Jetzt ist klar, wie die Morettis das «Constellation» finanziert haben
Seit dem tödlichen Brand an Neujahr in Crans-Montana, bei dem 40 Menschen ums Leben kamen und 116 verletzt wurden, stehen Jacques und Jessica Moretti im Zentrum intensiver medialer Aufmerksamkeit. Unter den zahlreichen kursierenden Gerüchten hält sich insbesondere die Behauptung, das Paar habe sein lokales Imperium mit Bargeld aus zweifelhafter Herkunft aufgebaut. Eine ausführliche Recherche der Zeitung «Le Temps» stellt diese Darstellung jedoch infrage.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Den vom Genfer Tagesblatt eingesehenen Unterlagen zufolge haben die Eigentümer des «Constellation», des «Senso» und des «Vieux-Chalet» ihre Betriebe nicht vollständig in bar finanziert – entgegen dem, was heute eindeutig als Gerücht bezeichnet werden muss. «Le Temps» weist stattdessen auf bestehende Bankfinanzierungen hin – eine Information, die watson zwar bekannt war, jedoch bisher nicht offiziell bestätigt werden konnte.
Um welche Grössenordnung geht es?
Ein Dokument aus der Strafakte, das «Le Temps» vorliegt, zeigt, dass das Paar 2019 eine Hypothek bei der Kantonalbank Wallis aufgenommen hat. «Diese soll im August 2022 auf 1,1 Millionen Franken erhöht worden sein», also zum Zeitpunkt des Erwerbs des «Constellation», berichtet «Le Temps». Hinzu kommt ein zweites Darlehen, das vom Bürgschafts- und Finanzierungszentrum in Sion gewährt, 2017 bewilligt und später auf 250’000 Franken aufgestockt wurde.
Laut «Le Temps» belaufen sich die kumulierten Vermögenswerte der Morettis – bestehend aus privaten Vermögensteilen und ihren vier Gesellschaften – auf rund fünf Millionen Franken. Dieses Vermögen ist überwiegend in Immobilien im Wallis investiert, jedoch zu fast 80 Prozent über Hypotheken finanziert. Mit anderen Worten: Das Paar würde Schulden von über vier Millionen Franken tragen.
Saftige Gewinne?
Den Recherchen unserer Kollegen zufolge schütteten Jacques und Jessica Moretti keine Dividenden aus und reinvestierten die Gewinne ihrer Betriebe regelmässig. Die Jahresabschlüsse des «Constellation» wiesen in einzelnen Geschäftsjahren Gewinne von bis zu 100’000 Franken aus, während das «Senso» jährliche Gewinne zwischen 100’000 und 200’000 Franken erwirtschaftete.
Dieser Wohlstand soll sich nach der Pandemie beschleunigt haben. 2020 kauften die Eheleute das «Senso» von einem Multimillionär, und im vergangenen Jahr schlossen sie die Renovierung eines dritten Betriebs, des «Vieux-Chalet» in der Nachbargemeinde Lens, ab. Auch hier betont «Le Temps», dass diese Projekte auf erheblicher Verschuldung und nicht auf versteckten Geldern basierten.
Die Untersuchung stellt ausserdem fest, dass die Renovierungsarbeiten am «Constellation» – auf 300’000 bis 500’000 Franken geschätzt – grösstenteils von Jacques Moretti selbst durchgeführt wurden, wobei Materialien online bestellt oder lokal gekauft wurden.
Den Recherchen unserer Kollegen zufolge gibt es derzeit keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die eingesetzten Gelder aus illegaler Quelle stammen.
Angesichts der Wut, der Trauer der Opferfamilien und des grossen Misstrauens gegenüber den lokalen Behörden stellt diese sachliche Klarstellung einen deutlichen Gegensatz zu den zahlreichen unbelegten Vorwürfen dar. Sie entbindet die Morettis nicht von ihrer strafrechtlichen Verantwortung – gegen sie wird wegen des Verdachts auf fahrlässige Brandstiftung, fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Tötung strafrechtlich ermittelt –, beleuchtet jedoch einen viel diskutierten Aspekt des Falls. (hkl/jah)
