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Yonnihof

Yonnihof

Petra und der Wolf

Warum der «falsche Alarm» im Zuger Lokalparlament nur VerliererInnen hat.



Diesem Organ hier und mir persönlich im Speziellen wird ja immer wieder vorgeworfen, wir würden SVP-Bashing betreiben. Ich kann nur für mich selber sprechen, wenn ich sage: Das stimmt.

Hauptsächlich deswegen, weil mir die SVP immer wieder gute Gründe gibt, sie zu bashen. Ich kann mir leider nicht helfen, aber meiner Meinung nach gehören Leute, die sich für wichtiger/wertvoller/liebenswerter/normaler halten als andere – seien das Menschen anderen kulturellen Hintergrunds oder anderer Sexualität –, angegriffen. Und solange die SVP eine Politik anstrebt, in der Volksrecht über Völkerrecht geht, werde ich mich dagegen wehren. Actio = Reactio. Voilà.

Man darf mich nun gerne als aufmüpfige Linke bezeichnen – auch hier wieder: Das stimmt. Zumindest teilweise.

Ich bin aber auch der Überzeugung, dass man Menschliches von Politischem trennen soll. Während der Geri Müller-Affäre habe ich mich deshalb (ganz ehrlich: unabhängig von seiner Partei) deutlich auf die Seite Müllers gestellt. Ein Politiker hat das Anrecht auf ein Privatleben – wobei die ganzen «Er hat die Bilder ja während der Arbeitszeit verschickt»-Argumente schlicht nicht greifen, weil ein Mann in Müllers Position von früh bis spät arbeitet und seine Pausen selber einteilt. Ich sage nicht, Müller habe nicht unklug gehandelt. Das wäre ein Witz. Fehler macht aber jede/r von uns und solange es nur ein Schniepel-Selfie ist, ist mir das ehrlich gesagt so lang wie breit. Aber diese Geschichte haben wir ja nun auch schon x-fach abgehandelt.

Aus diesem Grund wäre ich auch keinesfalls auf die Barrikaden gegangen, wenn man mir erzählt hätte, dass ein SVP-Mann und eine Frau der Grünen sich an einer Lokalparlaments-Versammlung einen zuviel hinter die Binde gekippt und anschliessend in einem Hinterrüümli eine Nummer geschoben haben. Gerade die politische Ausrichtung der beiden gibt der Geschichte ja eine gewisse ironische Würze.

Beide sind sie verheiratet und haben Kinder – da kann man so einen Ausrutscher schon verwerflich finden. Wenn jedoch eheliche Treue ein Eintrittskriterium ins Parlament wäre; die Reihen wären wohl bedenklich leer. Noch einmal: Privates ist Privat. Und auch: Dumm war’s auf alle Fälle, jedoch auch menschlich und garantiert nicht mit Seltenheitswert.

Nun kommt aber die eine Komponente dazu, die diese Geschichte zu einer Sache öffentlichen Interesses macht: Die Frau sagt am nächsten Tag aus, der Mann habe ihr ihrer Meinung nach K.o.-Tropfen (Gamma-Hydroxybuttersäure, kurz GHB) verabreicht, was zu einem kompletten Black-Out ihrerseits geführt und sie nur deshalb für die folgenden sexuellen Aktivitäten gefügig gemacht habe.

Der Mann wird in der Folge strafverfolgt (was, sollte der Vorwurf eine solide Grundlage haben, absolut richtig ist), die Geschichte kommt an die Presse (God knows how!), alle Betroffenen werden öffentlich zerpflückt und der Mann (vorerst) zum Rücktritt gezwungen.

Anfangs dieser Woche stellt sich nun, nachdem den Urin- und Bluttests auch noch eine Haaranalyse gefolgt ist: Da war kein GHB im Blut. Und ich schreibe auch erst jetzt über diese Geschehnisse, weil harte Beweise vorliegen.

Entweder war die junge Frau in der Nacht also vom Alkohol so chatznageldicht, dass sie sich deswegen an nichts mehr erinnern konnte – was jedoch ihrer Aussage, am Morgen danach komplett klaren Kopfes gewesen zu sein, deutlich widerspricht – oder sie wurde sich am Morgen der Geschehnisse der vergangenen Nacht bewusst und hat sich seither sukzessive selber in die Scheisse geritten.

Fakt ist: Diese Story hat nur VerliererInnen.

Da ist die junge Frau selbst, die nun mit ihrem schlechten Gewissen wird leben müssen. Das tut mir jedoch nur sehr bedingt leid.

Da ist der Mann, dessen politische Karriere und persönliches Image übel angeknackst sind – und zwar wegen einer Sache, die er (höchstwahrscheinlich) nicht getan hat. Auch er hat sich nicht nur clever verhalten im Nachklang zu dieser Geschichte, bezeichnete unter anderem den offensichtlich darüber hinausgehenden Ausrutscher als «Fremdküssen». Es gibt keine Hand, die so gross ist wie diejenige, die ich mir bei sowas vor die Stirn knallen will. Trotzdem: Fälschlicherweise des Verabreichens von Substanzen und eines anschliessenden sexuellen Übergriffs bezichtigt zu werden, muss die Hölle sein. Das tut mir sehr leid für ihn.

Da sind die Familien der beiden, die diese öffentliche Schmach über sich ergehen lassen mussten und die nun mit den persönlichen und beruflichen Konsequenzen des Vorfalls irgendwie umgehen müssen. Sie sind die wahren Opfer dieser elenden Story.

Und: Diese Geschichte ist ein Schlag ins Gesicht jeder vergewaltigten Frau, die nicht ernst genommen wird. Immer wieder wird Frauen unterstellt, sie würden den Vergewaltigungsvorwurf für ihre eigenen Zwecke missbrauchen – genau wegen solcher Geschichten wie derjenigen im Zuger Lokalparlament. So etwas darf einfach nicht passieren.

Selbstverständlich sind solche Storys immer komplexer als wir als Aussenstehende sie erfassen können. Und natürlich bleibt immer eine winzige Restchance, dass Herr Hürlimann tatsächlich eine Substanz gefunden und beschafft hat, die sich weder im Urin noch im Blut noch im Haar nachweisen lässt. In meinen Augen ist diese Chance beim heutigen Stand der Tatsachen jedoch verschwindend klein.

Ich bin sicher, Jolanda Spiess-Hegglin wollte nicht, dass das alles soweit kommt. Ich bin überzeugt, dass da eins zum anderen geführt hat und sie irgendwann aus der Sache nicht mehr rauskam. Zweifellos war die Nummer mit Markus Hürlimann kein Kalkül. Und vielleicht hat sie auch heute noch tatsächlich das Gefühl, irgendwas sei nicht mit rechten Dingen zugegangen.

Davon jedoch ganz abgesehen, sollte sie jetzt Verantwortung übernehmen und den (medizinisch-wissenschaftlichen) Tatsachen ins Auge schauen: Ihr wurde nichts verabreicht. Sie hat einen falschen Verdacht geäussert, was zur strafrechtlichen Verfolgung einer anderen Person geführt hat. Und das ist illegal. Dafür wäre eine öffentliche Entschuldigung einmal ganz grundlegend das Mindeste.

Und das ist dann auch der Moment, wo auch in meinen Augen Politisches und Menschliches nicht mehr getrennt werden können. Parteizugehörigkeit hin oder her.  

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen –direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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