Sie verdient wie der Schweizer Durchschnitt – und kann nicht sparen
Melanie Bammert* arbeitet 100 Prozent, hat einen Masterabschluss und eine Leitungsfunktion in einem mittelgrossen Tech-Unternehmen. Von aussen betrachtet ist das die Art Lebenslauf, die finanzielle Sicherheit verspricht.
Von innen fühlt es sich anders an.
Melanies Einkommen trägt nicht nur sie selbst, sondern ein gemeinsames Leben mit einem Partner, der nur eingeschränkt arbeiten kann. «Es reicht gerade so», sagt sie. Für Rücklagen bleibe nichts übrig.
Ein Lohn für zwei
Melanie verdient ungefähr das, worüber ein Schweizer Haushalt durchschnittlich verfügt: knapp 7200 Franken brutto pro Monat.
Ihr Mann bezieht seit 2022 eine IV-Teilrente. Auf 60 Prozent Invaliditätsgrad erhält er rund 300 Franken im Monat. Berechnet wird diese Rente auf Basis des vorherigen Erwerbs, was bei ihm Studentenjobs waren. «Dass seine genetische Erkrankung erst nach seinem Abschluss voll ausgebrochen ist und er deswegen keine Vollzeitanstellung fand, spielt keine Rolle bei der Berechnung», sagt Melanie.
Gesundheitlich geht es ihrem Mann wechselhaft. Rückschläge seien häufig, die Belastung, wenn er zu arbeiten versuche, hoch. Melanie geht davon aus, dass er früher oder später ganz auf die IV angewiesen sein wird. Erst dann würde sich die finanzielle Situation etwas entspannen – paradoxerweise. «Mit einem vollen IV-Grad hätte er Anspruch auf deutlich mehr Geld», sagt sie.
Neue Realität
Dass der finanzielle Druck heute so hoch ist, hat auch mit früheren Entscheidungen zu tun, die damals Sinn ergaben.
Melanie und ihr Mann wollten Kinder. Sie heirateten. Sie übernahmen das Haus ihrer Eltern. Mit dem Gedanken, irgendwann dort als Familie zu leben. Doch es waren Entscheidungen, die heute finanzielle Nachteile bringen.
Weil sie verheiratet sind, erhält ihr Mann kaum Unterstützung von den Behörden und Sozialversicherungen. Prämienverbilligungen ergeben nur rund 400 Franken Entlastung pro Jahr. «Das hilft», sagt Melanie. «Aber es ändert nichts Grundsätzliches.»
Kinderlos zu bleiben, war keine bewusste Entscheidung für das Paar. Doch es trägt die Konsequenzen. Das Haus nur für zwei ist teuer: Öl-Heizung, hohe Nebenkosten, zusätzliche Steuern, weil es als Vermögen angerechnet wird. Rund 3500 Franken pro Monat gehen allein für diesen Budgetposten drauf. Das ist fast die Hälfte ihres Einkommens.
Deshalb wollen sie es verkaufen. «Wir brauchen diesen Wohnraum nicht mehr», sagt sie. «Und wir können ihn uns nicht leisten.» Das Ziel: eine günstigere Mietwohnung, die ihnen weniger finanziellen Druck macht.
«Sparen ist Luxus»
Auch sonst schaut Melanie auf ihr Budget. Alles ist fest eingeplant: 800 Franken für Krankenkassen, 1000 für Lebensmittel, ÖV, Abos und Versicherungen.
Was danach bleibt, teilt sie bewusst auf. Ein Teil geht in Freizeit und kleinere Anschaffungen. Ein Restaurantbesuch, ein Tagesausflug. Dinge, die den Alltag erträglich machen. Ein anderer Teil fliesst in die Kreditkarte, die sie oft für Ferien verwendet oder manchmal für Unerwartetes.
«Es ist kein Luxusleben», sagt Melanie. Einmal im Jahr Tessin, einmal Ausland. Oft sei das ohnehin günstiger als Ferien in der Schweiz. «Aber es ist das, was uns zwischendurch Luft verschafft.» Ihr Mann sei die meiste Zeit zu Hause. Ferien seien für ihn eine der wenigen Möglichkeiten, aus dem krankheitsgeprägten Alltag auszubrechen.
Sparen würde bedeuten, genau das zu streichen. «Und irgendwann fragt man sich dann: Wofür arbeiten wir eigentlich?»
Melanie ärgert sich darüber, dass viele denken, Sparen sei nur eine Frage des Willens. «Sparen ist Luxus. Früher reichte ein Lohn für eine Familie», sagt sie. «Heute reicht ein Durchschnittslohn nicht einmal mehr für zwei Erwachsene.»
So fühlt es sich von innen an.
*(Name geändert)
