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Switzerland's goalie Reto Berra drops his helmet as he defends during the third period of their men's ice hockey World Championship Group B game against Finland at Minsk Arena in Minsk May 16, 2014.  REUTERS/Alexander Demianchuk (BELARUS  - Tags: SPORT ICE HOCKEY)

Die Schweizer sind bereit zu kämpfen. Bild: Keystone

Delikate Ausgangslage

Endlich wieder Helden, aber noch immer keine Sieger

Der erste Punktgewinn gegen Finnland seit 1988. Aber die Schweizer stecken nach dem 2:3 n.P. nach wie vor zwischen Triumph (Viertelfinale) und Tragödie (Abstieg) fest.

17.05.14, 08:11 17.05.14, 09:10

Cinderella (das Glück) ist ins Stadion zurückgekehrt. Aber leider ist die Märchenprinzessin nicht ganz bis zum Schluss geblieben. Immerhin hat sie unsere glücklosen Verlierer in Helden verwandelt. Noch keine glücklichen und silbrigen wie vor einem Jahr. Auch noch keine siegreichen. Aber es reichte immerhin zum ersten Punkt gegen Finnland seit dem olympischen 2:1 von Calgary vor 26 Jahren. Und es ist ein Punkt der vorerst die Hoffnung auf eine Viertelfinal-Qualifikation am Leben erhält. 

Wäre Cinderella bis zum Schluss im Stadion geblieben, dann hätte es sogar zum zweiten Sieg an dieser WM (nach dem 3:2 gegen Deutschland) gereicht. Aber im Penaltyschiessen verloren die Schweizer 0:1. Damien Brunner (zweimal), Denis Hollenstein, Reto Suri und Kevin Fiala scheiterten. Kevin Fiala traf beim 4. Penalty den Pfosten. Es wäre der Sieg gewesen. Denn anschliessend scheiterte Petri Kontiola. Die Entscheidung fiel im fünften Umgang, als Damien Brunner an Pekka Rinne verzweifelte und Iiro Pakarinen als einziger traf. Cinderella war eben nicht mehr im Stadion. 

Der entscheidende Penalty. Gif: SRF

Und so wurde auch aus Reto Berra zwar wieder ein Held, er hielt uns nach dem 0:2 im Spiel und stoppte vier Penaltys. Er war erstmals an dieser WM so gut wie vor einem Jahr in Stockholm. Aber eben: Noch kein siegreicher Held. Nach wie vor liegt seine Fangquote mit 89,09 Prozent unter der magischen Grenze von 90 Prozent die sehr gute von grossen Torhütern trennt. Bei der Silber-WM von 2013 hielt er 96,72 Prozent der Schüsse.

Das 0:2 löste den Druck

Die Schweizer brauchten einige Zeit, um gegen Finnland Helden zu werden. Sie gerieten mit dem ersten richtigen Schuss in Rückstand (0:1) und mit einem Scheibenverlust provozierte Mathias Seger das 0:2. Es war einer dieser Fehler, die uns hier in Minsk wie ein böser Fluch verfolgt haben. 

Doch nach diesem 0:2 schien es, als seien die Schweizer von jedem Druck befreit. In der zweiten Hälfte dieser Partie sahen wir endlich wieder den WM-Finalisten vom Vorjahr. Mit schnellem, präzisem Spiel vorwärts. Mit einer Defensive, die wieder funktionierte wie ein Uhrwerk. Mit einem charismatischen Reto Berra. 

Reto Berra überzeugte für einmal. Bild: KEYSTONE

Und typisch für die Verwandlung: Reto Suri gelang das 2:1 und er assistierte zu Roman Josis Ausgleich. Er war einer der Helden von Stockholm (5 Tore) und hier in Minsk hat er wahrscheinlich am meisten Laufmeter aller Spieler zurückgelegt. Aber er war bisher am Spiel vorbeigelaufen. Aber hat nie aufgegeben und versuchte es auch gegen die Finnen immer und immer wieder – bis ihm endlich hier der erste WM-Treffer gelang. Er war hinterher trotzdem nicht zufrieden: «Wer das Penaltyschiessen verliert ist selber schuld. Wir hatten Mühe ins Spiel zu kommen. Aber dann war es ein Steigerungslauf.»

Wieder brachte Fiala Schwung

Nationaltrainer Sean Simpson hatte umgestellt. Tim Ramholt blieb auf der Tribune und Robin Grossmann schmorte während des ganzen Spiels unter der Wolldecke. Fürs letzte Drittel ersetzte der Nationaltrainer Benjamin Plüss (35) durch Kevin Fiala (17). Der Junior befeuerte das Spiel mit seiner Kreativität und fädelte Reto Suris 2:1 ein. 

Kevin Fiala konnte erneut überzeugen. Bild: freshfocus

Sean Simpson war die Erleichterung anzumerken. «Unser Spiel war in den ersten zwei Dritteln zu wenig intensiv. Aber meine Spieler haben Charakter gezeigt. Vieles ist an dieser WM schon gegen uns gelaufen und wir haben in der zweiten Pause geschworen, jetzt noch einmal alles zu geben. Mit dem Spiel gegen Kasachstan fängt noch einmal alles von vorne an. Mal sehen, was passiert, wenn wir die zwei letzten Gruppenspiele (gegen Kasachstan und Lettland – die Red.) gewinnen.»

Noch nie stieg ein Finalist im Jahr drauf ab

Nun ist die Ausgangslage delikat. Mit diesem Punktegewinn haben die Schweizer nicht nur weiterhin die theoretische Chance auf das Viertelfinale. Bei einer Niederlage heute gegen Kasachstan (19.45 Uhr, im Liveticker) droht erstmals seit 1995 der Abstieg. Für Aufsteiger Kasachstan ist es das Spiel des Jahres. Praktisch die letzte Chance auf den Klassenerhalt. 

Kasachstan wird sich wie hier gegen die USA auch gegen die Schweiz heftig wehren. Bild: AP/AP

Für die Schweiz geht es ums Weiterkommen. Niemand denkt an Abstieg. Weil für den WM-Finalisten ein Abstieg ganz einfach undenkbar ist. Noch nie ist der WM-Zweite der Relegation verfallen. Denis Hollenstein sagt: «Wir denken nicht an den Abstieg. Wir wollen unbedingt die zwei ausstehenden Spiele gewinnen. Das ist das einzige, was zählt.»

Die Schweiz also jetzt zwischen Triumph (Viertelfinal) und Tragödie (Abstieg). Es wäre gut, wenn Cinderella, die das Stadion vor dem Penaltyschiessen verlassen hatte, für das Spiel heute gegen Kasachstan wieder zurückkehrt. 

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