Schweiz
Sackgasse Sparen

Schweizer Durchschnittslohn reicht heute nicht mehr für zwei Erwachsene

Symbolbild: Frau, die ihr Budget mach, aber kein Geld sparen kann.
Symbolbild: Melanie kann nicht sparen.Bild: watson
Sackgasse Sparen

Sie verdient wie der Schweizer Durchschnitt – und kann nicht sparen

Melanie Bammert* erfüllt vieles von dem, was in der Schweiz als finanzielle Sicherheit gilt. Und lebt dennoch ohne Rücklagen. Ihre Geschichte zeigt, warum Sparen selbst für den Mittelstand zum Luxus werden kann.
17.01.2026, 10:0517.01.2026, 10:21

Melanie Bammert* arbeitet 100 Prozent, hat einen Masterabschluss und eine Leitungsfunktion in einem mittelgrossen Tech-Unternehmen. Von aussen betrachtet ist das die Art Lebenslauf, die finanzielle Sicherheit verspricht.

Von innen fühlt es sich anders an.

Melanies Einkommen trägt nicht nur sie selbst, sondern ein gemeinsames Leben mit einem Partner, der nur eingeschränkt arbeiten kann. «Es reicht gerade so», sagt sie. Für Rücklagen bleibe nichts übrig.

Serie «Sackgasse Sparen»
Geld auf die Seite legen zu können, wird immer schwieriger – auch in der Mittelschicht. Repräsentative Umfragen zeigen: Fast jede zweite Person in der Schweiz kann nicht sparen. In dieser Kurzserie erzählt watson die Geschichten von drei Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die kein finanzielles Polster anlegen können. Teil 1: Claudia, die für ihre Kinder verzichtet. Teil 2: Wie die Jugend spart – oder nicht. Teil 3: Melanie, deren Lohn für zwei reichen muss. Teil 4: René, Doppelverdiener ohne Sparmodus.

Ein Lohn für zwei

Melanie verdient ungefähr das, worüber ein Schweizer Haushalt durchschnittlich verfügt: knapp 7200 Franken brutto pro Monat.

Ihr Mann bezieht seit 2022 eine IV-Teilrente. Auf 60 Prozent Invaliditätsgrad erhält er rund 300 Franken im Monat. Berechnet wird diese Rente auf Basis des vorherigen Erwerbs, was bei ihm Studentenjobs waren. «Dass seine genetische Erkrankung erst nach seinem Abschluss voll ausgebrochen ist und er deswegen keine Vollzeitanstellung fand, spielt keine Rolle bei der Berechnung», sagt Melanie.

Gesundheitlich geht es ihrem Mann wechselhaft. Rückschläge seien häufig, die Belastung, wenn er zu arbeiten versuche, hoch. Melanie geht davon aus, dass er früher oder später ganz auf die IV angewiesen sein wird. Erst dann würde sich die finanzielle Situation etwas entspannen – paradoxerweise. «Mit einem vollen IV-Grad hätte er Anspruch auf deutlich mehr Geld», sagt sie.

Neue Realität

Dass der finanzielle Druck heute so hoch ist, hat auch mit früheren Entscheidungen zu tun, die damals Sinn ergaben.

Melanie und ihr Mann wollten Kinder. Sie heirateten. Sie übernahmen das Haus ihrer Eltern. Mit dem Gedanken, irgendwann dort als Familie zu leben. Doch es waren Entscheidungen, die heute finanzielle Nachteile bringen.

Symbolbild: Frau, die ihr Budget mach, aber kein Geld sparen kann.
Symbolbild: Der finanzielle Druck von Melanie ist so hoch wegen früheren Entscheidungen.Bild: watson

Weil sie verheiratet sind, erhält ihr Mann kaum Unterstützung von den Behörden und Sozialversicherungen. Prämienverbilligungen ergeben nur rund 400 Franken Entlastung pro Jahr. «Das hilft», sagt Melanie. «Aber es ändert nichts Grundsätzliches.»

Kinderlos zu bleiben, war keine bewusste Entscheidung für das Paar. Doch es trägt die Konsequenzen. Das Haus nur für zwei ist teuer: Öl-Heizung, hohe Nebenkosten, zusätzliche Steuern, weil es als Vermögen angerechnet wird. Rund 3500 Franken pro Monat gehen allein für diesen Budgetposten drauf. Das ist fast die Hälfte ihres Einkommens.

Deshalb wollen sie es verkaufen. «Wir brauchen diesen Wohnraum nicht mehr», sagt sie. «Und wir können ihn uns nicht leisten.» Das Ziel: eine günstigere Mietwohnung, die ihnen weniger finanziellen Druck macht.

«Sparen ist Luxus»

Auch sonst schaut Melanie auf ihr Budget. Alles ist fest eingeplant: 800 Franken für Krankenkassen, 1000 für Lebensmittel, ÖV, Abos und Versicherungen.

Was danach bleibt, teilt sie bewusst auf. Ein Teil geht in Freizeit und kleinere Anschaffungen. Ein Restaurantbesuch, ein Tagesausflug. Dinge, die den Alltag erträglich machen. Ein anderer Teil fliesst in die Kreditkarte, die sie oft für Ferien verwendet oder manchmal für Unerwartetes.

Video: watson/flavia kälin, lucas zollinger

«Es ist kein Luxusleben», sagt Melanie. Einmal im Jahr Tessin, einmal Ausland. Oft sei das ohnehin günstiger als Ferien in der Schweiz. «Aber es ist das, was uns zwischendurch Luft verschafft.» Ihr Mann sei die meiste Zeit zu Hause. Ferien seien für ihn eine der wenigen Möglichkeiten, aus dem krankheitsgeprägten Alltag auszubrechen.

Sparen würde bedeuten, genau das zu streichen. «Und irgendwann fragt man sich dann: Wofür arbeiten wir eigentlich?»

Melanie ärgert sich darüber, dass viele denken, Sparen sei nur eine Frage des Willens. «Sparen ist Luxus. Früher reichte ein Lohn für eine Familie», sagt sie. «Heute reicht ein Durchschnittslohn nicht einmal mehr für zwei Erwachsene.»

So fühlt es sich von innen an.

*(Name geändert)

Kannst du sparen?
An dieser Umfrage haben insgesamt 25118 Personen teilgenommen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
395 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Posersalami
17.01.2026 10:25registriert September 2016
In was für einer riesigen Villa leben die beiden, wenn der Spass 3500 / Monat kostet?! Nehmen wir mal an, davon entfallen 2000 auf die Hypothek und der Zins ist 1.5%.. dann würde das eine Hypothek in Höhe von 1.6mio bedeuten!

Aber hier ist der Skandal, das jemand der krank ist von der IV nur ein paar 100 Franken bekommt. Es läuft so einiges falsch in der Schweiz!
30423
Melden
Zum Kommentar
avatar
Overton Window
17.01.2026 10:18registriert August 2022
3500 Franken im Monat für das Haus?

Das muss eine ziemliche Luxusvilla sein. Ich zahle für das Haus wesentlich weniger als vorher die Miete war. Und die Mieten sind seit da (11 Jahre) ja noch massiv gestiegen.


Es zeigt sich eigentlich durch alle diese Artikel dieselbe rote Linie: der Wohnraum ist in der Schweiz massiv zu teuer.
22918
Melden
Zum Kommentar
avatar
chrissy_dieb
17.01.2026 10:29registriert Januar 2020
Eindeutiger Fall von „house poor“. Aber Situation erkannt: Nach einem Verkauf wird sich die finanzielle Situation klar verbessern.
Ich mutmasse, dass statt für 3500 eine Wohnung für 2000 zu finden ist. Dafür aber das frei gewordene Kapital zusätzliche 1000-4000 einbringt (je nach Höhe und Rendite). Die Rechnung verbessert sich also schlagartig um +2500 bis +5500.
15413
Melden
Zum Kommentar
395
Proteste gegen syrische Regierung in der Schweiz – Krawalle in Bern
Rund 2000 Menschen haben am Dienstagabend in Bern gegen das Vorrücken syrischer Regierungstruppen in Kurdengebiete im Norden und Osten des Landes demonstriert.
Davor fand laut der Polizei auch in Winterthur ZH eine unbewilligte Kundgebung mit dem Titel «Solidarität mit Rojava» statt. Auch in der Stadt Basel hatten sich am Abend Menschen zu einer unbewilligten Demonstration formatiert.
Zur Story