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Früher war's der Storch.  Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

Liebe Kafi! Ich (25, abgeschlossene Lehre, ab September Psychologiestudentin) befinde mich in einem moralischen und emotionalen Dilemma. Seit sieben Tagen weiss ich, dass ich schwanger bin (8. SSW) Vater ist mein Freund (23, Student, 4.Semester). 

13.03.15, 12:21 17.03.15, 16:52

Nach unzähligen Diskussionen haben wir uns für das Kind entschieden. Aber in mir sind doch so viele Zweifel: unsere erst 1-jährige Beziehung, unsere Ausbildungen, Finanzen, Organisation, Wünsche und Träume, all die Gedanken um das Elternsein ... Ist das normal oder ein schlechtes Zeichen? Heisst das, ich sollte mich gegen dieses Kind entscheiden? Alle in meiner Umgebung, die involviert sind, freuen sich riesig, mich eigentlich eingeschlossen, aber ich fühle mich einfach unsicher. Um deinen Rat bin ich sehr dankbar! Alles Liebe, Diana, 25

Liebe Diana 

Zum Thema «Kind oder nicht Kind» habe ich mich schon einmal ausführlich geäussert, aber ich bekomme fast jede Woche eine Frage wie die Ihre. Wenn ich mir klar mache, dass ich beinahe schon die Alleinmacht darüber habe, ob die Schweiz ein Babyboomjahr erlebt oder nicht, wird mir grad bitzli anders. Für Sie und alle anderen da draussen, die mit der gleichen Frage schwanger gehen (was für ein schönes Sinnbild, gopf!), hier nochmals meine Beweggründe und Gedanken dazu:

Sie sind 25 Jahre alt und keine 16 mehr.

Sie sind genug alt für Sex und eigentlich auch genug alt, sich um eine zuverlässige Empfängnisverhütung zu kümmern. (Und das meine ich noch nicht mal moralisch, sondern eher so, dass so was nicht einfach zufällig passiert.)

Sie sind aber auf jeden Fall definitiv genug alt, ein Kind zu bekommen.

Sie leben in einer stabilen Beziehung (oh ja, 1 Jahr ist stabil!) und der Vater ist weder ein arbeitsloser Säufer noch ein Handelsreisender, dem Sie kürzlich eine Bürste abkauften, ihn aber ansonsten nicht weiter kennen.

Sie haben ein Umfeld, das sich freut und Sie beide unterstützen würde. Sie und Ihr Partner haben gut bezahlte Karrieren vor sich.

Natürlich kann ich gut verstehen, dass Sie sich Sorgen machen und nicht wissen, was auf Sie zukommt. Aber das ist vollkommen normal und ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass etwas nicht stimmen würde, wenn dem nicht so wäre. Sich Gedanken und Sorgen zu machen über die Zukunft heisst sicher nicht, dass man sie nicht leben soll! Die genau gleichen Fragen werden Sie sich auch stellen, wenn Sie mit Mitte 30 oder Anfang 40 schwanger werden, glauben Sie mir! Eine Schwangerschaft versetzt einen immer in Unsicherheit, vollkommen unabhängig davon, wie alt man ist. Das ist normal, das gehört dazu. 

Der Zeitpunkt für ein Kind ist nie ideal. Das liegt in der Natur der Sache. Schliesslich kann man nicht abschätzen, was genau auf einen zukommt. Infolgedessen kann man auch nicht sagen, ob die Situation und die Rahmenbedingungen passend sind. Entweder kommt es, wenn man es nicht erwartet oder man erwartet es und es kommt nicht. Ich kenne praktisch keine Frau, die den Moment der Geburt als perfekt geplant und stimmig bezeichnet.

Sie haben jetzt nicht viel Geld und sind beide noch in Ausbildung. Dafür sind Sie jung und haben Energie und Kraft! Diese Ressource können Sie mit Geld und einem organisierten Leben fast nicht wettmachen. Ausserdem werden Sie noch jung sein, wenn das Kind bereits selbstständig ist. Das können Sie sich heute nicht vorstellen, aber es ist eine unglaubliche Freiheit, wenn das Kind praktisch schon aus dem Haus ist, wenn man selber noch jung ist! Sie verpassen nichts, was Sie dann nicht immer noch tun können!

Wenn Sie das Kind abtreiben, weil es Ihnen jetzt nicht ins Konzept passt, dann ist das natürlich Ihre Entscheidung und diese muss respektiert werden. Aber ich habe auf meine Abtreibungsantwort sehr viele zustimmende Zuschriften erhalten und immer wieder Frauen in meiner Praxis, die auch Jahre später noch heftig daran nagen, dass sie diesen Entscheid getroffen haben. Einige kommen nicht darüber hinweg, obwohl sie inzwischen Kinder bekommen haben. Andere haben in jungen Jahren abgetrieben, und als dann alles gepasst hätte, keine mehr bekommen und machen sich nun grosse Vorwürfe.

Es gibt wahnsinnig gute Gründe, ein Kind abzutreiben. Aber die von Ihnen aufgezählten gehören meiner Meinung nicht dazu. Sie haben ein unterstützendes Umfeld. Darauf werden Sie angewiesen sein. Und überhaupt auf eine gute Organisation. Lassen Sie sich in der anspruchsvollen Zeit unter die Arme greifen. Mit Taten und auch finanziell.

Es werden andere Zeiten kommen, das ist sicher. Ob später noch ein anderes Kind kommt allerdings nicht.

Alles Gute Ihnen beiden, Sie werden das Kind schon schaukeln!
Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.

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Sälber tschuld! 

Bild: Kafi Freitag

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • moppelkopf 16.03.2015 10:40
    Highlight Wer keine Kinder hat, kann sich kaum vorstellen wie viel sich nach der Geburt im Leben der Eltern verändert. Deshalb ist es wichtig, dass man auch als Mutter an seinen eigenen Träumen festhält. Ansonsten wacht man eines Tages mit 40 auf, die Kinder sind erwachsen und man hat sich selbst irgendwo auf der Strecke verloren. Ich kann nur empfehlen, trotzdem das Studium - nun halt mit Kind - durchzuziehen. Psychologie geht an den meisten FHs auch berufsbegleitend. Wichtig ist auch, dass das "unterstützende" Umfeld auch nach der Geburt noch da ist. Bei mir waren sie nach der Geburt alle weg.
    8 0 Melden
  • dave1771 14.03.2015 14:29
    Highlight Wer Schwanger wird ist selber schuld und sollte darum auch die Verantwortung übernehmen, die es mit sich bringen kann, also ein Kind. Aber da muss ich Kafi mal ein Kompliment geben, Top Antwort. Sonst finde ich die Antworten jeweils nicht so der Hammer!
    16 33 Melden
    • olga 14.03.2015 17:36
      Highlight "wer schwanger wird ist selber schuld" gehts noch dümmer?
      37 19 Melden
    • Miicha 15.03.2015 14:27
      Highlight Ich würde sagen, es gehören zwei zum Kinder machen, also sollten auch beide die Verantwortung tragen und diesen Schritt gut besprechen.
      23 2 Melden
  • dave1771 14.03.2015 14:24
    Highlight genug alt? heisst das nicht alt genug?
    13 7 Melden
  • Littlepage 13.03.2015 20:17
    Highlight Ich wurde mit 23 Mutter, ohne brauchbaren Kindsvater, ohne akademische Ausbildung, null familiäre Unterstützung, und mit einem artsy-fartsy Bekanntenkreis, der mich fallen liess wie eine heisse Kartoffel. Ich hatte eine schlimme Niederkunft mit direkter IV-Anmeldung für das (wunderschöne!) Baby. Nach drei Jahren eine Erschöpfungsdepression, und seither endlose Sessions mit Therapeuten, Schulpsychologen, Kinesiologen, Osteopathen, Psychiatern, IV-Berufsberatern.
    Und weisst Du was? Mein Sohn ist ein super Mensch und die Welt mit ihm ein besserer Ort. h
    Huere Chrampf, aber ich würds wieder machen.

    60 4 Melden
  • Jovan 13.03.2015 14:01
    Highlight Schön geschrieben Frau Kafi!
    44 4 Melden
  • Blutgruppe 13.03.2015 13:31
    Highlight Das ist wieder mal eine sehr durchdachte, nicht bewertende Antwort. Vielen Dank!
    41 4 Melden

Hallo Frau Freitag. Meine Freundin möchte gerne zu mir ziehen, jedoch keine Miete zahlen. 

Lieber ClaudioVielen Dank für Ihre Frage. Leider haben Sie vergessen, Ihre Adresse und den Vermieter anzugeben, und die benötige ich doch für die Umschreibung des Mietvertrags. Ich habe nämlich beschlossen, auch zu Ihnen zu ziehen. Und nein, selbstverständlich werde ich mich nicht an den Mietkosten beteiligen, das wäre ja noch schöner! Sie wohnen ja schliesslich schon dort und da macht es doch keinen Unterschied, ob mein Sohn und ich auch noch dort sind. Es wäre noch nett, wenn Sie den …

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