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An der Spitze, wenn es ernst wird: Die «Gelben» des Teams Jumbo-Visma mit Gesamtleader Primoz Roglic an vierter Position.
An der Spitze, wenn es ernst wird: Die «Gelben» des Teams Jumbo-Visma mit Gesamtleader Primoz Roglic an vierter Position.
Bild: www.imago-images.de

Sein Teamchef verrät, was Tour-Leader Roglic so stark gemacht hat

Das Ziel in Paris ist schon nah, doch entschieden ist die Tour de France nicht. In den Alpen wird in den nächsten Tagen ein Duell zwischen Primoz Roglic und Tadej Pogacar erwartet. Dass beide aus dem kleinen Slowenien stammen, sorgt mancherorts für ein Stirnrunzeln.
15.09.2020, 12:50

Die Tour de France geht in die entscheidende letzte Woche. Der Kampf um den Gesamtsieg scheint zu einer slowenischen Meisterschaft verkommen zu sein. Die bisherigen 15 Etappen haben den Eindruck entstehen lassen, dass nur noch der 21-jährige Tadej Pogacar den Gesamtführenden Primoz Roglic von dessen erstem Triumph am wichtigsten Velorennen der Welt abhalten kann. 40 Sekunden Vorsprung hat Roglic derzeit auf seinen hochtalentierten Landsmann. Im Vorjahr gewann Roglic die Spanien-Rundfahrt, Pogacar wurde damals Dritter.

Die Geschichte von Roglics Umstieg kennt längst jeder Rad-Fan. Einst war er Skispringer, mit dem slowenischen Team wurde er Junioren-Weltmeister. Mit 22 Jahren beendete er diese Karriere wegen ausbleibender Fortschritte und einem schweren Sturz und begann als Radsportler.

Nicht nur bergauf top: Primoz Roglic hat als Ex-Skispringer keine Angst vor hohem Tempo.
Nicht nur bergauf top: Primoz Roglic hat als Ex-Skispringer keine Angst vor hohem Tempo.
Bild: keystone

«Wir wussten, dass er das Potenzial besitzt, die Tour zu gewinnen»

Dieser Hintergrund kommt Roglic nach wie vor zu gute, glaubt dessen Teamchef Richard Plugge. «Primoz ist wirklich trainierbar», sagt der Niederländer in der NZZ. «Im Skisprung zählt jedes Detail. Es ist extrem wichtig, ob man beim Anlauf einen Millimeter tiefer in die Hocke geht oder nicht. Wenn man ihm sagt, er solle etwas tiefer auf seinem Zeitfahrrad sitzen, macht er das sofort. Und er versteht auch, wieso, wenn man es ihm erklärt.»

Auch sein früherer Leistungsdiagnostiker ist davon überzeugt, dass das Training als Skispringer Spuren hinterlassen hat, die heute noch zu sehen sind. «Wir dürfen nicht vergessen, dass er sein ganzes Leben lang Kraft und Explosivität trainiert hat. Das ist seine Hauptqualität», strich Radoje Milic gegenüber dem «Deutschlandfunk» hervor. Ausserdem habe sich Roglic total dem Sport verschrieben: «Er ist ein Asket.»

Plugge beschribt Roglic als einen hochprofessionellen Athleten, der viel über solche Details nachdenke. Sein Team habe schon nach ersten Tests 2015 einen grossen Champion in Roglic gesehen: «Er hat einen grossen Motor. Wir sahen unglaubliches Talent. Wir wussten, dass er das Potenzial besitzt, die Tour de France zu gewinnen. Es gibt vielleicht zehn Fahrer, die dazu in der Lage sind.»

Teamchef Richard Plugge übernahm Ende 2012 die damalige Rabobank-Equipe.
Teamchef Richard Plugge übernahm Ende 2012 die damalige Rabobank-Equipe.
Bild: www.imago-images.de

Roglic zeichne aber nicht nur der «grosse Motor» aus, also die reine Leistung. Es sei auch beachtlich, wie der 30-Jährige auf dem Zeitfahrrad sitze, schwärmt Plugge. «Er ist als Person sehr aerodynamisch. Wenn er sich auf die Lenker stützt, ist sein Rücken wirklich flach. Das spart ihm viel Energie.»

Fragezeichen – wie immer, wenn ein Fahrer überragend ist

In den ersten beiden Wochen der Tour de France hat Primoz Roglic noch keine Schwäche gezeigt und auch sein Team wirkt bärenstark. Sinnbild dafür ist, was sich am Sonntag zugetragen hatte. Wout van Aert, der in diesem Jahr zwei Etappen im Massensprint gewonnen hatte, liess sich nach getaner Tempoarbeit am letzten Berg zurückfallen und konnte locker mit Egan Bernal mithalten. Der Kolumbianer, als Titelverteidiger angetreten, büsste sämtliche Chancen ein, in diesem Jahr erneut mit dem Maillot Jaune in Paris zu strahlen. Seine Werte seien eigentlich gut, staunte Bernal, doch wenn Roglic und Pogacar antreten würden, hätte er das Gefühl, ihnen fast nicht mehr folgen zu können.

Pogacar (links) sagt über Roglic: «Wir sind befreundet, ich schaue zu ihm auf. Aber wenn ich die Möglichkeit habe zu gewinnen, dann will ich sie nutzen.»
Pogacar (links) sagt über Roglic: «Wir sind befreundet, ich schaue zu ihm auf. Aber wenn ich die Möglichkeit habe zu gewinnen, dann will ich sie nutzen.»
Bild: keystone

Dass so eine Dominanz im Radsport manch einem verdächtig vorkommt, versteht sich von selbst. Entsprechend müssen sich die beiden Slowenen nun für ihre Leistungen rechtfertigen. «Es gibt nichts zu verbergen», sagte Roglic am Sonntag auf das Thema Doping angesprochen. «Allein heute hatte ich zwei Kontrollen, die erste kurz nach sechs Uhr morgens und die zweite nach der Etappe.»

Der Rad-Weltverband UCI hatte im vergangenen Jahr angekündigt, den slowenischen Radsport genau zu verfolgen. Viele Fahrer waren in jüngster Vergangenheit als Dopingsünder ertappt worden. Wenn morgen in München der Prozess gegen den Doping-Arzt Mark Schmidt («Operation Aderlass») beginnt, dann könnte dort auch von slowenischen Radrennfahrern die Rede sein.

Harte Arbeit während des Lockdowns als Schlüssel zum Erfolg

Jumbo-Visma gilt als ein Team, dessen Fahrer externe Ketone konsumieren. Die Stoffe entstehen, wenn der Körper keine Kohlenhydrate mehr verbrennen kann und der Organismus auf Fettverbrennung umstellt. Ketone sollen die Leistung steigern – und sind derzeit noch legal, aber umstritten. Denn noch ist zu wenig über die gesundheitlichen Folgen des Konsums bekannt. Wer sie zu sich nimmt, spielt unter Umständen ein riskantes Spiel.

Roglics Teamchef Richard Plugge sagte im vergangenen Jahr über Ketone: «Man kann sie wie Vitamine nutzen.» Doping weist er naturgemäss weit von sich. Er führt die Überlegenheit seiner Mannschaft auf die geschickte Arbeit während der Corona-Zwangspause zurück. «Wir haben das Ziel formuliert, kollektiv stärker aus dieser Phase herauszukommen, als wir hineingegangen sind», schildert er. Es sei darum gegangen, Infektionen zu vermeiden und gut zu trainieren. «Dazu kamen viele kleine Optimierungen in verschiedenen Bereichen. Wir haben hart gearbeitet in dieser Zeit, in der andere Teams nicht gleichermassen aktiv waren. Das ergibt einen grossen Unterschied.»

Klingt banal, ist aber wichtig: Auch in stressigen Rennsituationen nicht vergessen, genügend zu trinken.
Klingt banal, ist aber wichtig: Auch in stressigen Rennsituationen nicht vergessen, genügend zu trinken.
Bild: www.imago-images.de

Ein Beispiel dafür, was Jumbo-Visma vielleicht besser als andere mache, sei das Thema Ernährung. Für einen Radsportler sei es ein Balanceakt, das richtige Gewicht zu halten, so Plugge: «Entweder die Fahrer essen zu viel und müssen ein unnötiges Kilo über die Berge schleppen. Oder sie essen zu wenig, oft aus Müdigkeit, und werden schwächer.» Weil jeder Körper anders ist, erhält jeder Fahrer individualisierte Menüs. Hilfe holte sich die Equipe von jenem Experten, der unter anderem auch den FC Barcelona berät. «Die Ernährung ist wirklich ein wichtiger Bestandteil unseres Erfolgs», betont Plugge.

Besser essen, um die Gegner abzuhängen? Bei Kritikern des Radsports dürfte diese Erklärung kaum zu einem Meinungsumschwung führen. Sie verweisen vielmehr auf Fakten wie jenen, dass in diesem Jahr am Col de Peyresourde ein Rekord aus dem Jahr 2003 geknackt wurde, einer Zeit, in der die Tour dopingverseucht unterwegs war. Plugge winkt ab, sagt, der Radsport sei seitdem viel professioneller geworden, wie jeder Sport: «17 Jahre sind eine lange Zeit. Die Fahrräder haben sich entwickelt, es wurde am Rollwiderstand gearbeitet, an den Reifen. Alles wird wissenschaftlich erörtert.» Ausserdem hätten die Fahrer in diesem Jahr Rückenwind gehabt.

Herausforderer Pogacar will weiter angreifen

Sechs Etappen bleiben noch an der Tour de France 2020, wobei in der letzten der Leader in der Regel nicht mehr angegriffen wird. Also noch fünf Chancen für Tadej Pogacar, um den ganz grossen Coup zu schaffen. Dessen Nachteil ist, dass er ein Einzelkämpfer ist. Viel zu schwach ist sein Team UAE-Emirates nach dem Ausfall der beiden nominell stärksten Helfer, Fabio Aru und Davide Formolo.

Fällt am Mittwoch eine Vorentscheidung?
Fällt am Mittwoch eine Vorentscheidung?

Dennoch verspricht Pogacar, seinem Landsmann Roglic das Leben schwer zu machen: «Der Kampf um Gelb ist noch nicht vorbei.» Grösste Bedeutung schreibt er dem Schlussaufstieg morgen Mittwoch zu, wenn es auf den Col de la Loze geht. Auf 21,5 Kilometern wartet eine Durchschnittssteigung von 7,8 Prozent auf die Fahrer, das Ziel ist in 2304 Metern über Meer. Pogacar hat den Berg vor der Tour de France besichtigt und sagt: «An einem schlechten Tag kann man da eine halbe Stunde verlieren.»

Er meinte wahrscheinlich sich und wollte damit vor zu hohen Erwartungen warnen. Was Tadej Pogacar nicht sagte, aber bestimmt dachte: Auch Kontrahent Primoz Roglic kann einmal einen schlechten Tag einziehen. Selbst wenn in den vergangenen zwei Wochen wenig bis nichts darauf hindeutete – entschieden ist die Tour de France noch nicht.

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