Schweiz

Dieses Quartett bewährt sich als Geburtshelfer für internationale Wahlverwandtschaften. Bild: SRF/Paolo Foschini 

«The Voice of Switzerland»

Migration macht bessere Musik und noch bessere Quoten

Man kann das Schweizer Fernsehen für «The Voice of Switzerland» gar nicht genug loben. Und das hat kurioserweise auch mit der Geschichte eines Guetslis namens «Mailänderli» zu tun.

10.03.14, 19:30 12.03.14, 08:45

Die Alpenrösli-Mentalität des Schweizer Fernsehens ist bekannt. Sie wuchert vor allem in der zweiten Wochenhälfte, wenn SRF immer noch mehr «bi de Lüt» sein will als sonst, wenn Landfrauen in Tracht kochen und an währschaften Stammtischen gejasst wird, während sich Nik Hartmann auf den Dorfplätzen und Francine Jordi in den Fernseh-Festzelten dieses Landes tummeln. Wenn Peach Weber Witze reisst, für die man sich schämen muss und der Ausländer als solcher nur in der schwarzen Farbe stattfindet, mit der sich Birgit Steinegger schminkt. Wenn also ein gutes Viertel der Bevölkerung durch Auslassung oder als Fasnachtssujet repräsentiert wird.

Nichts übrigens gegen Nik Hartmann und Francine Jordi als Persönlichkeiten, beide sind weiss Gott feine Menschen mit Herzen so golden wie des Schweizers Lieblings-Weihnachtsgebäck, dem Mailänderli nämlich, ich kann das bezeugen. Und auch wenn dies jetzt saisonal gar nicht passt und auch wenn dieser Text viel schneller bei «The Voice of Switzerland» ankommen sollte, als er dies gerade tut, wären wir mit dem Mailänderli bei einem schönen Beispiel für die einstige Wertschätzung des Ausländischen in der Schweiz angelangt.

«Ausländisch» war einst ein Synonym für «kostbar»

Denn das Mailänderli wurde im 18. Jahrhundert als Teegebäck für die feine Gesellschaft, also den «Daig», in die Schweiz eingeführt, ja vielleicht sogar in Basel für die ganze Schweiz und den süddeutschen Raum erfunden. Jedenfalls sehen die Basler das gerne so. Weil es sich bei den Ingredienzien Zucker und Butter damals noch um kostbare Zutaten handelte, suchte man für die Guetsli einen kostbar klingenden Namen. Und weil das Ausland im Gegensatz zur Schweiz mit Monarchien, Hochkultur und gutem Essen gleichgesetzt wurde, nannte man sie «Milängli» oder später Mailänderli.

Es würde der Schweiz, die sich ja andauernd auf irgendwelche Traditionen und Mythen besinnt, gut anstehen, wenn sie sich auch einmal an das Mailänderli erinnern würde. Und genau deshalb ist «The Voice of Switzerland» gut. Auch wenn der Blick schon wieder meckert, dass zu wenig Schweiz in «The Voice» sei.

«The Voice of Switzerland» ist gelebte Diversität, angewandte Globalisierung und beispielhafte Chancengleichheit.

Genauso gut könnte sich die deutsche «Bild»-Zeitung darüber beschweren, dass es ungehörig ist, dass in den letzten paar Jahren bereits fünf Schweizer deutsche Castingshows gewonnen haben. Bis jetzt war die Schweiz in allen Fällen zu Gast bei wahren Freunden, doch im Zuge des Abstimmungsresultats vom 9. Februar wäre ja vielleicht eine Kontingentierung von Schweizer Kandidaten denkbar oder gar ein Ausschluss, wer weiss.

Enrika Derza stammt aus Albanien. Bild: SRF/Daniel Ammann

Allen Wahlresultaten zum Trotz zeigt «The Voice of Switzerland» unser Land für einmal so gross- und offenherzig, als wär's Amerika: Als eines nämlich, in dem Migrationshintergründe keine Hinderungsgründe sind. Von den 36 Kandidatinnen und Kandidaten, die bis jetzt die Blind Auditions überstanden haben, haben 12 entweder einen nicht-schweizerischen Elternteil oder sind eingewandert oder haben sich direkt von Deutschland oder Irland aus beworben. Das ist gelebte Diversität, das ist angewandte Globalisierung, das ist beispielhafte Chancengleichheit – und das macht erst noch ganz fabelhaft Quote, nämlich bis zu 570'000 Zuschauer.

Wenn Marc Sway in seiner ganzen Gemütswurzeligkeit davon spricht, dass hier nicht nur Teams, sondern «Families» gebildet würden, dann darf man sich das ruhig ein bisschen mehr zu Herzen nehmen als sonst. SRF als Geburtshelfer für internationale Wahlverwandtschaften – das gibt dem Label «Made in Switzerland» doch einen köstlich kosmopolitischen Klang.

Olivier Cheuwa kommt aus Kamerun. Bild: SRF/Daniel Ammann

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
4
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Monsieur Digital 11.03.2014 07:37
    Highlight Dieser Artikel ist einseitig und nicht objektiv. Ich stimme Mak zu, sind die jungen Leute Heute wie Rummelplatz Showsteller mit Voice of ...... on tour.
    Das kann man bei detaillierter Recherche im DACH Raum sehr gut sehen. Aber auch in den angelsächsischen Shows findet man das gleiche Phänomen. Der Showbiz liebt das exotische und Schweizer sind ja bekanntlicherweise nicht gerade die besten Showtalente eben Mailänderli (welche Ehre) oder Brätzeli (sind wenigstens aus echter Butter hergestellt). Deshalb geniesst die bunte Mischung von World people am Schweizer Fernsehen und schaut unseren "Promineten" aus dem "Medien Seldwyla" (Zitat: Peter Schellenberger) über die Schulter an Galas/Shows die alle keine Tradition bei uns haben.
    Ich lese lieber ein gutes Buch und höre mir echte Musik an, die nicht gecovert wird.
    2 0 Melden
  • mak 10.03.2014 21:27
    Highlight Lieber Autor dieses Artikels, Interessant wie man dies betrachten kann. Ganz speziell spannend finde ich die wie man so etwas als "beispielhafte Chancengleichheit." betrachten kann. Nur so am Rande erwähnt, Frau Derza war bereits in Albanien im Final und hat es offensichtlich nicht geschafft. Ich finde sie sollte sich damit geschlagen geben und akzeptieren dass sie wirklich unglaublich schön singt aber es leider nicht ganz gereicht hat. Sie hatte Ihre Chance. Jetzt würde ich es als Chancengleichheit bezeichnen wenn Sie den Platz einen anderen Kandidaten überlassen würde.

    Ah noch etwas, wie wissen Sie dass die guten Quoten von der Migration abhängt. Interesannt.
    2 0 Melden
  • Donald 10.03.2014 19:42
    Highlight Beachtet man, dass bei jeder 2. Ehe mindestens ein Partner Ausländer ist, wir einen Ausländeranteil 26% haben, wir extrem viele einbürgern und sich noch einige aus dem Ausland beworben haben, ist doch eigentlich nur ein Drittel mit Migrations-/Auslandhintergrund eher bescheiden?

    Was ich damit aussagen möchte, weiss ich auch nicht. Aber ich verstehe auch die Aussage des Artikels nicht so ganz.

    Übrigens war vermutlich ausländisch vor allem kostbar, weil es sehr selten war. Im Gegenteil zu heute, wo inländisches selten und teuer geworden ist.
    2 0 Melden
    • Beasty 11.03.2014 00:53
      Highlight «Was ich damit aussagen möchte, weiss ich auch nicht. Aber ich verstehe auch die Aussage des Artikels nicht so ganz.» - Wie wärs dann einfach, nichts zu schreiben, wenn du deine eigenen Sätze nicht verstehst?
      2 2 Melden

Schweizer Bauern sollen mehr Fleisch aus Südamerika schlucken

Die EU und der südamerikanische Mercosur stehen offenbar kurz vor dem Abschluss eines Freihandelsabkommens. Die Schweiz will im Interesse ihrer Exporteure nachziehen, was vielen Bauern nicht schmeckt.

Amtsmüdigkeit ist ein Begriff, mit dem Bundesrat Johann Schneider-Ammann häufig in Verbindung gebracht wird. Anfang Dezember war davon wenig zu spüren. In der Debatte zur Volksinitiative «für Ernährungssouveränität» der Bauerngewerkschaft Uniterre im Nationalrat redete sich der Wirtschaftsminister in Rage: «Der Bundesrat lässt sich nicht vorwerfen, dass er bereit wäre, die Landwirtschaft in den Tod gehen zu lassen. Das ist eine bitterböse Unterstellung.»

Anlass für Schneider-Ammanns Empörung …

Artikel lesen