. Endlich finden sich die Medien.

Eine einsam der Küste entlang wandernde Kuh etwa, die 2011 gut 40 Minuten lang gezeigt wurde, heizte die kollektive Fantasie derart an, dass ganze Romane über sie geschrieben werden könnten. «Wird die Kuh weitergehen? Wird sie Halt machen? Wir wissen es nicht. Und das ist spannend», gab ein Norweger der «New York Times» zur Auskunft. Und ja, er meinte das tatsächlich ernst.

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14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • voe 27.08.2015 11:51
  • Baba 26.08.2015 14:54
    Highlight Highlight Ich liebe diese Art von TV - auf den 3. Kanälen der deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern kommen ab und zu noch so "Schönste Bahnstrecken von XY" - kein Kommentar, nur eine Kamera vorne an/auf der Lok. Sooooo genial! So ähnlich wie dieser Clip aus Neuseeland:
    Play Icon


    Auch die SwissViews habe ich geliebt (als die Orte noch nicht eingeblendet wurden).
  • MaskedGaijin 25.08.2015 20:16
    Highlight Highlight auf france 4 war mal eine sendung namens 'tokyo reverse'. da lief einer zehn stunden durch tokio. das ganze wurde dann am stück gesendet. rückwärts!
    • Simone M. 25.08.2015 20:25
      Highlight Highlight klingt grossartig!
    • mrgoku 27.08.2015 15:28
      Highlight Highlight geil... stelle ich mir gerade richtig geil vor auf dem Sofa.. frisch eine tüte geraucht und dann die doku anschauen :D
  • ylva 25.08.2015 18:49
    Highlight Highlight das funktioniert auch in der schweiz, opa hat damal stundenlang swissview geguckt auf srf. ach, ich wünschs mir zurück.
    • Olmabrotwurst vs. Schüblig 25.08.2015 19:06
      Highlight Highlight läuft ja ab und zu noch meistens auf anderen schweizer sendern wie chtv und sooo stundenlang :D
    • SanchoPanza 26.08.2015 08:38
      Highlight Highlight nicht nur Opa, wir sassen als Familie auch stundenlang davor um zu raten wo das gefilmt wurde und ob wir schon mal da waren :)
    • Hans Jürg 26.08.2015 16:36
      Highlight Highlight Swissview gibt es als als Android-App (ob für iOS weiss ich nicht). Ich liebe es.
  • Hackphresse 25.08.2015 18:31
    Highlight Highlight Ich. Will. Das.
    • Simone M. 25.08.2015 18:57
      Highlight Highlight Hier noch ein spektakulärer Barfight!
      http://ttps
      Play Icon
    • Simone M. 25.08.2015 18:59
      Highlight Highlight und noch der herzigste clip. ach, ich hör jetzt auf!
      Play Icon
  • Philipp 25.08.2015 17:52
    Highlight Highlight Für die Schweiz ist das nichts Neues: In den 80-er Jahren hatte die damalige Redaktion von dem Vorabendmagazin «Karussell» immer wieder einmal 12-Stunden-Reportagen ausgestrahlt. Und an eine Sendung mag ich mich noch gut erinnert: 24 Stunden live, mit dem bginn vom Ende der Nachtvorstellung des Circus KNIE, das Verladen der Tiere und des Zeltes inkl. Fahrt mit Transportern und anschl. mit dem Zug nach Schaffhausen. Eine spektakuläre Dislikation.
    • Simone M. 26.08.2015 08:44
      Highlight Highlight es wär interessant, sowas mal wieder mit richtiger social-media-einbindung zu machen. gabs damals ja noch nicht. nicht einmal einen alltag mit internet, wenn ich mich recht erinnere (steinzeit...).

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