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«I love Dick» von Chris Kraus im Theater Neumarkt in Zürich



Zur Saisoneröffnung bringt das Theater Neumarkt in Zürich Chris Kraus’ Roman «I love Dick» als anarchisches, punkig-rockiges Raserstück auf die Bühne. Premiere war am Samstag.

Chris (Hanna Eichel) ist mit dem College-Professor Sylvère (Ulrich Hoppe) verheiratet und liebt Dick (Martin Butzke). Sie, eine erfolglose Filmemacherin, lernt den Kulturwissenschaftler an einem gemeinsamen Abend kennen und ist sofort hin und weg.

Diese weibliche Euphorie kann man verstehen. Dick ist ein cooler Typ mit Cowboystiefeln und laszivem Blick. Er trägt schwarz und einen Leonard-Cohen-Hut (Kostüme: Sabine Kohlstedt), und er singt so toll Rock 'n' Roll ins Mikrofon, dass Chris wie elektrisiert mittanzt (Musik: Peter Thiessen). Auch Sylvère bringt seinen Körper in Bewegung, wenn auch ziemlich hölzern.

Entblössende Liebesbriefe

Logisch, dass er etwas verkrampft wirkt, der Professor, verliert er doch seine Frau «an den da». Um das Schlimmste abzuwenden, regt Sylvère ein Spiel an: Chris und er schreiben Dick bekenntnisreiche, selbstentblössende Liebesbriefe, die sie nie abschicken. Das findet Chris «unheimlich aufregend».

Mit farbig spritzenden Filzstiftpenissen schreiben die beiden Stichworte dieser Briefe auf den Boden der leeren ovalen Bühne. Dabei tollen sie lachend und kreischend rum wie kleine Kinder und wälzen sich auf ihren Stichwörtern. Immer mal wieder, je nach Gefühlslage, gibts eine Auseinandersetzung oder aber Küsschen und Sexspielchen. Die Regisseurin Friederike Heller geizt nicht mit rasanten, bisweilen überdrehten Showelementen.

Lustiger Höhepunkt

Schliesslich erhält der arme Sylvère von Chris den Job, Dick für ein gemeinsames Kunstprojekt zu gewinnen. Dick soll beim Lesen der Briefe gefilmt werden.

Diese Szene ist der lustige Höhepunkt des zweistündigen Abends. Stotternd, wie ein geschlagener Hund, bringt Sylvère sein Anliegen vor. In Jackett, Boxershorts, Sportsocken und mit grässlicher Sonnenbrille macht er ganz prima eine überaus lächerliche Figur. Meister Dick reagiert mit gelangweiltem Erstaunen, denn er hat ja keine Ahnung, was da läuft, und dass Chris ihn liebt.

Am Schluss des Stücks, nach einer Liebesnacht mit Chris, wird sich Dick vom Text des Stücks, von dieser ganzen Spielerei knallhart distanzieren. Ende Feuer. Aber nicht für Chris, die ihre ganze Intimität öffentlich in die Waagschale geworfen hat.

Visionäres Buch

Die 1955 in New York geborene Chris Kraus hat «I love Dick» 1997 veröffentlicht. Auf Deutsch übersetzt wurde der explizit autobiografische Roman 20 Jahre später. Die virtuelle Exhibition findet heute massenhaft statt, in den sozialen Medien wie Facebook oder Instagram. Kraus hat sie visionär vorweggenommen, darin liegt die Brisanz und Aktualität ihres Buchs.

Die Lektüre ist allerdings alles andere als einfach. «I love Dick» hat manch einschläfernde Länge. Auch auf der Bühne droht das Stück bisweilen durchzuhängen. Mit ihrer blendenden Performance vermögen Hanna Eichel, Ulrich Hoppe und Martin Butzke aber selbst die verschlungenen, mit kulturtheoretischen Querbezügen befrachteten Passagen gut zu überspielen.

Verfasser: Karl Wüst, ch-intercultur (sda)

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