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Karriere-Leopard für den Altmeister des Schweizer Kinos



Über 30 Jahre nach dem Gewinn des Goldenen Leoparden für «Höhenfeuer» kehrt Fredi M. Murer auf die Piazza Grande in Locarno zurück. Am Donnerstagabend ehrt das Filmfestival den 78-jährigen Altmeister des Schweizer Kinos.

Mit dem Pardo alla carriere zeichnet das Festival seit 2010 Persönlichkeiten für ihren aussergewöhnlichen Beitrag an das Filmschaffen aus. Murer nimmt den Ehrenleoparden am Abend auf der Piazza Grande entgegen.

In Locarno sind vier seiner insgesamt 22 Filme in restaurierten Fassungen zu sehen, darunter «Höhenfeuer», mit dem Murer 1985 in Locarno den Internationalen Wettbewerb gewann. Das archaische Inzestdrama auf einem abgelegenen Bergbauernhof gilt vielen als bester Schweizer Film aller Zeiten.

«Höhenfeuer» sei rückblickend der Höhepunkt seiner Karriere gewesen, sagte Murer im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-sda. «Das war meine Meisterprüfung.» Und betont im gleichen Atemzug, wie wichtig beim Film Teamarbeit sei. «Ein Dirigent ohne Orchester ist ein ziemlich einsamer Mensch.» Dasselbe gelte für den Filmregisseur.

Bei «Höhenfeuer» habe einfach alles gestimmt: Die Kamera (Pio Corradi), das Licht, die Ausstattung. «Die Summe der Kreativität aller Beteiligten hat den Film auf ein Niveau gehoben, das ich später nie mehr erreicht habe», sagt Murer. Nach dem Erfolg in Locarno wurden ihm zahlreiche Drehbücher angeboten.

«Der Grüne Berg» zur AKW-Debatte

Doch als der in Nidwalden geborene Regisseur von den Plänen für ein Atommüll-Endlager im Wellenberg erfuhr, wollte er den betroffenen Bauern und Bürgerinnen eine Stimme geben. So entstand der Dokumentarfilm «Der Grüne Berg», der 1990 just vor der Abstimmung zu einem AKW-Moratorium in die Kinos kam und auch im Fernsehen ausgestrahlt wurde.

«Der Film war für viele glühende AKW-Befürworter ein Aha-Erlebnis», erinnert sich Murer. «Ich bilde mir heute noch ein, dass mein Film an der Urne das Zünglein an der Waage gespielt hat.» Das Stimmvolk nahm die Initiative für einen 10-jährigen AKW-Baustopp mit 54 Prozent Ja an, nachdem es sich zuvor stets atomfreundlich gezeigt hatte.

Seinen grössten Publikumserfolg feierte Murer 2006 mit dem Spielfilm «Vitus». Die universelle Story über ein hochbegabtes Einzelkind, das beim Grossvater (Bruno Ganz) eine Fluchtburg findet, kam weltweit in über 40 Ländern ins Kino. Vitus sei eine «Liebeserklärung an die schönste Zeit der Kindheit, wenn noch alles im Leben möglich ist.»

«Das Kino war meine Filmschule»

In Locarno sind zudem Murers frühe Werke in restaurierter Fom wiederzuentdecken: Das ethnografische Monument «Wir Bergler in den Bergen sind eigentlich nicht schuld, dass wir da sind» (1974) sowie der filmisch radikale Schwarzweiss-Streifen «Grauzone» (1979).

Eine Filmschule hat der gelernte Fotograf nie besucht. «Das Kino war meine Filmschule.» So fuhr er als junger Mann für drei Monate nach Paris, mietete im Quartier Latin ein günstiges Zimmer, ging jeden Tag in die Cinémathèque «und schaute mir die Filmgeschichte an.»

Dies habe ihm bewusst gemacht, dass er als Regisseur «auf den Schultern von hunderten genialen Filmemacherinnen und -machern» stehe, die vor ihm da gewesen seien. «Man muss den Mut haben, einer zu werden, auf dessen Schultern auch jemand stehen kann.» Diesen Respekt vor der Filmgeschichte vermisse er mitunter bei der jungen Generation.

Auch fehle ihm heutzutage «die Eigenwilligkeit und die Anarchie.» Die Abhängigkeit von Geldgebern und Expertengremien fördere letztlich das Mittelmass. «Meine ersten zehn Filme, die ich ohne öffentliche Gelder gemacht habe, waren die radikalsten.»

2014 hat Murer mit seinem letzten Film «Liebe und Zufall» einen endgültigen Schlussstrich unter seine Karriere gezogen. Seither besuchte er auch keine Festivals mehr - bis zu seiner diesjährigen Rückkehr nach Locarno.

https://fredi-murer.ch/ (sda)

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