Unvergessen
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epa01283381 Austria's Hannes Reichelt kisses the crystal globe trophy after winning the men's Super-G World Cup on the podium of the Alpine Skiing World Cup Finals in Bormio, northern Italy, 13 March 2008,  EPA/ETTORE FERRARI

Ein Siegerkuss, den niemand erwartet hatte: Reichelt gewinnt die Super-G-Kugel. Bild: EPA

Albrecht fährt zu schnell, Défago zu langsam – Cuche verliert Super-G-Kugel um einen Punkt

13. März 2008: Es ist ein Ski-Drama sondergleichen, das sich im italienischen Bormio abspielt. Didier Cuche verfehlt den Gewinn des Super-G-Weltcups um einen Zähler – nicht nur weil er zu langsam ist, sondern auch deshalb, weil ausgerechnet seine Teamkollegen einem Österreicher zum Triumph verhelfen.



«Ich allein bin der Trottel.» Mit feuchten Augen sagt Didier Cuche diesen Satz, als alles vorbei ist. Er hat den Gewinn der Super-G-Disziplinenwertung um bloss einen Punkt verpasst. Statt dem Schweizer erhält der Österreicher Hannes Reichelt die kleine Kristallkugel. «Die Chancen, sie zu gewinnen, standen bestenfalls bei fünf Prozent», staunt Reichelt nach dem Rennen.

Es ist ein wahres Ski-Drama, das zu diesem Ergebnis führt. Zunächst stellt Didier Défago mit der Startnummer 13 eine Bestzeit auf. Sie hält nicht lange: Hannes Reichelt ist einen Wimpernschlag schneller als der Walliser, übernimmt mit 0,01 Sekunden Vorsprung die Führung.

epa01283384 Switzerland's Didier Defago during his run in the men's alpine skiing World cup Grand Finals Super-G race, in Bormio Italy,13 March 2008. Defago finished in second place and Austria's Reichel won the race .  EPA/CLAUDIO ONORATI

Wäre Défago nur zwei Hundertstelsekunden schneller gewesen … Bild: EPA

Das grosse Zittern nach verbremster Fahrt

Reichelt hat in der Super-G-Wertung 99 Punkte Rückstand auf Didier Cuche. Er muss das Rennen gewinnen und gleichzeitig darf der Neuenburger nicht punkten. Cuches Taktik, soviel wird während seiner Fahrt klar: Durchkommen, das Minimalziel Top 15 erreichen und sich so die Kristallkugel sichern. Aber er fährt zu vorsichtig, kommt nur als Zwölfter ins Ziel. Das Zittern beginnt.

Es hält an, bis als zweitletzter von den 27 Fahrern Daniel Albrecht startet. Cuche ist in der Zwischenzeit auf Rang 15 abgerutscht. Schlägt Albrecht den Routinier, verdrängt er ihn aus den Weltcup-Punkten und sorgt dafür, dass die Disziplinenwertung an den Erzrivalen Österreich geht. «Die Trainer werden Albrecht bestimmt gesagt haben, worum es geht», raunt man sich in Bormio zu.

Didier Cuche, of Switzerland, reacts after completing a men's super-G, at the alpine ski, World Cup finals, in Bormio, Italy, Thursday, March 13, 2008. (AP Photo/Armando Trovati)

Cuche hofft, dass seine Fahrt gut genug war. Bild: AP

Albrecht, der faire Sportsmann

Das haben sie – aber Albrecht hält sich nicht daran. Der Oberwalliser gibt Gas und ist im Ziel Elfter. Cuche rutscht aus den Punkten und weil Reichelt diese vermaledeite Hundertselsekunde schneller ist als Défago gewinnt er das Rennen und die kleine Kristallkugel. «Dummheit hat einen neuen Namen», grinst ein österreichischer Journalist und blickt zu seinen Schweizer Berufskollegen hinüber.

Martin Rufener, der Schweizer Cheftrainer, ist sauer. «Dani muss begreifen, dass es im Verlauf einer Karriere Momente gibt, in denen man etwas für sein Team tun muss. Plan B war lanciert, er wusste, dass er bremsen sollte.»

Hannes Reichelt, of Austria, right, looks at Didier Cuche, of Switzerland, as he holds the men's super-G title trophy, at the alpine ski, World Cup finals, in Bormio, Italy, Thursday, March 13, 2008. (AP Photo/Armando Trovati)

Cuche bleibt nichts anderes übrig, als Reichelt zum Gewinn der Trophäe zu gratulieren. Bild: AP

Cuche: «Skifahren ist ein Einzelsport»

Albrecht weist die Kritik zurück. Einerseits habe er erst drei Sekunden vor seinem Start via Funk die Order erhalten, absichtlich langsam zu fahren. Andererseits sei Didier Cuche wohl primär über seine eigene Leistung verärgert. «Aber natürlich verstehe ich, dass er enttäuscht ist.»

Um einen einzigen Punkt hat Cuche es verpasst, seine Vitrine mit einer weiteren Trophäe schmücken zu können. Albrecht ist er nicht böse, er habe schliesslich das Recht, schnell zu fahren. «Skifahren ist ein Einzelsport. Ich allein bin der Trottel. Wenn es aufgegangen wäre, wäre ich der Held gewesen», stellt Cuche fest. «Ich habe zu stark gebremst und die Kugel verloren.»

Daniel Albrecht, of Switzerland, speeds down the course during a men's super-G, at the alpine ski, World Cup finals, in Bormio, Italy, Thursday, March 13, 2008. (AP Photo/Marco Trovati)

Albrecht hält sich nicht an eine Stallorder und greift an. Bild: AP

Österreich feiert Albrecht

Cheftrainer Rufener zieht seine erste Aussage wenig später zurück. «Ich habe Sachen gesagt, die ich besser nicht gesagt hätte.» Und zu Albrecht sagt er: «Du hast nur das gemacht, was jeder Rennfahrer tun muss.»

Derweil feiern die Österreicher nicht nur Hannes Reichelt, sondern auch Dani Albrecht und dessen Fairness. So kommt es im «Kurier» zu diesem schönen Lob und der Kritik ans eigene Team: «Die Schweizer sind eben faire Sportler. Die Österreicher hätten wohl wieder gemauschelt.»

Und die «Kleine Zeitung» weist die rot-weiss-roten Anhänger auf die Fussball-EM im Sommer hin: «Liebe Skifans, nützt die Gelegenheit, die Schweizer zu belächeln. Im Juni stehen wir dann lächerlich da – bei der Euro 08.» Da weiss man in Österreich noch nicht, dass dort auch die Schweizer Nati chancenlos bleiben wird …

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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