Segen für Ukraine: Russland sucht verzweifelt nach Starlink-Alternative
Die weitgehende Sperrung des Satelliten-Internetsystems Starlink für russische Truppen hat Folgen. Russische Militärblogger und Propagandisten sprechen von «einer akuten Krise an der Front». Moskau suche darum fieberhaft nach Möglichkeiten, die Einschränkungen zu umgehen oder Ersatz zu finden. Ukrainische Stellen sehen dagegen einen entscheidenden strategischen Vorteil.
Auslöser ist eine neue Massnahme von Elon Musks US-Unternehmen SpaceX: In und um die Ukraine funktionieren Starlink-Terminals nur noch, wenn sie offiziell registriert und auf einer sogenannten «White List» freigeschaltet sind. Zusätzlich wurden technische Beschränkungen eingebaut, die den Einsatz der Terminals auf Drohnen verhindern sollen. Erkennt das System über eine gewisse Zeit Geschwindigkeiten von rund 75 bis 90 km/h, wird die Verbindung unterbrochen, wie das Fachportal DroneXL berichtet. Damit hat SpaceX vor allem Russland getroffen, das Starlink zuletzt intensiv für Drohnenangriffe nutzte.
«Keine Alternative zu Starlink»
Die Wirkung zeigte sich sofort. Der russische Militärblogger und Fernsehkorrespondent Alexander Sladkow klagt, die Kommunikation an der Front sei auf das Niveau von 2022 zurückgeworfen worden – eine Phase, die von Chaos und schlecht geführten Einheiten geprägt war. Andrei Medwedew, Vizechef der Moskauer Stadtduma, spricht auf Telegram von einem «höllischen Chaos», weil geplante Operationen ohne funktionierende Kommunikation gescheitert seien.
Mehrere russische Kanäle räumen zudem offen ein, dass es derzeit keine echte Alternative zu Starlink gebe. Eigene Satellitensysteme wie jenes von Gazprom seien zu langsam und technisch unzureichend. Zwar prüfe Russland Umgehungen der Sperren oder eine stärkere Nutzung chinesischer Satelliten, doch dies «wird Zeit brauchen», wie der Kanal «Colonelcassad» schreibt. Einzelne Stimmen, etwa Putins Lieblingspropagandist Wladimir Solowjow, gehen sogar so weit, Angriffe auf Starlink-Satelliten oder Produktionsstätten ins Spiel zu bringen – was vor allem den Ernst der Lage unterstreicht.
Starlink basiert auf Tausenden Satelliten im niedrigen Erdorbit und ermöglicht schnelles, relativ sicheres Internet unabhängig von klassischer Infrastruktur. Genau das macht das System für den Krieg so wertvoll. Beide Seiten nutzten es für Führung, Koordination, Feuerleitung und vor allem für Drohnenoperationen. Herkömmliche Mobilfunknetze gelten an der Front als unsicher und leicht zu orten.
Die Ukraine setzt Starlink seit 2022 ein. Anfangs stellte SpaceX rund 1000 Terminals zur Verfügung, inzwischen soll das ukrainische Militär laut Nachrichtenagentur DPA mehr als 40’000 Geräte besitzen. Russland nutzte Starlink hingegen ohne offizielle Erlaubnis. Ab 2023 tauchten bei russischen Truppen sogenannte «graue Starlinks» auf, die über Drittstaaten nach Russland geschmuggelt wurden.
In den vergangenen Wochen verschaffte Starlink Russland einen spürbaren taktischen Vorteil: Drohnenangriffe auf ukrainische Nachschubwege und Stellungen konnten über grosse Distanzen gesteuert werden, inklusive Live-Übertragung der Einschläge. Dies kompensierte teilweise die eingeschränkten Möglichkeiten der russischen Luftwaffe wegen der ukrainischen Flugabwehr.
Vorteil für die Ukraine – mit Nebenwirkungen
Ukrainische Stellen sprechen nun von einem Durchbruch. Verteidigungsminister Michajlo Fedorow erklärt, russische Terminals seien blockiert, während die freigeschalteten ukrainischen Geräte weiterhin funktionierten. Das ukrainische Stratcom-Zentrum meldet unterbrochene russische Angriffsoperationen und massive Störungen der Führung und Koordination.
Der ukrainische Drohnenexperte Serhii Beskrestnow glaubt sogar an eine «Katastrophe» für den Gegner, da vielerorts Sturmangriffe gestoppt worden seien. Die proukrainische Partisanengruppe Atesh behauptet zudem, Kommunikationsausfälle hätten zu tödlichem Beschuss eigener russischer Einheiten geführt – eine Darstellung, die nicht unabhängig überprüft werden kann.
Ganz ohne Probleme ist die Umstellung jedoch auch für die Ukraine nicht geblieben. Nicht registrierte ukrainische Terminals wurden zeitweise ebenfalls abgeschaltet. Die Registrierung laufe aber, betont Fedorow; die «White Lists» würden täglich aktualisiert.
Ein rascher Ersatz für Starlink ist nicht in Sicht. Das dichte, leistungsfähige Satellitennetz gilt als einzigartig und kurzfristig nicht nachzubauen. Zwar kann Russland den Krieg weiterführen – etwa mit per Glasfaser gesteuerten Drohnen an der Front, doch die Koordination wird schwieriger und Verluste dürften zumindest zwischenzeitlich steigen.
Für die Ukraine hingegen bedeutet die Starlink-Sperre für Russland einen der grössten kurzfristigen strategischen Vorteile seit Langem – insbesondere mit Blick auf die kommenden Monate intensiver Kämpfe. (aargauerzeitung.ch)
