Meta, Amazon, Microsoft: Die KI-Revolution frisst ihre Kinder
Wer verstehen will, welche düstere Entwicklung die KI-Revolution nehmen kann, muss nicht in die Zukunft blicken, sondern zu Meta. Beim Facebook-Konzern zeigt sich schon heute, wie Technologie Arbeit ersetzt – und wie es den verbliebenen Mitarbeitern ergeht. Jüngst hat der Konzern angekündigt, zehn Prozent der Belegschaft abzubauen, was 8000 Stellen entspricht. Sie werden nicht mehr gebraucht – beziehungsweise werden die eingesparten Lohnsummen dringend benötigt, um Rechenzentren zu bauen und die Stromrechnung zu bezahlen.
Meta ist kein Einzelfall. Grossen Stellenabbau gibt es auch bei anderen Unternehmen. Microsoft stellt sieben Prozent seiner 125'000 Jobs in den USA zur Disposition, Amazon hat bereits 16'000 Stellen gestrichen. Auch bei Oracle sind laut Berichten massive Kürzungen geplant. Insgesamt wurden, so hat das britische Magazin Economist gezählt, allein in diesem Jahr rund 73'000 Stellen in der Tech-Branche eingespart.
Auch andernorts wird also fleissig für die KI umgebaut. Dennoch geht der Konzern von Mark Zuckerberg besonders kompromisslos vor. Den verbleibenden Mitarbeitern schaut nun nämlich die künstliche Intelligenz genau über die Schultern. Eine Software registriert jeden Mausklick und jeden Tastendruck. Der Sinn dieser faktischen Totalüberwachung, die in der Schweiz nicht legal wäre: Die künstliche Intelligenz soll so besser verstehen, was die Menschen tun, um ihre Arbeit künftig zu übernehmen.
Dass ausgerechnet Tech-Unternehmen, die die KI entwickeln, zu den ersten gehören, die ihre Folgen zu spüren bekommen, mutet paradox an. Die Sieger der Digitalisierung von gestern erleben heute ihre disruptiven Mechanismen zuerst. Bei genauerer Betrachtung erscheint das jedoch folgerichtig. Programmiersprachen sind streng logisch aufgebaut – damit kommen Sprachmodelle wie ChatGPT oder Claude besonders gut zurecht.
Ausserdem verstehen die Programmierer der KI ihren Job am besten. Dieses Verständnis hilft, die KI darauf zu trainieren. Und die KI-Firmen haben ein grosses Interesse daran, die künstliche Intelligenz zu einem Programmier-Genie auszubilden, um die eigenen Modelle weiter zu optimieren. ChatGPT sei mittlerweile massgeblich an seiner eigenen Entwicklung beteiligt, hiess es jüngst bei OpenAI. Und Dario Amodei, der CEO des Rivalen Anthropic, sagt, dass KI inzwischen «einen Grossteil des Codes» in seinem Unternehmen selbst schreibe.
Die KI-Revolution vollzieht sich zuerst in den Firmenzentralen der Tech-Unternehmen. Doch sie weitet sich auf andere Branchen aus. Dafür sprechen zwei Gründe. Erstens gehen US-Techfirmen besonders radikal vor und sind weiter in der Implementierung von KI-Anwendungen in ihre Strukturen. Zweitens werden die Modelle durch ihre Selbstoptimierung zunehmend besser und eignen sich damit auch für komplexere Arbeiten. Grundsätzlich gilt: Was sich digitalisieren und vermessen lässt, lässt sich auch automatisieren. Und was sich automatisieren lässt, wird früher oder später automatisiert.
Wie man mit dieser KI-Revolution umgeht, ohne Mitarbeiter zu überwachen und sie zum blossen Trainingsmaterial zu degradieren, ist die entscheidende Frage. Noch fehlt darauf eine überzeugende Antwort. Sicher ist nur: Was heute bei Meta sichtbar wird, dürfte sich bald weit über die Tech-Branche hinaus ausbreiten. (aargauerzeitung.ch)
