Blogs
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Bild: shutterstock

Yonnihof

Petra und der Wolf

Warum der «falsche Alarm» im Zuger Lokalparlament nur VerliererInnen hat.

04.03.15, 16:08

Diesem Organ hier und mir persönlich im Speziellen wird ja immer wieder vorgeworfen, wir würden SVP-Bashing betreiben. Ich kann nur für mich selber sprechen, wenn ich sage: Das stimmt.

Hauptsächlich deswegen, weil mir die SVP immer wieder gute Gründe gibt, sie zu bashen. Ich kann mir leider nicht helfen, aber meiner Meinung nach gehören Leute, die sich für wichtiger/wertvoller/liebenswerter/normaler halten als andere – seien das Menschen anderen kulturellen Hintergrunds oder anderer Sexualität –, angegriffen. Und solange die SVP eine Politik anstrebt, in der Volksrecht über Völkerrecht geht, werde ich mich dagegen wehren. Actio = Reactio. Voilà.

Man darf mich nun gerne als aufmüpfige Linke bezeichnen – auch hier wieder: Das stimmt. Zumindest teilweise.

Ich bin aber auch der Überzeugung, dass man Menschliches von Politischem trennen soll. Während der Geri Müller-Affäre habe ich mich deshalb (ganz ehrlich: unabhängig von seiner Partei) deutlich auf die Seite Müllers gestellt. Ein Politiker hat das Anrecht auf ein Privatleben – wobei die ganzen «Er hat die Bilder ja während der Arbeitszeit verschickt»-Argumente schlicht nicht greifen, weil ein Mann in Müllers Position von früh bis spät arbeitet und seine Pausen selber einteilt. Ich sage nicht, Müller habe nicht unklug gehandelt. Das wäre ein Witz. Fehler macht aber jede/r von uns und solange es nur ein Schniepel-Selfie ist, ist mir das ehrlich gesagt so lang wie breit. Aber diese Geschichte haben wir ja nun auch schon x-fach abgehandelt.

Aus diesem Grund wäre ich auch keinesfalls auf die Barrikaden gegangen, wenn man mir erzählt hätte, dass ein SVP-Mann und eine Frau der Grünen sich an einer Lokalparlaments-Versammlung einen zuviel hinter die Binde gekippt und anschliessend in einem Hinterrüümli eine Nummer geschoben haben. Gerade die politische Ausrichtung der beiden gibt der Geschichte ja eine gewisse ironische Würze.

Beide sind sie verheiratet und haben Kinder – da kann man so einen Ausrutscher schon verwerflich finden. Wenn jedoch eheliche Treue ein Eintrittskriterium ins Parlament wäre; die Reihen wären wohl bedenklich leer. Noch einmal: Privates ist Privat. Und auch: Dumm war’s auf alle Fälle, jedoch auch menschlich und garantiert nicht mit Seltenheitswert.

Nun kommt aber die eine Komponente dazu, die diese Geschichte zu einer Sache öffentlichen Interesses macht: Die Frau sagt am nächsten Tag aus, der Mann habe ihr ihrer Meinung nach K.o.-Tropfen (Gamma-Hydroxybuttersäure, kurz GHB) verabreicht, was zu einem kompletten Black-Out ihrerseits geführt und sie nur deshalb für die folgenden sexuellen Aktivitäten gefügig gemacht habe.

Der Mann wird in der Folge strafverfolgt (was, sollte der Vorwurf eine solide Grundlage haben, absolut richtig ist), die Geschichte kommt an die Presse (God knows how!), alle Betroffenen werden öffentlich zerpflückt und der Mann (vorerst) zum Rücktritt gezwungen.

Anfangs dieser Woche stellt sich nun, nachdem den Urin- und Bluttests auch noch eine Haaranalyse gefolgt ist: Da war kein GHB im Blut. Und ich schreibe auch erst jetzt über diese Geschehnisse, weil harte Beweise vorliegen.

Entweder war die junge Frau in der Nacht also vom Alkohol so chatznageldicht, dass sie sich deswegen an nichts mehr erinnern konnte – was jedoch ihrer Aussage, am Morgen danach komplett klaren Kopfes gewesen zu sein, deutlich widerspricht – oder sie wurde sich am Morgen der Geschehnisse der vergangenen Nacht bewusst und hat sich seither sukzessive selber in die Scheisse geritten.

Fakt ist: Diese Story hat nur VerliererInnen.

Da ist die junge Frau selbst, die nun mit ihrem schlechten Gewissen wird leben müssen. Das tut mir jedoch nur sehr bedingt leid.

Da ist der Mann, dessen politische Karriere und persönliches Image übel angeknackst sind – und zwar wegen einer Sache, die er (höchstwahrscheinlich) nicht getan hat. Auch er hat sich nicht nur clever verhalten im Nachklang zu dieser Geschichte, bezeichnete unter anderem den offensichtlich darüber hinausgehenden Ausrutscher als «Fremdküssen». Es gibt keine Hand, die so gross ist wie diejenige, die ich mir bei sowas vor die Stirn knallen will. Trotzdem: Fälschlicherweise des Verabreichens von Substanzen und eines anschliessenden sexuellen Übergriffs bezichtigt zu werden, muss die Hölle sein. Das tut mir sehr leid für ihn.

Da sind die Familien der beiden, die diese öffentliche Schmach über sich ergehen lassen mussten und die nun mit den persönlichen und beruflichen Konsequenzen des Vorfalls irgendwie umgehen müssen. Sie sind die wahren Opfer dieser elenden Story.

Und: Diese Geschichte ist ein Schlag ins Gesicht jeder vergewaltigten Frau, die nicht ernst genommen wird. Immer wieder wird Frauen unterstellt, sie würden den Vergewaltigungsvorwurf für ihre eigenen Zwecke missbrauchen – genau wegen solcher Geschichten wie derjenigen im Zuger Lokalparlament. So etwas darf einfach nicht passieren.

Selbstverständlich sind solche Storys immer komplexer als wir als Aussenstehende sie erfassen können. Und natürlich bleibt immer eine winzige Restchance, dass Herr Hürlimann tatsächlich eine Substanz gefunden und beschafft hat, die sich weder im Urin noch im Blut noch im Haar nachweisen lässt. In meinen Augen ist diese Chance beim heutigen Stand der Tatsachen jedoch verschwindend klein.

Ich bin sicher, Jolanda Spiess-Hegglin wollte nicht, dass das alles soweit kommt. Ich bin überzeugt, dass da eins zum anderen geführt hat und sie irgendwann aus der Sache nicht mehr rauskam. Zweifellos war die Nummer mit Markus Hürlimann kein Kalkül. Und vielleicht hat sie auch heute noch tatsächlich das Gefühl, irgendwas sei nicht mit rechten Dingen zugegangen.

Davon jedoch ganz abgesehen, sollte sie jetzt Verantwortung übernehmen und den (medizinisch-wissenschaftlichen) Tatsachen ins Auge schauen: Ihr wurde nichts verabreicht. Sie hat einen falschen Verdacht geäussert, was zur strafrechtlichen Verfolgung einer anderen Person geführt hat. Und das ist illegal. Dafür wäre eine öffentliche Entschuldigung einmal ganz grundlegend das Mindeste.

Und das ist dann auch der Moment, wo auch in meinen Augen Politisches und Menschliches nicht mehr getrennt werden können. Parteizugehörigkeit hin oder her.  

Yonni Meyer

Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen –direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
Pony M. auf Facebook
Yonni Meyer online

Kennst du schon die watson-App?

Über 100'000 Menschen nutzen bereits watson für die Hosentasche. Unsere App hat den «Best of Swiss Apps»-Award gewonnen und wird von Apple als «Beste Apps 2014» gelistet. Willst auch du mit watson auf frische Weise informiert sein? Hol dir jetzt die kostenlose App für iPhone/iPad und Android.



Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.

Abonniere unseren Daily Newsletter

Themen
13
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • susannbo 05.03.2015 11:14
    Highlight Treffend und sensibel dargestellt. Danke.
    6 0 Melden
  • Statler 05.03.2015 09:16
    Highlight «Ich kann mir leider nicht helfen, aber meiner Meinung nach gehören Leute, die sich für wichtiger/wertvoller/liebenswerter/normaler halten als andere [...] angegriffen»...

    Hmmm - wer im Glashaus sitzt? ;)
    10 9 Melden
    • Yonni Meyer 05.03.2015 11:55
      Highlight Nana, nicht zitieren und den Teil, auf den sich die Aussage bezieht, rauslassen. Ich sage deutlich, dass sich das wichtiger/wertvoller/liebenswerter/normaler auf Menschen anderer Herkunft und Menschen anderer Sexualität bezieht. Wir wollen doch nicht einfach den Kontext weglassen, danke.
      11 2 Melden
    • Statler 05.03.2015 13:47
      Highlight Die Aussage bezieht sich auf Leute, die nicht so sind, wie man selbst. Ob das nun die Sexualität ist, oder die Herkunft, oder die Parteizugehörigkeit, ist dabei eher zweitrangig. Man stellt sich über Leute, die nicht in's eigene Denkschema passen. Was für die SVP Ausländer sind, sind für Dich halt SVPler - wo ist der Unterschied?
      9 9 Melden
    • Yonni Meyer 05.03.2015 14:47
      Highlight Nein. Die Aussage bezieht sich auf Nationalität und Sexualität. Ganz eindeutig. Ich habe sie gemacht. Glaub mir. Es geht mir um die Grundhaltung, von Geburt an irgendwie wertvoller zu sein als Menschen anderer Nationalität oder Sexualität. Das ist zu verurteilen.
      8 3 Melden
    • Yonni Meyer 05.03.2015 14:53
      Highlight Es ist ein grosser Unterschied, ob man jemanden als Menschen grundlegend verurteilt (wegen Dingen, für die er/sie nichts kann) und ihr/ihm weniger Recht als sich selber zusprechen will oder ob man das Verhalten von Menschen anderen Menschen gegenüber verurteilt. Ich würde nie auf die Idee kommen, einem SVPler seine Rechte zu nehmen oder zu sagen, er/sie sei als Mensch weniger Wert als ich.
      7 2 Melden
    • Statler 06.03.2015 09:26
      Highlight Jemanden zu «bashen» heisst, die Person aufgrund eines Defizits lächerlich zu machen. Man zielt also nicht auf eine Einstellung ab, sondern auf eine Schwäche der Person. Den Schwulen-/Ausländerhassern wirft man mangelnde Intelligenz und Empathie vor. Das mag zwar sein, jedoch stellt man sich auf dieselbe Stufe mit ihnen, wenn man sie deswegen angreift - dafür können die nämlich auch nix. Man sollte sich also eher überlegen, wie man diese Menschen denn erreichen und zum Nachdenken anregen kann. Konstruktiver Dialog, statt Fingerzeigen.
      4 7 Melden
    • Yonni Meyer 06.03.2015 13:26
      Highlight Wo steht, dass man jemanden nicht seines Einstellung wegen bashen kann, sondern man eine Schwäche ausnützt? Ich bashe niemanden aufgrund kognitiver Defizite, sondern wegen seines Verhaltens. Würde ich niemals machen. Und wenn man anfängt, jegliche Diskriminierung von Ausländern und Homosexuellen einem Empathie- und Intelligenzdefizit zuzuschreiben, könnten wir unter diesem Deckmantel bald alles sagen und machen. Meine politischen Texte sind übrigens meist sehr konstruktiv. Bei gewissen Themen muss man sich einfach wehren.
      3 1 Melden
    • Statler 07.03.2015 02:41
      Highlight Es steht sehr wohl geschrieben: http://en.wikipedia.org/wiki/Bashing_(pejorative)). «Bashing is a harsh, gratuitous, prejudicial attack [...] it is normally used to imply that the act is motivated by bigotry». Bashing ist immer ein Ausnützen, resp. Lächerlichmachen von Schwächen; ein Pranger, ein Blosstellen.
      Woher kommt Diskriminierung denn Deiner Meinung nach? Doch wohl sicher von einem Defizit (welcher Art auch immer). Menschen deswegen anzugreifen zeugt von wenig Reife, ist kein «sich wehren» und schon gar nicht konstruktiv.
      4 4 Melden
    • Yonni Meyer 07.03.2015 11:02
      Highlight "The term is also used metaphorically, to describe verbal or critical assaults." Dieser Text ist ein kritischer Angriff und geht NICHT auf eine menschliche Schwäche, sondern auf eine menschenverachtende Verhaltensweise (Diskriminierung von Ausländern und Homosexuellen). Ich denke, ich weiss selber am besten, wie meine eigene Aussage gemeint war. Der Wiki-Artikel erwähnt übrigens nicht, dass es sich um Angriffe auf menschliche Schwächen handelt, das ist Ihre Ansicht, die Sie selbstverständlich weiterhin vertreten dürfen. Ich persönlich fühle mich durch den Artikel in meinen Aussagen von oben zusätzlich bestätigt. Danke.
      6 2 Melden
    • Yonni Meyer 07.03.2015 11:09
      Highlight Und noch einmal: Wenn wir Menschen nicht mehr wegen menschenverachtender Aussagen oder Taten kritisch abgreifen dürfen, weil sie ein Empathiedefizit haben sollen, haben wir als Gesellschaft versagt. Gerade Politiker, die für solche Aussagen eine öffentliche Plattform haben (und ums Verrecken WOLLEN), müssen damit rechnen, dass man sich gegen Ungerechtigkeit auf sozialer Ebene wehrt.
      P.S. Wenn Ihnen das Wort bashen so widerstrebt, können Sie es einfach durch 'sich wehren' ersetzen. Auch wenn der von Ihnen gepostete Wikiartikel eigentlich beweist, dass es richtig gewählt war und in diesem Zusammenhang mit Blossstellung und Pranger nichts zu tun hat. Metaphorically critical assault. Metaphorisch-kritischer Angriff.
      6 2 Melden
    • Statler 07.03.2015 14:27
      Highlight Die Frage ist doch, was mit dem Bashing erreicht wird. Löst es beim Gebashten einen Denkprozess aus? Eher kaum, oder? Und so lange das nicht passiert, haben wir wirklich versagt, weil sich dann nie was ändert. Der Tonfall wird höchstens immer schärfer. Ergo muss ich doch zuerst erkennen, warum jemand Ausländer/Schwule hasst und dann dort ansetzen. Dazu muss man sich aber auf die Hater einlassen und versuchen zu verstehen, woher der Hass kommt. Die Mühe macht sich aber nie jemand, weil - ja weil die Hater halt einfach doof sind und nix begreifen, gell... Womit wir wieder am Anfang wären...
      4 6 Melden
  • Jol Bear 04.03.2015 20:58
    Highlight als Ergänzung: Das Problem, wie die beiden damit im Privatleben umgehen (Partner, Kinder usw.), scheint mir am wichtigsten. Allerdings gehört das nicht in die Öffentlichkeit und braucht uns auch nicht wirklich zu interessieren. Öffentlichkeit (Medien, Medienkonsumenten) werden auch rein gar nichts Sinnvolles zu dieser Problemlösung beitragen. Daneben gibt es das Leben als "öffentliche Person", resp. PolitikerIn. Hier wird dieser One-Night-stand haften bleiben, genauso wie die Fotoshootings von Müller. Das wird nun bis auf weiteres, wo immer diese Personen auftreten, mit ihnen assoziiert werden. Aber liebe Freunde: Halb so schlimm, die Welt ist riesengross und das Leben bietet unendlich viele Möglichkeiten. Es gibt immer sinnvolle Alternativen, auch zu einem Leben als Politiker.
    3 1 Melden

Innerer Dialog – Heute: Ü30

Vernunft: Okay Kinder, jetzt mal ganz im Ernst: Wir müssen über unsere Altersvorsorge reden.  

Eitelkeit: Ich würde ja mega gerne, aber Dinge, die mit «Alter-» beginnen, haben mit unserer Person leider rein gar nichts zu tun, sorry.  

Realismus: Mir sind 36i, Alti. Sportler i oisem Alter sind Rentner. Okay, ussert de Roger Federer, aber er isch ja au s’Chind vome Einhorn und em Duracel-Häsli. Hach, oise Roger.  

Rebellion: Wo sind die Zeiten hin, da wir auf Badasses wie …

Artikel lesen