Unvergessen

Zaugg spritzt mit Champagner: In Lecco feiert er den Sieg seines Lebens. Bild: AP

2843 Tage ist Radprofi Oliver Zaugg sieglos. Dann macht sich der ewige Helfer unsterblich

15. Oktober 2011: Oliver Zaugg gewinnt vorher und nachher kein einziges Profirennen. Doch mit dem Sieg an der Lombardei-Rundfahrt katapultiert er sich zumindest für einen Augenblick in die Reihe der grossen Schweizer Velorennfahrer.

15.10.16, 00:01 16.10.16, 17:24

2844 Tage, rechnet die NZZ vor, ist Oliver Zaugg schon Radprofi, als er erstmals ein Rennen gewinnt. 30-jährig ist er da schon und wie er selber zugibt, hat er manchmal selber nicht mehr daran geglaubt, tatsächlich einmal siegen zu können.

Aber an einem sonnigen Samstag im Herbst 2011 ist dieser Tag gekommen. Zaugg spürt, dass er in guter Form ist – wie so oft, wenn sich die Rennsaison ihrem Ende entgegen neigt. Die Spanien-Rundfahrt muss er zwar wegen einer Magenverstimmung aufgeben, doch an drei kleineren Eintagesrennen in Italien fährt er stark. So stark, dass ihn sein Team Leopard-Trek als Co-Leader in die Lombardei-Rundfahrt schickt.

Die letzten zehn Kilometer der Lombardei-Rundfahrt 2011. Video: YouTube/plateaudebechini

Die seltene Chance, auf eigene Rechnung fahren zu dürfen

Oliver Zaugg und Jacob Fuglsang sind die Trümpfe der Mannschaft. Der Däne verpufft seine Kräfte, als er bei einer frühen Attacke von Vincenzo Nibali mitgeht. Deshalb muss Zaugg in der Schlussphase auf niemanden Rücksicht nehmen, darf im «Rennen der fallenden Blätter» auf eigene Rechnung fahren. Eine Ausgangslage, die er kaum mehr kennt. Denn Zaugg ist kein Siegfahrer, sondern ein Helfer, der mit seinen bloss 57 Kilogramm besonders am Berg wertvolle Dienste für seine Captains leistet.

Weil er um seine gute Verfassung weiss, hat sich der im Tessin wohnhafte Zürcher Oberländer akribisch auf die 105. Lombardei-Rundfahrt vorbereitet. Nach der Besichtigung des Schlussteils der Strecke am Tag vor dem Rennen nimmt er sich vor, in der letzten Steigung anzugreifen und zwar an der steilsten Passage.

Zaugg ballt die Faust, während hinten die Gegner um Rang 2 sprinten. Bild: AP

20 Sekunden Vorsprung, aber keinen Funkkontakt mehr

Die Hoffnung erfüllt sich, dass an dieser Stelle, rund zehn Kilometer vor dem Ziel, noch keine Entscheidung gefallen ist. Zaugg nimmt den Aufstieg nach Villa Vergano in einer rund 20 Fahrer umfassenden Spitzengruppe mit fast allen Favoriten in Angriff. Und dort, wo er es sich vor dem Start vorgenommen hat, attackiert er. «Schon während der ganzen Woche hatte ich diesen Angriff im Kopf. Jetzt musste ich ihn nur noch ausführen», schildert er nach dem Sieg.

Auf der Passhöhe hat er 20 Sekunden Vorsprung auf seine Verfolger – aber keinen Funkkontakt mehr zum Teamfahrzeug. Die Batterien seines Empfängers haben den Geist aufgegeben. Zaugg fehlen Informationen über seinen Vorsprung: «Ich konnte nur Vollgas geben und hoffen, dass mich die anderen nicht einholen.»

Die schöne Belohnung nach 241 Kilometern von Mailand nach Lecco. Bild: AP

«Es war mein Tag. Endlich!»

Nach einer Abfahrt und den letzten, flachen Kilometern ist es geschafft. Acht Sekunden seines Vorsprungs rettet Zaugg ins Ziel. Endlich, nach 2844 Tagen als Radprofi, darf er auf der Ziellinie die Arme in die Höhe strecken und einen Sieg bejubeln. «Es war mein Tag. Endlich, nachdem ich schon ein paar Mal nahe dran war und es doch nie klappen wollte», freut er sich.

Die Schweizer Sieger der Lombardei-Rundfahrt

1989 Tony Rominger
1992 Tony Rominger
1993 Pascal Richard
1998 Oscar Camenzind
2011 Oliver Zaugg

Der Triumph bei einem der fünf Monumente des Radsports bleibt der einzige Profierfolg von Oliver Zaugg. Im Herbst 2016 tritt er zurück. Sein letztes Rennen ist die Lombardei-Rundfahrt. Jenes Rennen, das ihm den schönsten Moment seiner Karriere beschert hat.

Die Siegertrophäe ist eine Kandidatin für unsere Story zu den kuriosesten Pokalen der Welt. Bild: AP

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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Dieses Abenteuer wird die «Grenzen der menschlichen Möglichkeiten verschieben»

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Mit 12 Jahren radelte er durch Schottland; mit 15 durch Grossbritannien; mit 24 um die Welt. Mit 27 fuhr er mit dem Velo von Alaska nach Feuerland; mit 32 von Kairo nach Kapstadt. Ohne Support. 42 Tage brauchte er für das letzte Abenteuer. Schneller war zuvor niemand. 

Dazwischen gehörte er einer Expedition an, welche von Kanada durch die Arktis zum Nordpol reiste (2011) und er wollte von Marokko nach Barbados in einem Ruderboot paddeln (2012) – er musste aus Seenot gerettet werden.

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