Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Die Tour de France kam heute zum ersten Mal nach Bern.
Bild: EPA/KEYSTONE

Warum Tour-Etappenort Bern mehr mit New York zu tun hat, als mit der Sportprovinz Zürich

Tour de France in Bern – und nicht in Zürich. Wenn wir die Geschichte kennen, dann ist das nur logisch.

18.07.16, 21:00 19.07.16, 07:42

Wie kann es sein, dass im Sportbusiness des 21. Jahrhunderts das langsame Bern, die Verwaltungszentrale des Landes und nicht die dynamische Wirtschaftshauptstadt Zürich ins Blickfeld der Weltsportöffentlichkeit rückt?

Bern hat inzwischen ja selbst seine Stimme, seine Medien («Tele Bärn», «Bund», «Berner Zeitung») den Zürchern und Aargauern verkaufen müssen. Das mag alles richtig sein. Bern ist keine Wirtschaftshauptstadt mehr seit Rudolf Minger 1918 mit seinen Getreuen im Bierhübeli zu Bern aus Sorge, die dynamische Wirtschaft der Stadt Bern könnte den Bauern schaden, die Bauern- Gewerbe und Bürgerpartei (BGB) gegründet hat (die heutige SVP).

So zeigt sich Bern auf Instagram 

Seither haben in der Bundesstadt die Politik, die Beziehungen und die Verwaltung das Primat über die Wirtschaft. Aber im Sportbusiness haben sich die Berner aus der Zwangsjacke der Politik befreit, und sie haben gelernt, Sport als Geschäft zu betreiben und sind pfiffig darin.

Und, das ist entscheidend, sie haben die Politiker für den Sport begeistert. In Zürich verhindern die Sozialisten den Bau von Stadien. In Bern bauen die Sozialisten Sporttempel.

Schon damals enorm hohe Preise

Die Tour de France ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig die Politiker sind. Die grösste, wichtigste Rundfahrt der Welt hätte eigentlich schon viel früher nach Bern kommen sollen. In den 1990er Jahren hatte Bern einen grossen Velo-General: Hugo Steinegger war zeitweise Präsident des Verbandes und Chef der Tour de Suisse. Er erinnert sich: «Ich war mit dem damaligen Tour de France-Boss Jean Marie Leblanc befreundet und Mitglied der Vereinigung der vier grössten Etappenrennen (Tour de France, Giro, Vuelta und Tour de Suisse – die Red.). Ich knüpfte die ersten Kontakte für eine Tour-Ankunft in Bern, aber auch für die einer Giro-Etappe. Die bereits damals enorm hohen Preise machten eine Realisierung unmöglich. Leider gab es damals keinen Stadtpräsidenten wie Alexander Tschäppät ...»

Packt an: Tschäppät klebt den Zielstrich der Tour auf den Boden.
Bild: KEYSTONE

Was dem einstigen Velo-General und SVP-Grossrat Hugo Steinegger nicht gelungen ist, schaffte nun der Sozialist Alexander Tschäppät – in Zusammenarbeit mit dem Erzkapitalisten und Milliardär Andy Rihs. Mit seinem Bruder «Jöggi» ist er auch Besitzer des Stade de Suisse und der Young Boys. Für YB muss er ständig das Portemonnaie sperrangelweit öffnen. Aber lieber öffnet er es für den Radsport, der ihm am Herzen und nicht – wie YB – auf dem Magen liegt.

Für den Radrennsport-Liebhaber, der weltberühmte Radrennställe alimentierte (u.a. Phonak) und am Fusse des Mont Ventoux, des mythischen Berges der Tour de France, ein wunderbares Weingut mit Hotel besitzt und das Velodrome Suisse in Grenchen möglich machte, geht mit der Tour in Bern ein Traum in Erfüllung. Sein Geld alleine hätte nicht gereicht – es brauchte die Unterstützung der Politik – und die garantierte der SP-Stadtpräsident Alexander Tschäppät.

Andy Rihs hat Bern als Etappenort der Tour de France möglich gemacht. Bild: Tim De Waele/freshfocus

Bern, das New York des Sports

Das hat Bern eben schon immer ausgezeichnet: der Pragmatismus der Sozialisten im Umgang mit den Kapitalisten. Und so kommt es, dass Bern zumindest im Sport mehr mit New York oder Los Angeles zu tun hat als mit der tiefen Sportprovinz Zürich. Und das wird in den nächsten 25 Jahren so bleiben.

Die Tour de France in Bern ist ja eigentlich gar keine Sensation. Sie ist der Normalfall. Oft wird nämlich vergessen, dass die Stadt Bern von allen Schweizer Städten die mit Abstand ruhmreichste Sportgeschichte hat. Ja, zeitweise war Bern sogar eine der Sporthauptstädte der Welt. Noch immer ist Bern der einzige Ort auf dem Planeten, an dem ein Final der Fussball-WM, ein Formel-1-GP und eine Etappe der Tour de France veranstaltet worden sind.

«Das Wunder von Bern» 1954: In der Schweizer Hauptstadt wurde Sportgeschichte geschrieben. Bild: AP

Die 1950er Jahre waren goldene Jahre für den Sport in Bern. 54'000 Zuschauer waren am 4. Juli 1954 im neuen Wankdorfstadion (heute Stade de Suisse) und verfolgten den Final der Fussball-WM zwischen Ungarn und Deutschland. Sie wurden Zeugen einer historischen Partie, die in Europa über den Sport hinaus viel auslöste. Deutschen gewannen 3:2. Der Final von Bern nahm die Niederlage des Kommunismus vorweg. Sieben Wochen später standen 50'000 Menschen an der Strasse im Bremgartenwald, als der 14. «Grosse Preis der Schweiz für Automobile» – verfolgt von drei Kameras des Schweizer Fernsehens – ausgetragen wurde.

Sportliche Grossanlässe in Bern

Die heulenden Motoren der Formel-1-Boliden und Rennmotorräder hörte man bis in die leeren Altstadtgassen hinunter. Allerdings zum letzten Mal: Nach einem Unfall auf der Rennstrecke von Le Mans im Juni 1955, bei dem 85 Menschen starben, lehnte zuerst der Berner Regierungsrat das Gesuch um ein weiteres Formel-1-Rennen im Bremgartenwald ab. 1958 verankerten die eidgenössischen Räte ein Verbot von öffentlichen Rundstreckenrennen im Gesetz.

Nur wenige Tage nach dem letzten GP strömten täglich Tausende in das mit Zusatztribünen aufgerüstete Neufeld- Stadion zur Leichtathletik-EM.

1998 fand das eidgenössische Schwingfest zum fünften Mal in Bern statt – Schwingerkönig wurde Jörg Abderhalden. Bild: KEYSTONE

Bern hat diese stolze Tradition bewahrt. Zu einem WM-Final hat es seither zwar nicht mehr gereicht. Aber die Stadt Bern hat nebst Eidgenössischen Schwingfesten (1900, 1921, 1934, 1945 und 1998) auch unzählige Welt- und Europameisterschaften gesehen. Mehrmals Titelkämpfe im Eishockey (1990, 2009), aber auch im Boxen (1972, 2009), in der Leichtathletik (1954), im Eiskunstlaufen (2011), Schiessen (1974), Curling (1974, 1979, 1997) und Kunstturnen (1975, 2016).

Und – nicht zu vergessen – zweimal ist auch die Rad-WM in Bern ausgefahren worden. 1936 sicherte sich der Franzose Anton Magne den Titel mit dem enormen Vorsprung von 9:27 Minuten. 1961 war es knapper und Bern sah eine der dramatischsten Schlussphasen in der Geschichte der Rad-WM. Rick van Loy gewann den Spurt einer Spitzengruppe aus 24 Fahrern ganz knapp: Einige Meter vor dem Ziel krachte sein Hinterrad zusammen.

Und nun also die Tour de France. Da kann der geschichtsbewusste Berner nur sagen: «Na und?».

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
22
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
22Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Fabio74 19.07.2016 07:06
    Highlight Langweilige Lobhudelei. 1000x Sozialist schreiben macht das falsche auch nicht richtig. Vielleicht ist es als Sportler ja nicht wichtig aber den Unterschied zwischen Sozialdemokrat und Sozialist sollte man kennen.
    Das 2. Stadion in ZH haben Beschwerden aufgrund von nicht gesetzlichen Bauplänen versenkt
    6 10 Melden
    • blobb 19.07.2016 10:37
      Highlight Na, dann erklähr doch mal den Unterschied.
      3 1 Melden
  • manolo 19.07.2016 06:58
    Highlight "Klausi " hat das ganze richtig eingeordnet! Kann ihm nur zu diesem Artikel gratuliere!
    10 0 Melden
  • plaga versus 18.07.2016 22:55
    Highlight Klauss Zaugg ist, wenn ich an der Überschrift erkenne, wer den Artikel schrieb!

    Und:

    Freiburg ist immer noch der einzige Ort auf dem Planeten, in dem ich geboren wurde!
    13 15 Melden
  • Hubertus Goggi 18.07.2016 22:47
    Highlight Ich dachte ich müsste solch gesuchte Artikel nur von Sept.-April ertragen.
    26 23 Melden
  • schibu73 18.07.2016 22:42
    Highlight Ich mag mich nur wage erinnern, aber war nicht auch schon Fribourg Ziel einer Tour de France Etappe, damals fand ich nirgendwo einen Vergleich mit Zürich oder Genf ;-). Komisch nicht?
    14 9 Melden
    • joe 19.07.2016 06:50
      Highlight Ja schon, aber sonst halt nichts!
      Neuenburg war ja auch schon Etappen-Ziel.
      Geht im Artikel ja darum was Bern sonst noch so ermöglicht hat!
      6 1 Melden
  • Ürsu 18.07.2016 22:38
    Highlight Es bitzeli yfersüchtig eui Kommentär.
    32 8 Melden
    • giguu 19.07.2016 00:54
      Highlight Kantönligeist ist eine Schweizer Tugend, die ich bis heute nicht begreife...
      10 3 Melden
  • Boniek 18.07.2016 22:06
    Highlight Wie immer muss der Berner einige Jahrzehnte zurückschauen, um noch etwas Glanz zu finden. Und dann noch all die gloriosen Schwingfeste sowie Curling- und Schiess-WM seither! Ist das wirklich Ihr Ernst, Herr Zaugg? Mit Herrn Tschäppät haben Sie wenigstens jemanden gefunden, der Ihren Minderwertigkeitskomplex teilt. Übrigens: Es fanden schon Olympische Spiele statt in der Schweiz; allerdings nicht in Bern (und auch nicht in Zürich).
    19 60 Melden
    • SeKu 18.07.2016 22:37
      Highlight Oh, ein Züzi.
      61 9 Melden
    • Boniek 19.07.2016 11:06
      Highlight Falsch geraten.
      0 1 Melden
  • Amboss 18.07.2016 21:31
    Highlight Eine Tour de France Etappe ist doch so richtig was für eine Männerfreungschaft. Ein schönes kurzes Fest, aber letztlich sinnlos und bald vergessen. Etwas, was man einfach will, weil man es will. Man kann also sagen: Gut hat man es noch geschafft, die Tour de France nach Bern zu lotsen, es war höchste Zeit. Tschäppät ist nicht mehr lang Stapi.
    Und die Nachfolgerin Ursula Wyss wird deutlich weniger Gehör für solches Zeug haben
    14 22 Melden
  • Nosgar 18.07.2016 21:26
    Highlight "Der BMC-Teambesitzer selbst wird gemäss eigenen Angaben «keinen Centime» beisteuern." Quelle: srf.ch
    Wie recherchiert Zaugg eigentlich?
    12 4 Melden
    • peeti 19.07.2016 00:30
      Highlight Gar nicht, er schreibt einfach. Wie wir damals in der Primarschule.
      12 3 Melden
    • c_meier 19.07.2016 06:38
      Highlight Villeicht hat Rihs einfach bei den Tour-Organisatoren die Idee mit Bern unterstützt.
      Immerhin gabs für die freiwilligen Helfer einen Gutschein für einen YB-Match, also unterstützt Rihs den Anlass doch ein bisschen finanziell
      1 0 Melden

Marco Pantanis grosser Tag

19.07.1997: «Der Pirat» spurtet an der Alpe d'Huez zu einem neuen Rekord – und fällt wegen Doping-Missbrauchs ins Elend

19. Juli 1997: Der italienische Publikumsliebling Marco Pantani ist bei den Bergetappen der Überflieger des Radsports. An der Alpe d'Huez zieht er allen davon und stellt eine neue Bestzeit auf. Nach positiver Dopingkontrolle findet seine Karriere jedoch ein jähes Ende.

Kaum steigt die Strasse an, gibt es für ihn kein Halten mehr. Marco Pantani, der mit einer Grösse von 1,72 Meter und 52 Kilogramm die perfekten körperlichen Voraussetzungen besitzt, ist in den 90er-Jahren der unumstrittene Bergspezialist im Kreise der Velofahrer und strebt an der Tour de France nach ersten Achtungserfolgen 1997 seinen ersten Gesamtsieg an einer grossen Rundfahrt an.

«Pirat» wird der Italiener liebevoll genannt. Abgeleitet von seinem Kopftuch, das er auf seinem kahlen …

Artikel lesen