Piccard kein gutes Vorbild: Gläubiger verlieren bis zu 80 Prozent ihrer Gelder
Firmenpleiten gehen schnell vergessen. Selbst die Credit Suisse ist drei Jahre nach ihrem weltweit mediatisierten Niedergang bald aus dem kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung verschwunden.
Darüber freuen sich alle, die aktiv an dem Debakel mitgewirkt haben, vor allem aber auch jene, die nicht aktiv beteiligt waren und dennoch einen vollen Schuh aus dem Sumpf herausgezogen haben. Roger Federer war ein Werbebotschafter von Credit Suisse. Man kann ihm deswegen nicht den Untergang der Bank und die Verluste der Investoren vorwerfen, sagt ein anderer ehemaliger Werbebotschafter, dem jetzt genau das passiert.
Bertrand Piccard war das Gesicht des Genfer Solaranlagenbauers Prime Energy Cleantech, dem fast zeitgleich mit Credit Suisse der Strom ausging. Und er war eine gute Wahl: Der Ballonfahrer und Solarflugpionier ist beliebt in der breiten Bevölkerung, weil er seine Abenteuer als Beitrag zu einem sauberen Planeten versteht. Und er ist berühmt, weil er seine spektakulären Weltrekordfahrten auch erfolgreich zu vermarkten versteht.
Zwischen 2015 und 2023 hat Prime Energy vor allem in der Romandie unter rund 2000 mehrheitlich privaten Investoren mehr als 120 Millionen Franken eingesammelt. Davon sind nach einer Schätzung des Konkursverwalters 60 bis 80 Prozent verloren.
Die Staatsanwaltschaft verdächtigt den Firmengründer und Hauptaktionär Laurin Fäh und dessen früheren Manager Khalid Belgmimi der Veruntreuung, des Betrugs, der ungetreuen Geschäftsführung und anderer Delikte. Die beiden sitzen seit Ende September im Genfer Gefängnis Champ-Dollon in Untersuchungshaft.
Unangenehme Protokolle
Vor einigen Tagen wurden die ersten Einvernehmungsprotokolle an die klagenden Parteien versandt. Mit diesen muss sich nun auch Bertrand Piccard auseinandersetzen. Die Protokolle ergeben ein verwirrendes Bild. CEO Belgmimi will kein richtiger CEO gewesen sein, sondern vielmehr ein einfacher Verkäufer im Dienste Fähs. Dieser wiederum geht auf Distanz zu seinem Manager, wenn es um Fragen der Geldbeschaffung geht. Mit Buchhaltung will Belgmimi nicht viel zu tun gehabt haben.
Laurin Fäh hingegen zeigt sich in den Protokollen als Buchhaltungsexperte: Er sagt, die notorischen Verluste von Prime Energy bei stark steigender Verschuldung wären aus der Gruppenperspektive verkraftbar gewesen. Doch die Finanzmarktaufsicht (Finma) habe dem Genfer Unternehmen mit dem Verbot weiterer Emissionen von Schuldpapieren voreilig den Stecker gezogen, befand der 72-jährige Baselbieter sinngemäss.
Es brauche eine «konsolidierte» Sicht auf die Zahlen, sagte Fäh. Diese setzt aber den Überblick über ein Geflecht mehrerer Dutzend Firmen voraus, von denen viele im Ausland sind und unter Fähs direkter oder indirekter Kontrolle standen. Die Befragungsprotokolle zeigen, dass auch die Staatsanwälte ihre liebe Mühe mit Fähs konsolidierter Gruppensicht haben.
Piccard sieht sich als doppeltes Opfer
Prime Energy war das Geldportal dieses intransparenten Gebilde. Piccard hat ihm während mehrerer Jahre sein Gesicht geliehen – selbstredend gegen eine Bezahlung, deren Höhe er auch jetzt auf Anfrage nicht preisgibt. Piccard war auf Plakaten und in den Verkaufsprospekten von Prime Energy zu sehen, wo er sich mit selbst formulierten Sätzen wie «Die Sonne lässt mich fliegen und investieren» zitieren liess.
«Für uns war Bertrand Piccard ein bisschen wie unser Roger Federer, jemand, der viele Fans hat, die ihm vertrauen», sagte Laurin Fäh den Staatsanwälten im Rahmen mehrfacher Befragungssitzungen.
Derweil sieht sich Piccard in doppelter Weise als Opfer: Er habe selbst je 100'000 Franken in Obligationen und Aktien von Prime Energy investiert und erfahren müssen, wie die Firma «meinen guten Ruf für einen mutmasslichen Betrug missbraucht und beschädigt hat».
Das Geld ist mein, das Risiko dein
Laurin Fäh, dem die Finma vor einem Jahr jede finanzmarktrechtlich bewilligungspflichtige Tätigkeit unter Strafandrohung untersagt hat, zeigte in der Befragung ein eigenwilliges Verständnis vom Umgang mit geliehenen Geldern aus dem Publikum. «Wenn ich das Geld erhalten habe, dann ist es mein Geld und ich mache damit, was ich will. So, wie man sich Geld von der Bank leiht.»
So deutlich dürften weder Piccard noch seine Anhängerschaft jemals gehört haben, was sie nun zu sehen und hören bekommen: Prime Energy investierte die im Publikum eingesammelten Geldmittel nicht nur in Solaranlagen, sondern auch in Immobilien und sogar in eine Herstellerin von Medizinal-Cannabis in Portugal. Fäh behauptete gegenüber den Staatsanwälten: «Die Leute hätten das verstanden, wenn man es ihnen gut erklärt hätte.»
Piccard hätte es bestimmt nicht akzeptiert. So klingt er jetzt, nun da der Scherbenhaufen angerichtet ist. «Die Geschichte berührt mich sehr. Ich bin empört, wie viele Leute verschaukelt wurden», schreibt er auf Anfrage. Doch ganz aus der Verantwortung wird er sich in der Sache kaum nehmen können. Belgmimi und Fäh sagten bei der Befragung, sie hätten kaum einmal mit Piccard über die finanzielle Lage von Prime Energy gesprochen, obschon die öffentlich verfügbaren Zahlen kritische Fragen nahegelegt hätten. Piccard selbst räumt ein, er habe sich «tatsächlich viel zu spät» danach erkundigt.
Er sei nie misstrauisch gewesen, sonst hätte er nicht auch persönlich investiert. Es sei die Aufgabe des Rechnungsprüfers PWC gewesen, sich um die finanziellen Aspekte von Prime Energy zu kümmern, erklärt Piccard gegenüber der «Schweiz am Wochenende». Hinter dieser Aussage verbirgt ein leidiges Missverständnis, das offensichtlich nicht aus der Welt zu schaffen ist: Revisionsgesellschaften prüfen zwar Jahresrechnung auf ihre gesetzliche Richtigkeit, aber sie sind nicht dazu da, ein Urteil über den wirtschaftlichen Zustand des geprüften Unternehmens abzugeben oder gar strafrechtliche Sachverhalte aufzudecken.
So viel Selbstverantwortung, wie Piccard bei seinen Flügen in der Stratosphäre auf sich nicht nimmt, sollte er auch bei seinen Abenteuern im Unterholz der Finanzwelt zeigen. Dann wäre er ein wirklich gutes Vorbild für andere Anleger. (aargauerzeitung.ch)
