Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Die Landschaft Macun oberhalb Lavin im Unterengadin. Bild: KEYSTONE

150'000 Besucher pro Jahr

So schön ist der Schweizer Nationalpark – heute wird er 100 Jahre alt

14.07.14, 10:21 14.07.14, 10:32

Das Gebiet des Schweizerischen Nationalparks war bei der Gründung vor 100 Jahren keine heile Engadiner Naturwelt. Der Bergbau und Holzschläge hatten Spuren hinterlassen. Und die Anfänge des Parks wurden überschattet vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

100 Jahre Schweizerischer Nationalpark, 100 Jahre unberührte Natur? Tatsächlich hat der Mensch seit der Parkgründung am 1. August 1914 nicht mehr eingegriffen in die alpine Landschaft des nationalen Naturreservats im Engadin mit den strengen Schutzvorschriften.

Der Golzernsee im Maderanertal. Bild: KEYSTONE

Ganz andere Verhältnisse herrschten zuvor über Jahrhunderte hinweg. Die Spuren der früheren Wald- und Alpnutzungen seien an vielen Stellen noch deutlich sichtbar, schrieb der Bündner Politiker Jon Domenic Parolini in seiner Doktorarbeit, in der er die Waldnutzungen auf dem Parkterritorium unter die Lupe nahm.

Im Vergleich mit anderen Wäldern wurden die Bäume im Nationalpark sogar stark genutzt. Die Erz- und Eisenverarbeitung in der Region verlangte nach viel Brennholz. Zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert veränderte der Bergbau die Landschaft des späteren Parks. Namen von Teilgebieten wie «Il Fuorn» (Schmelzofen) erinnern an diese Zeit.

In einem der Macunseen auf 2600 Meter über Meer, oberhalb von Lavin im Unterengadin, spiegeln sich die Bündner Alpen. Bild: KEYSTONE

Ganze Talhänge kahlgeschlagen

Später, vom 17. bis ins 19. Jahrhundert, versorgten die Engadiner die Saline Hall im Tirol mit Brennholz. Die Abholzung war zeitweise derart intensiv, dass Klagen über die Holzverschwendung laut wurden. Laut Parolini wurden «ganze Talhänge für die kommerzielle Nutzung kahlgeschlagen».

Bild: KEYSTONE

Die Holzverkäufe waren für die Gemeinden in der Region eine bedeutende Einnahmequelle. Entsprechend pikiert reagierten sie, wenn übergeordnete Behörden die Abholzung einzudämmen versuchten. Erste Massnahmen gegen die Kahlschläge ergriff der Kanton Graubünden nach 1835, so dass die Wirtschaftlichkeit der Holzschläge zurückging.

Die Weidverpachtung an Bergamasker Schafhalter war ein weiterer bedeutender Wirtschaftsfaktor. Diese Einnahmequelle versiegte jedoch wegen der Maul- und Klauenseuche in Italien.

Landschaft im Cluozzatal. Bild: KEYSTONE

Rettende Nationalparkidee

Das führte dazu, dass die Engadiner Gemeinden Anfang des 20. Jahrhunderts fast keine Einnahmequellen mehr hatten und ihnen die Suche der Naturschutzpioniere nach einem Gebiet zur Gründung des Nationalparks gerade gelegen kam.

Jon Domenic Parolini, der nächstes Jahr das Amt des Bündner Volkswirtschaftsdirektors übernimmt, bilanziert die Zeit vor der Gründung des Nationalparks so: Betrachtet man die Gebietsnutzung vom Spätmittelalter bis ins 20. Jahrhundert, so wird ersichtlich, dass wirtschaftliche Überlegungen fast immer die treibende Kraft waren.

Das Rheinwaldhorn, mit 3402 Meter die höchste Erhebung in der Adulagruppe. Bild: KEYSTONE

Insoweit hatten die Gründerväter des Nationalparks im Kreise der damaligen Naturforschenden Gesellschaft (heute Akademie der Naturwissenschaften) eine gute Nase, als sie sich das Gebiet sichern konnten. Der erhoffte touristische Aufschwung stellte sich allerdings erst in den 1950er Jahren und später ein.

1999 bekam der Nationalpark sogar eine eigene Briefmarke. Bild: DIE POST

Mobilmachung überschattet Eröffnung

Die Eröffnung oder Einweihung des ersten und bisher einzigen Schweizerischen Nationalparks am 1. August 1914 ging unter im europäischen Säbelrasseln. Es herrschte Kriegsstimmung, wie ein Blick in die Bündner Tageszeitungen vor 100 Jahren zeigt.

Die Bündner Blätter berichteten am 1. August 1914 über den Beginn des Ersten Weltkrieges, über den «Österreichisch-serbischen Krieg». Dominantes Thema zu jener Zeit war die allgemeine Mobilmachung in der Schweiz auf den 3. August. An diesem Tag wählte die Bundesversammlung Ulrich Wille zum General der Schweizer Armee.

Ein Inserat der Graubündner Kantonalbank in den Tageszeitungen am 1. August bringt die damalige Lage gut zum Ausdruck. Die Direktion der Bank liess verlauten: «Die bevorstehende Mobilmachung nötigt uns infolge Personalmangels, den grössten Teil unserer Agenturen anfangs nächster Woche zu schliessen.»

Die Leute hatten keine Zeit, sich über die Entstehung des Schweizerischen Nationalparks zu freuen. Die Bevölkerung hatte andere Sorgen.

Ein Braunbär ist 2005 in einem Seitental des Ofenpassgebietes unterwegs. Bild: SCHWEIZ. NATIONALPARK

Heute strömen pro Jahr etwa 150'000 Besucherinnen und Besucher in den Park, der mit 170 Quadratkilometern etwa so gross ist wie das Fürstentum Liechtenstein. Die jährliche touristische Wertschöpfung gibt die Parkverwaltung mit 20 Millionen Franken an. (jas/sda)



Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

Abonniere unseren Daily Newsletter

1
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen

Die 5 drängendsten Fragen zur CO2-Kompensation

Wer ohne Gewissensbisse ins Flugzeug steigen will, kann die verbrauchten CO2-Emissionen mittels Spende kompensieren. Doch was bringt das?

Beim Fliegen brechen die Schweizer Rekorde. Jährlich legt hierzulande jede Person 9000 Kilometer mit dem Flugzeug zurück. Das entspricht ungefähr der Luftlinie nach Thailand. Verglichen mit unseren Nachbarländern Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien fliegen die Schweizer doppelt so häufig – und belasten dabei das Klima entsprechend mehr.

Die Folgen: Immer mehr Treibhausgas gerät in die Atmosphäre, es wird wärmer, die Pole schmelzen, Küsten versinken im Meer. Wer nun trotzdem …

Artikel lesen