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Marc Luethi, CEO des SC Bern, spricht waehrend einer Vorsaison-Medienkonferenz des SC Bern, am Montag, 5. September 2016, in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Auf SCB-Manager Marc Lüthi kommen turbulente Zeiten zu. Bild: KEYSTONE

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Das «politische SCB-Defizit» und ein gefährliches sportliches Führungsproblem

Der SC Bern hat in der abgelaufenen Saison zum ersten Mal seit 20 Jahren rote Zahlen geschrieben. Na und? Es wäre kein Problem gewesen, erneut einen Gewinn auszuweisen. Aber inzwischen gefährden die Sparmassnahmen zum ersten Mal seit 20 Jahren die sportliche Substanz.



Das Hockey-Business geht unsicheren Zeiten entgegen. Nach wie vor weiss niemand, ab wann und unter welchen Bedingungen die Meisterschaft gespielt werden kann. Geplant ist der Start vorerst auf den 1. Oktober.

Die nächste Saison kann dem SCB-Hockeykonzern einen Verlust von drei bis sieben Millionen Franken bescheren. Mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes von rund 60 Millionen Franken wird mit der Gastronomie erzielt. Sie ist durch die Virus-Krise eingeschränkt. Der SCB wird also doppelt getroffen: bei den Einschränkungen im Stadion (statt rund 16'000 Fans pro Spiel werden es vielleicht noch 10'000 sein) und beim Umsatz durch den Verkauf von Wurst und Bier.

Bereits letzte Saison sank der Zuschauerschnitt erstmals seit 12 Jahren unter 16'000 pro Partie. Das letzte Qualifikationsspiel gegen Fribourg-Gottéron war nur noch als «Geisterspiel» möglich und das schlägt sich in der Statistik nieder. Trotzdem verzeichnet der SCB zum 19. Mal in Serie den höchsten Zuschauerschnitt ausserhalb der NHL.

Geld reicht bis zur Weihnachtspause

Bereits zeichnet sich ab, dass die Klubs die nächste Saison nur mit staatlichen Subventionen überstehen können. Bis zur Weihnachtspause reichen die Gelder aus dem Saisonabo-Verkauf. Aber dann wird es wegen der starken Einschränkungen (nur noch 50 Prozent Stadionauslastung?) nicht mehr möglich sein, die Löhne aus den laufenden Einnahmen zu bezahlen.

Der Bund bietet dem Profisport Hilfe an, rund 150 Millionen Franken fürs Hockey. Aber als Kredite. Doch es wird den Klubs nicht möglich sein, diese Kredite zurückzuzahlen. Es wird unerlässlich sein, sie in einem politischen Prozess in Subventionen umzuwandeln.

ARCHIVBILD ZUR ERLAUBNIS VON VERANSTALTUNGEN MIT MEHR ALS 1000 PERSONEN AB OKTOBER DURCH DEN BUNDESRAT, AM MITTWOCH, 12. AUGUST 2020 - Zuschauer verfolgen das erste Eishockey Playoff-Finalspiel der National League A zwischen dem SC Bern und dem EV Zug, am Donnerstag, 6. April 2017, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Ein voller Berner Hockey-Tempel – ein Bild aus der guten alten Zeit. Bild: keystone

Wir sehen also, in welch sensiblem Umfeld sich die Hockeyklubs befinden. Ein Gewinn auszuweisen – etwa durch den Verzicht von Rückstellungen in der Höhe von 600'000 Franken – wäre vom SCB in dieser Situation geradezu töricht gewesen. Nicht nur nach aussen, auch nach innen. Der SCB versucht zu sparen und das ist fast nur bei den Personalkosten möglich. Der sportliche Misserfolg (als Meister die Playoffs auf Rang 9 verpasst) bescherte den Spielern einen Lohnabzug von 15 Prozent. In der SCB-Erfolgsrechnung sanken die Personalkosten im Vergleich zur Meistersaison 2018/19 um 3 Millionen Franken. Und die Spieler werden nicht darum herumkommen, im Laufe dieser Saison durch Stundung oder gar Verzicht ein Lohnopfer zwischen 25 und 50 Prozent zu bringen. Nicht nur in Bern.

Kann sich ein Sportunternehmen auch «zu Tode sparen»? Ja. Ein Hockey-Konzern wie der SCB befindet sich jetzt auf einer Gratwanderung. Sparen ist richtig und wichtig. Aber zugleich sollte in der Krise die sportliche Substanz erhalten bleiben. Jede Krise bietet auch Chancen. Nicht nur zum Sparen. Sondern auch, um durch smarte Transfers die Qualität der Mannschaft zu erhöhen. Die Balance zwischen Sparen und Investieren zu finden, ist schwierig. Wer diese Balance nicht findet, dem wird in der Zeit nach Corona die sportliche Rechnung aufgemacht

Leuenberger-Abgang schmerzt

Der SCB hat diese Balance noch nicht gefunden. Die passive Transferpolitik ist zwar richtig. Aber eine Billig-Lösung auf der wichtigsten sportlichen Führungsposition ist hoch riskant. Don Nachbaur (61) ist in allererster Linie neuer Cheftrainer geworden, weil er wenig kostet. Und nun sind die Lohnkosten durch die Freigabe von Lars Leuenberger (er wird neuer Trainer in Biel) weiter gesenkt worden.

SCB Trainer Don Nachbaur gibt seinen Spielern Anweisungen, waehrend dem ersten Eistraining der neuen Hockeysaison, am Montag, 3. August 2020 in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Trainer Don Nachbaur gibt beim SCB die sportliche Richtung vor. Bild: keystone

Mit Lars Leuenberger, mit dem SCB-Meistertrainer von 2016, hat der SCB die stärkste, erfahrenste, kompetenteste und wichtigste Persönlichkeit der Sportabteilung ziehen lassen. Die einzige Persönlichkeit, die Marc Lüthi noch auf Augenhöhe in sportlichen Dingen zu widersprechen wagte. Lars Leuenberger wäre diese Saison als Assistent und Berater von Don Nachbaur von unschätzbarem Wert gewesen. Nun wird der neue Cheftrainer der einsamste Mann im SCB-Fuchsbau sein.

Es ist nie gut, wenn ein Trainer einsam wird. An wen soll sich er Kanadier nun wenden? Der noch verbleibende Assistent Alex Reinhard hat zwar viel Erfahrung in der zweithöchsten Liga gesammelt – aber seine Referenz in der höchsten Liga ist der Abstieg mit den SCL Tigers im Frühjahr 2013. Damals ist er während der verlorenen Liga-Qualifikation gegen Lausanne gefeuert worden. Wenigstens kann er Krise.

Im Schafspelz der sportlichen Bescheidenheit

Marc Lüthi ist und bleibt der erfolgreichste, kompetenteste Sportmanager der Schweiz. Im kommerziellen und finanziellen Bereich ist der SCB nach wie vor exzellent gemanagt. Aber der SCB hat inzwischen ein Führungsproblem bei der Sportabteilung und Marc Lüthi will es nicht wahrhaben.

Ein Führungsproblem in der Sportabteilung darf in einem Sportunternehmen nicht unterschätzt werden. Weil dieses Problem mittel- und langfristig die sportliche Substanz gefährdet. Jahre der Bescheidenheit und eine Glorifizierung des sportlichen Existenzkampfes können sich die SCL Tigers, die Lakers, Ambri und sogar Davos, Servette oder Gottéron und Biel leisten. Diese Klubs sind keine Titanen wie die ZSC Lions und Zug. Sie sind Aussenseiter.

Sportchefin Florence Schelling lacht waehrend einer Vorsaison-Medienkonferenz des SC Bern, am Montag, 31. August 2020 in der Postfinance Arena, in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Zieht Sportchefin Florence Schelling noch den einen oder anderen Neuzugang an Land? Bild: keystone

Obwohl der SCB keine Milliardäre als Mäzen hat wie die Zürcher und die Zuger, ist er ein Titan (wie im Fussball YB und der FC Basel). Er ist als Hockey-Konzern mit 60 Millionen Franken Umsatz, als Zuschauer-Krösus Europas, als eine der erfolgreichsten und wichtigsten Hockey-Firmen ausserhalb der NHL ein kapitalistischer Wolf, der nicht im Schafspelz der sportlichen Bescheidenheit daherkommen kann. Und zum Erfolg «verdammt» ist. Das macht Marc Lüthis Arbeit so anspruchsvoll.

So schwierig die Zeiten auch sein mögen – die letzte Wahrheit steht beim SC Bern immer oben auf der Resultatanzeige. Dort dürfen nicht zu oft und zu lange «rote Zahlen» stehen.

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