«Wenn ich das Lachen anderer höre, zieht sich in mir alles zusammen»
Wenn Sherine Keller durch die Stadt geht, starren die Leute. Einige verstohlen, andere erstaunt, wieder andere wenden schnell den Blick ab.
Sherine ist es sich gewohnt, ständig unter Beobachtung zu stehen. An guten Tagen denke sie sich: «Schaut mich an! Es ist mir egal.» An schlechten Tagen setze sie die Kopfhörer auf und blende die Welt um sich herum aus. Die 23-Jährige sagt:
An diesem Tag trägt sie keine Kopfhörer. watson trifft Sherine in Luzern, wo sie studiert und in einer WG lebt. Sherine hat blondes, langes Haar, trägt einen pinkfarbenen Strickpullover und verwaschene Jeans, die sie selbst gekürzt hat.
Sherine hat Achondroplasie, eine genetische Erkrankung, die zu Kleinwuchs führt. Arme und Beine sind bei Menschen mit Achondroplasie verkürzt. In der Schweiz kommt etwa eines von 25’000 Kindern mit dieser Veranlagung zur Welt.
Mit unter 1,50 Meter Körpergrösse gilt Sherine als kleinwüchsig. Vor dem Treffen hat Sherine mitgeteilt, dass sie die Bezeichnung «Mensch mit Kleinwuchs» bevorzugt. Die Reihenfolge sei ihr wichtig: Zuerst sei sie Mensch, und danach kleinwüchsig.
watson begleitet Sherine einen Nachmittag lang in ihrem Alltag – an die Uni, zum Einkaufen und auf einen Spaziergang durch die Stadt.
Selbstzweifel in der Jugend
Auf dem Weg zur Hochschule, wo Sherine Objektdesign studiert, geht sie schnellen Schrittes voran. «Ich bin gern zackig unterwegs», sagt sie und lacht. Auf der Dachterrasse setzt sie sich an einen freien Tisch in der Sonne. Damit ihre Füsse den Boden berühren können, sitzt sie ganz vorn, an der Kante des Stuhls. Dann beginnt sie zu erzählen.
Sherine ist in Pfäffikon im Kanton Schwyz aufgewachsen, als Einzige in der Familie mit Kleinwuchs. Als Kind habe sie noch nicht verstanden, dass ihr Körper anders ist als jener der anderen Kinder. Im Teenageralter habe sie dann begonnen, sich mit Gleichaltrigen zu vergleichen. Und habe möglichst so sein wollen, wie alle anderen.
Sherines Eltern ermutigten sie, sich mit anderen Menschen mit Kleinwuchs auszutauschen. Es kam zu einzelnen Treffen, zu denen Sherine nur zögernd zusagte.
Sich mit anderen kleinwüchsigen Menschen zu treffen, habe auch bedeutet, sich mit dem eigenen Kleinwuchs auseinanderzusetzen. Dazu sei sie damals noch nicht bereit gewesen.
In der Schule habe sie wegen ihres Kleinwuchses nie Probleme gehabt, die anderen Kinder hätten sie stets akzeptiert. «Es war einfach so», sagt Sherine schulterzuckend. Und ergänzt: «Ich hatte immer gute Freundinnen um mich herum.»
Als sie ans Gymnasium wechselte, habe sich dort eine Gruppe von Jungen wiederholt über sie lustig gemacht. Die Schule intervenierte. In dieser Zeit begann Sherine, sich mit ihrem Kleinwuchs zu befassen. Und mit den negativen Reaktionen und Vorurteilen, mit denen sie ausserhalb der Schule tagtäglich konfrontiert war.
Sherine machte ihren Kleinwuchs zum Thema ihrer Maturaarbeit. In einer Videoperformance wollte sie die Beleidigungen, Kommentare und Blicke, denen sie als Mensch mit Kleinwuchs ausgesetzt ist, sichtbar machen. Für die Arbeit gewann sie einen Preis und eine Reise nach Südamerika.
Heute spricht Sherine Menschen mit Kleinwuchs auf der Strasse an
Auch der Verein für Menschen mit Kleinwuchs und Familien Schweiz, in dem sich Menschen mit Kleinwuchs und deren Angehörige für die schätzungsweise 4000 kleinwüchsigen Menschen in der Schweiz engagieren, wurde auf Sherine aufmerksam. Und fragte sie an, ob sie Teil des Vorstands werden wolle. Sie sagte zu und ist seit 2024 für den Verein aktiv.
Als sie bei den ersten Treffen des Vereins mit anderen Menschen mit Kleinwuchs zusammenkam, habe sie sich zunächst an die Situation gewöhnen müssen. «Plötzlich waren alle auf Augenhöhe. Das war mir zuerst fast zu nah», sagt Sherine und lacht.
Nach dieser Erfahrung habe sie sich in ihrem Alltag, umgeben von grösseren Menschen, zum ersten Mal aussen vor gefühlt.
Doch sie habe auch gemerkt, dass sie sich für Menschen mit Kleinwuchs einsetzen will. Heute spricht Sherine andere Menschen mit Kleinwuchs auf der Strasse oder bei ihrer Arbeit an der Migros-Kasse an. Ob sie den Verein für Menschen mit Kleinwuchs bereits kennen würden. Ermutigt sie, beizutreten.
Das sei gar nicht so leicht. Denn wenn sie mit anderen Menschen mit Kleinwuchs draussen unterwegs sei, errege das Aufsehen. Die Menschen würden dann doppelt schauen. «Man ist sehr exponiert», erzählt Sherine. Das sei auch ihr manchmal unangenehm.
Negative Reaktionen gehören noch immer zum Alltag
Auch wenn Sherine mittlerweile selbstbewusst durchs Leben geht – ihre Umwelt erinnert sie immer wieder daran, dass ihr Körper nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht. Nicht immer bleibt es bei Blicken. Menschen, die in der Öffentlichkeit auf sie zeigen oder sie ungefragt fotografieren, beleidigende Sprüche wie: «Arbeitet dein Vater beim Zirkus?», oder Kunden, die sie bei ihrer Arbeit an der Migros-Kasse auslachen – das alles gehört zu Sherines Realität.
Diese Erlebnisse haben Spuren hinterlassen: «Ich bin sehr sensibel geworden, wenn ich das Lachen anderer höre. Dann zieht sich in mir alles zusammen.» Besonders unangenehm sei es ihr, an Gruppen von Jugendlichen vorbeizulaufen. «Einige wollen cool sein, da kommen oft blöde Sprüche», sagt sie.
Sherine hat gelernt, ihre Mitmenschen zu scannen. So probiert sie, deren Reaktionen auf sie im Voraus abzuschätzen. Wenn sie dann falsch liege und Leute «normal» mit ihr sprechen würden, sei sie manchmal so überrascht, dass sie den Impuls verspüre, sich bei ihnen zu bedanken. Sherine schüttelt über diesen Gedanken den Kopf und fügt an:
Wenn Kleinkinder im Bus auf sie zeigen und fragen: «Mami, warum ist sie so klein?», dann würden Eltern sehr unterschiedlich reagieren. Eine Antwort, die ihr gut gefalle, sei, dass es halt grosse und kleine Menschen gebe. «Das Schlimmste ist, wenn die Eltern dem Kind signalisieren, dass man nicht fragen und nicht darüber reden darf. Dass es ein Tabu ist», sagt Sherine.
Fehlende Vorbilder und Kleinwüchsige als «Witzfiguren»
Als Sherine aufwuchs, fehlten ihr Vorbilder mit Kleinwuchs. Im Fernsehen, in der Werbung oder in Magazinen suchte sie diese vergeblich. Und wenn sie in einem Film doch mal eine Person mit Kleinwuchs sah, dann sei diese oft in der Rolle als «Witzfigur» oder gar als Fabelwesen – etwa als Zwerg oder Kobold – besetzt gewesen. «Das prägt, wie die Gesellschaft uns ansieht», sagt Sherine.
Und es habe auch etwas mit ihrem eigenen Bild gemacht:
Als sie zum ersten Mal eine Frau mit Achondroplasie auf dem Cover der Vogue sah, die Design-Aktivistin Sinéad Burke, habe sich Sherine gedacht: «Ach so, das ist möglich.» Und: «Ich wünsche mir mehr davon.»
Dass international und auch hierzulande Firmen Diversity-Programme wegsparen und sich das politische Klima in den USA gegen Inklusion von Menschen mit Behinderung richtet, bereitet Sherine Sorgen. «Wir sind schon so weit gekommen und wir wollen noch weiter», sagt sie. Dass es jetzt wieder zu Rückschritten komme, sei frustrierend.
Kleidung, Stühle, Velos – vieles passt nicht
Sherine muss noch fürs Abendessen einkaufen, es gibt Cinque Pi. Sie betritt den Laden, nimmt sich einen Einkaufskorb. Sbrinz, Rahm, Peterli – die Zutaten, die sie braucht, sind alle in Reichweite.
Das ist nicht immer so. Einkaufsregale, aber auch Kleidung, Stühle, Lichtschalter, Liftknöpfe, Kleiderhaken, Küchen, sind meist auf grössere Körper ausgerichtet. Nicht an Dinge herankommen, sich anpassen, kostet Energie: «Es ist immer ein Mehraufwand», sagt Sherine.
«Manchmal würde ich zum Beispiel gerne einfach ein PubliBike nehmen und damit wegfahren. Aber das geht halt nicht.» Die Velos, die auf ihre Grösse passen, sind Kinderfahrräder und haben kleine Räder. «Da kommt man nicht so weit», sagt Sherine. «Aber ich möchte ja weit kommen!» Ihr Vater hat ihr darum extra ein Velo umgebaut – mit grossen Rädern.
Sherine hat ihre Strategien, um im Alltag zurechtzukommen, selbst entwickelt. Kleider näht sie selbst um, damit sie passen. Wenn sie in ihrer WG kocht, stellt sie sich auf einen Schemel. Und wenn sie an einen Gegenstand nicht herankommt, weil er sich zu weit oben befindet, behilft sie sich auch mal einer Packung Spaghetti, um ihn herunterzuholen. «Dann muss man ihn aber auch noch fangen», sagt sie und grinst. Es gäbe zwar Hilfsmittel. Diese seien aber nicht immer alltagstauglich und optisch oft nicht ansprechend, sagt Sherine.
Ihren Kleinwuchs erlebt Sherine auch als eine Quelle der Kreativität:
Im Studium hat sie eine Greifzange entwickelt, in zwei Farben und zusammenklappbar. Beim diesjährigen Design Preis Schweiz hat sie es damit unter die Top 10 in der Kategorie «Inclusive Design» geschafft.
«Niemand entspricht der Norm»
Dass Sherine sich anpassen muss, um in einer Welt, die auf grössere Menschen ausgerichtet ist, zu bestehen, kennt sie seit ihrer Kindheit.
Im Alter von acht Jahren durchlief Sherine mehrere Operationen, bei denen ihre Beine verlängert wurden. Die zusätzlichen zehn Zentimeter erleichtern ihr im Alltag heute vieles.
«Ich bin zwiegespalten», sagt Sherine rückblickend. Einerseits sei sie froh um die zusätzlichen Zentimeter. Dass sie sich aber Operationen unterziehen musste, damit sie heute im Alltag auf weniger Hürden stösst, stimmt sie nachdenklich.
«Behinderungen haben immer zwei Seiten», sagt Sherine. «Die körperliche ist nur die eine.» Die andere sei gesellschaftlicher Natur, nämlich, dass Menschen wie sie auch von ihrer Umwelt behindert würden.
Am liebsten wäre es ihr, wenn sich alles auf unterschiedlichen Höhen befinden würde. Das würde nicht nur Menschen mit Kleinwuchs, sondern auch Menschen im Rollstuhl, Kindern oder älteren Menschen zugutekommen. Dass es so etwas wie eine Norm gibt, glaubt Sherine heute nicht mehr.
Es wird langsam Abend, Sherine macht sich mit ihrer Einkaufstasche auf den Heimweg. Was wünscht sie sich für die Zukunft? Sherine überlegt kurz und sagt dann: «Ich wünsche mir, dass die Leute Menschen wie mir offen und respektvoll begegnen.»
Vor allem macht sie sich aber Gedanken über ihre eigene Zukunft. Das Studium ist bald zu Ende. Grosse Entscheidungen stehen an: Wo wohnen? Was arbeiten? «Ich möchte meinen ‹place› finden», sagt Sherine, bevor sie sich verabschiedet – und weitergeht.
danke, dass ihr in den Kommentaren respektvoll bleibt.
