Armee-Finanzierung: «Die Mehrwertsteuer ist das kleinere Übel – für hohe Einkommen»
Im Caritas-Markt in Zürich Altstetten kaufen Menschen ein, die jeden Franken umdrehen müssen. Hier finden sie Produkte des täglichen Bedarfs stark vergünstigt – teils bis zu 70 Prozent weniger im Vergleich zum Detailhandel.
Einkaufen darf nur, wer eine Mitgliedskarte hat: Familien und Einzelpersonen mit knappem Budget. Menschen, für die schon kleine Preisschritte im Alltag spürbar werden.
Entsprechend sorgt die geplante Mehrwertsteuer-Erhöhung für die Armee hier für Unbehagen. «Mir bleiben ein paar hundert Franken, um durch den Monat zu kommen. Wenn nun alles noch teurer wird, wird es noch schwieriger», sagt ein 43-jähriger Mann zu watson. Auch Rolf Veit (63) spürt die höheren Preise: «Die Mehrwertsteuer für die Armee zu erhöhen finde ich nicht fair, weil sie alle zahlen – auch die, die ohnehin knapp dran sind.»
Und eine 36-jährige Frau sagt: «Bei Menschen, die viel verdienen, steigt der Lohn stärker. Bei Menschen mit tiefen Einkommen bleibt er oft stehen. Eine Mehrwertsteuererhöhung trifft uns nochmals härter.»
Was hier als Bauchgefühl beschrieben wird, lässt sich ökonomisch erklären.
Trifft es Ärmere stärker?
Die Mehrwertsteuer zahlen zwar alle, entscheidend ist jedoch, woran man ihre Belastung misst. Ökonom und HSG-Professor Reto Föllmi sagt: Wird die Mehrwertsteuer erhöht, steigen die Preise – die Kaufkraft sinkt.
Marius Brülhart, Ökonom an der Universität Lausanne, differenziert: «Misst man die Mehrwertsteuer an den Konsumausgaben, kann sie leicht progressiv wirken.» Wohlhabende gäben mehr für Güter aus, die zum Normalsatz besteuert werden, während der Grundbedarf tiefer besteuert werde.
«Misst man die Mehrwertsteuer als Anteil am Einkommen, zeigt sich ein anderes Bild», sagt Brülhart. Wohlhabende könnten mehr sparen und gäben einen kleineren Anteil ihres Einkommens für Konsum aus. «Wer sparen kann, entzieht sich der Mehrwertsteuer teilweise.» Das belaste tiefere Einkommen relativ stärker.
Über den Lebenszyklus gleiche sich das teilweise aus. Trotzdem bleibt Brülhart dabei:
Obwohl der Bundesrat mit der Mehrwertsteuer die Armee-Aufrüstung finanzieren will, seien auch andere Wege geprüft worden, wie das Verteidigungsdepartement (VBS) mitteilt. Doch sind es echte Alternativen?
Welche Alternativen gibt es?
Finanztransaktionssteuer
Eine umfassende Abgabe auf Finanzgeschäfte lehnt der Bundesrat ab: Diese seien ohne internationale Koordination standortschädlich. Und mit der Stempelabgabe besteuere die Schweiz Finanztransaktionen bereits stärker als EU-Länder.
Auch für Föllmi und Brülhart ist das keine Lösung. Föllmi sagt, kaum etwas sei so mobil wie Finanztransaktionen. Wohlhabende könnten mit Umgehungskonstrukten einfach ausweichen.
Brülhart nennt die Idee gar eine «Fata Morgana»: Die Margen seien meist mikroskopisch und «eine Abgabe im Promillebereich könnte schon reichen, damit die Transaktionen nicht mehr über die Schweiz laufen». Ein funktionierendes Steuermodell kenne er nicht.
Nationale Vermögenssteuer
Zurzeit erheben nur Kantone und Gemeinden eine Vermögenssteuer, eine Ausweitung auf Bundesebene würde eine Verfassungsänderung benötigen. Das VBS warnt, höhere Sätze könnten Neuansiedlungen bremsen und am Ende «die Steuereinnahmen schmälern».
Föllmi argumentiert ähnlich: Vermögen sei mobil. Und: Wer viel einnehmen wolle, müsse die Steuern stark erhöhen, «und dann wandern wieder viele ab».
Brülhart hält dagegen: Gerade der kantonale Steuerwettbewerb drücke die Erträge.
Zudem könne der Wettbewerb beeinflussen, wie viel Vermögen überhaupt deklariert werde: In Luzern habe es nach der Halbierung der Vermögenssteuern einen «unerklärbaren Anstieg ausgewiesenen Vermögens» gegeben. Rund 17 Prozent mehr steuerbares Vermögen wurde durch die Steuersenkung sichtbar. Für Brülhart ist das ein Argument, Steuern auf solch mobiles Substrat beim Bund zu erheben.
Nationale Grundstückgewinnsteuer
Eine Expertengruppe schlug dem Bundesrat bereits vor einem Jahr vor, eine nationale Grundstückgewinnsteuer zu prüfen. Heute besteuern Gemeinden und Kantone Gewinne aus dem Verkauf von Häusern. Föllmi hält sie für eine der überzeugendsten Optionen:
Zahlen würden primär jene, die beim Verkauf profitieren. «Das sind nicht die Ärmsten», sagt der HSG-Professor.
Auch Brülhart findet die Idee «prüfenswert», sagt aber: Weil Immobilien ortsgebunden sind, sei eine zentrale Erhebung weniger zwingend als bei mobilem Vermögen.
Mehr Sparen
Der Bund versucht bereits zu sparen. Das laufende Sparpaket im Parlament zeigt aber auch: Sobald Kürzungen konkret werden, formiert sich Widerstand. Föllmi sieht trotzdem Potenzial: «Bevor man neue Einnahmen sucht, muss man offenlegen, wo der Bund Prioritäten falsch setzt.» Steuererhöhungen seien zudem ein schlechtes Signal für Arbeitnehmende:
Auch Brülhart findet die Suche nach Sparmöglichkeiten richtig, sieht darin aber nur begrenztes Potenzial. Bei der Umsetzung der Schuldenbremse ortet er allerdings noch Spielraum. Weil die Verwaltung vorsichtig budgetiere, entstünden jährlich Budgetreste von rund einer Milliarde Franken – die heute zwingend in den Schuldenabbau fliessen müssten. Das sei ökonomisch schwer zu rechtfertigen und in der Verfassung auch nicht so vorgesehen.
Den Grundsatz der Schuldenbremse würden beide Ökonomen nicht anfassen: Föllmi argumentiert, dass die nächsten Generationen dafür zahlen müssten und Brülhart sieht es als schwer vorstellbar, dass eine Mehrheit am Verfassungsartikel zur Schuldenbremse etwas ändern möchte.
Kapitalbezugssteuer auf Vorsorgegelder
Nebst der Mehrwertsteuer plant der Bundesrat, die Kapitalbezugssteuer auf Vorsorgegelder zu erhöhen. Diese soll anfallen, wenn man angesparte Gelder aus der zweiten und dritten Säule als einmalige Auszahlung bezieht.
Anders als bei der Mehrwertsteuer bräuchte das keine automatische Volksabstimmung: Es ist eine Gesetzesänderung, die nur dann vors Volk käme, wenn dagegen das Referendum ergriffen wird.
Ökonom Marius Brülhart findet den Ansatz hinsichtlich der zweiten Säule grundsätzlich sinnvoll. Er sagt, die Daten zeigten ein Muster:
Gleichzeitig kritisiert er den Einbezug der dritten Säule: Diese sei gedeckelt und als Schlupfloch für Grossverdiener viel weniger geeignet. Eine pauschale Verschärfung würde deshalb auch Menschen aus der breiten Mittelschicht treffen, die schlicht normal vorsorgen.
Auch Föllmi hält die Kapitalbezugssteuer nicht für den grossen Gamechanger: Der Ertrag sei begrenzt und politisch umstritten.
Wer soll bezahlen?
Geht es nach den Menschen vor dem Caritas-Markt, sollten diejenigen die Armee-Aufrüstung bezahlen, die in den letzten Jahrzehnten am meisten vom Frieden profitiert haben.
Auch Ökonom Brülhart findet es politisch heikel, ausgerechnet über die Mehrwertsteuer zusätzliche Milliarden zu generieren. Er sagt:
Zu gewichten sei auch die steigende Vermögenskonzentration. Brülhart sagt: «Der Anteil des vermögendsten Prozents stieg laut Zahlen der Eidgenössischen Steuerverwaltung stetig von 37 Prozent im Jahr 2003 auf 45 Prozent im Jahr 2022.»
HSG-Professor Reto Föllmi hält dagegen: Selbst wenn Wohlhabende stärker besteuert würden, lasse sich damit keine Armeerechnung in dieser Grössenordnung bezahlen:
Eine Realität, die auch Rolf Veit nicht abstreitet. Während er seine Caritas-Einkäufe im Velokorb verstaut, sagt er: «Ich fände es fairer, wenn die Reichen mehr Steuern zahlen. Aber am Ende würde ich vermutlich trotzdem für eine Mehrwertsteuer-Erhöhung stimmen. Hauptsache, es gibt eine Lösung.»
