Wirtschaft

Das Amazon-Hauptquartier in Seattle. bild: shutterstock.

Wie ist es eigentlich, bei Amazon zu arbeiten? Naja, sagt dir zielgerichteter Darwinismus etwas?

Unmenschliche lange Arbeitszeiten, Intrigen, Diskriminierung: Ein Artikel in der «New York Times» enthüllt die brutalen Arbeitsbedingungen beim Online-Retailer Amazon.

18.08.15, 13:19 18.08.15, 14:02

Umfrage

Schreckliche Arbeitsbedingungen bei Amazon - was tust du?

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809 Votes zu: Schreckliche Arbeitsbedingungen bei Amazon - was tust du?

  • 42%Nichts, bei der Konkurrenz ist es sicher auch nicht besser.
  • 31%Ich werde nichts mehr bei Amazon kaufen.
  • 27%Ich kaufe sowieso nie Online ein.

Als Jeff Bezos zehnjährig war, wollte er seiner Grossmutter das Rauchen austreiben. Er flehte sie nicht an oder bat sie darum, er sagte bloss jedes Mal, wenn sie inhalierte: «Schon wieder ein paar Minuten deines Lebens verpufft», und rechnete ihr vor, dass sie bisher insgesamt neun Jahre vergeudet habe. Die Grossmutter brach in Tränen aus.

Amazongründer Jeff Bezos. bild: shutterstock.

Tränen begleiten Jeff Bezos auch als CEO bei Amazon. So erzählt beispielsweise der ehemalige Amazon-Manager Bo Olson in der «New York Times»: «Du verlässt einen Konferenzraum und siehst, wie erwachsene Männer ihre Hände vor das Gesicht halten. Fast jede Person, mit der ich zusammengearbeitet habe, habe ich mindestens einmal am Pult weinen sehen.» 

«Die Hölle, das sind die anderen», heisst es bei Jean-Paul Sartre. Jeff Bezos sieht das anders. Die Hölle, das sind wir selbst, könnte man seine Geschäfts-Philosophie umschreiben. Er hält nichts von Kuschel-Kultur. «Arbeite hart» ist das erste Gebot, das jedem frisch eintretenden Mitarbeiter eingetrichtert wird. 

«Wenn du ein guter Amazon-Mitarbeiter sein willst, dann musst du ein Amabot (Amazon-Roboter) werden.»

New York Times

Hart zu arbeiten, dass bedeutet konkret, dass man auch nach Mitternacht noch E-Mails erhält und gerügt wird, wenn diese nicht sofort beantwortet werden. 100-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit. 40-jährige Manager fürchten, dass sie von 30-Jährigen verdrängt werden, weil diese mehr Kondition haben, und 30-Jährige, dass bald 20-Jährige sie ersetzen. 

Amazon-Mitarbeiter werden hart rangenommen. Bild: ROBERT GALBRAITH/REUTERS

Als ein gewisser Max Shipley, Vater von zwei Kindern, die Schnauze voll von diesem Wahnsinns-Wettbewerb hatte, fragte er zynisch: «Wann wird Amazon College-Kids anheuern, die single sind, keine Verpflichtungen haben und sich noch mehr auf die Arbeit konzentrieren können?» Shipley ist 25-jährig.  

Allgegenwärtig: Die braunen Amazon-Päckchen. bild:shutterstock.

Die «New York Times» hat in ihrer Wochenend-Ausgabe eine Reportage über die Arbeitskultur von Amazon veröffentlicht und damit viel Staub aufgewirbelt. Kein Wunder. «Zielgerichteter Darwinismus» lautet die Philosophie dahinter. Das bedeutet mehr als nur harte Arbeit. 

Der «zielgerichtete Darwinismus» des Jeff Bezos

Amazon funktioniert wie eine Sekte. Mitarbeiter werden angehalten, sich gegenseitig hart zu kritisieren, bis hin zur Demontage. Jedes Jahr werden diejenigen gefeuert, die am meisten Verzeigungen von anderen erhalten haben. 

Bei Amazon gibt es jede Menge von Ritualen und Regeln, die man auswendig kennen muss. Manche bringen sie sogar ihren Kindern bei. Arbeit ist nicht Broterwerb, sondern eine «Mission». Wer krank ist oder schwanger, muss damit rechnen, auf eine niedrigere Hierarchiestufe versetzt zu werden. 

Jeff Bezos ist ein Datenfreak. Alles und jedes wird gemessen, Algorithmen sind allmächtig. «Wenn du ein guter Amazon-Mitarbeiter sein willst, dann musst du ein Amabot (Amazon-Roboter) werden», heisst es. 

Idiotisch lange Arbeitszeiten und totale Loyalität gegen viel Geld ist ein Rezept, das auch an der Wall Street und im Silicon Valley gerne verschrieben wird. Banker bei Goldman Sachs und Unternehmer wie Elon Musk sind ebenfalls berühmt-berüchtigt dafür. Bezos geht scheinbar noch einen Schritt weiter. «Selbst die Amazon-Mitarbeiter, die an der Wall Street oder bei Start-ups gearbeitet haben, erklären, dass die Arbeitsbelastung im Amazon-Hauptquartier South Lake Union extrem sein kann», schreibt die «New York Times». 

Charles Darwin mit 51 Jahren. In diesem Alter hat er seine Evolutionstheorie geschrieben – ob er Freude am Amazon-Kurs gehabt hätte?  bild: gemeinfrei

«Wann wird Amazon College-Kids anheuern, die single sind, keine Verpflichtungen haben und sich noch mehr auf die Arbeit konzentrieren können?»

Max Shipley, ehemaliger Amazon-Manager

Andere Tech-Giganten wie Google oder Facebook versüssen die Arbeit ihrer Mitarbeit mit Gratis-Catering und anderen Annehmlichkeiten. Bei Amazon gibt es nichts dergleichen. Spartanische Askese ist angesagt. Billigstes Büromaterial muss genügen, Smartphone-Rechnungen müssen oft selbst beglichen werden – und von Gratismahlzeiten träumt man als Amazon-Mitarbeiter nicht einmal. 

Rechtfertigt der Erfolg die Mittel? 

Selbstverständlich wird erwartet, dass man auch in den Ferien jederzeit erreich- und verfügbar ist, wenn man die Frechheit besitzt, überhaupt in die Ferien zu gehen. Mutterschaftsurlaub ist ein Fremdwort. Dass es auch anders geht, zeigt Netflix: Dort kann jeder Mitarbeiter so lange Ferien machen, wie es ihm gefällt, und der Mutterschaftsurlaub dauert ein Jahr. 

Bezos hat mit seinem «zielgerichteten Darwinismus» Erfolg. Amazon hat soeben Walmart als grössten Retailer der Welt abgelöst und will weiter expandieren. Jeff Bezos sieht auch keinen Anlass, etwas zu verändern. Die «New York Times» habe ein Porträt eines seelenlosen und dystopischen Arbeitsplatzes gezeichnet, beklagte er sich an einer Pressekonferenz und gegenüber den Mitarbeitern erklärte er: «Ich kann Amazon in diesem Artikel nicht wiedererkennen, und ich hoffe, euch geht es genauso.» 

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21
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21Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bruno Bucher 18.08.2015 18:44
    Highlight Wer sich an diesem Artikel wundert, hat wohl eine etwas merkwürdig eingeschränkte Wahrnehmung. Seit geraumer Zeit ist Amazon Deutschland in den Schlagzeilen mit noch viel drastischeren Arbeitsbedingungen als im Artikel beschrieben. Darum wird Amazon Deutschland auch permanent bestreikt:

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Verdi-bestreikt-erneut-Amazon-Standorte-2719106.html

    14 2 Melden
    • zwan33 19.08.2015 01:48
      Highlight Verdi will einerseits, dass Amazon-Personal denselben Lohn bekommen wie in einem Geschäft. Andererseits haben sie panische Angst, dass Amazon ganz nach Polen auswandert.
      1 0 Melden
  • dracului 18.08.2015 16:56
    Highlight Bei solchen Artikel würgt mein, von Kinderhand gefertigtes, Hemd, der Kaffee, von ausgebeuteten Bauern, bleibt mir im Hals stecken und das in China durch Billigarbeit gefertigte iPhone zeigt mir auf, wie einzigartig schlecht Amazon ist. Geiz ist nicht geil, sondern hat auch einen Preis, den irgendwer bezahlen muss.
    43 1 Melden
    • EvilBetty 18.08.2015 19:45
      Highlight Richtig. Die meisten gehen halt davon aus, dass «sowas» im «zivilisierten Westen» nicht vorkommt...
      5 0 Melden
  • felixJongleur 18.08.2015 15:19
    Highlight Ich kaufe sehr selten online ein aber NIE bei Amazon oder ähnlich. Von dem her kann ich mit der Umfrage nicht viel anfangen, und da bin ich wohl nicht der einzige.
    40 6 Melden
  • Angelika 18.08.2015 14:58
    Highlight Bei der Umfrage fehlte für mich die Aussage: "Ich habe bewusst noch nie etwas bei Amazon gekauft und habe es auch in Zukunft nicht vor." So gehts mir jedenfalls.
    42 8 Melden
  • Vergugt 18.08.2015 14:53
    Highlight Zur Ergänzung: Der New York Times-Artikel ist sehr umstritten - Externe wie "Amazonians" widersprechen in vielen Punkten, was an der journalistischen Qualität des Berichts zweifeln lässt; populärstes Beispiel:

    https://www.linkedin.com/pulse/amazonians-response-inside-amazon-wrestling-big-ideas-nick-ciubotariu

    Nicht dass ich Amazon für den perfekten Arbeitgeber halte, aber ich denke die NYT (und damit im Nachgang auch Watson) hat hier etwas undifferenziertes Internet-Großkonzern-Bashing betrieben :)
    24 8 Melden
    • atomschlaf 18.08.2015 18:53
      Highlight @vergugt: Danke für den Link!
      3 0 Melden
  • Res1999 18.08.2015 14:14
    Highlight Schade, das watson diesen NYT-Artikel einfach so wiedergibt und die mittlerweile zahlreichen Artikel von Amazon-Angestellten, die genau Gegenteiliges berichten, nicht mal erwähnt.
    21 10 Melden
    • droelfmalbumst 18.08.2015 15:32
      Highlight ein paar scheine an die arbeiter verteilen und alle loben Amazon ;)
      22 6 Melden
    • Res1999 18.08.2015 16:31
      Highlight yep, und ein paar Scheine an ehemalige Arbeiter verteilen und alle machen Amazon nieder. :\

      Lies Dir mal den Artikel durch, den Vergugt weiter oben verlinkt hat.
      16 2 Melden
    • 1337pavian 19.08.2015 01:10
      Highlight @Res1999

      Wie viel verdienst du bei Amazon für's Kommentare fälschen?
      0 1 Melden
    • Res1999 19.08.2015 08:00
      Highlight Tausende von Franken täglich, pavian... und ich habe fürs Fälschen sogar eigene Angestellte, die ich unterdrücke und zu Unzeiten arbeiten lasse. :rolleyes:

      Du kannst jetzt auch weiterhin böse Beispiele posten, und ich bin sicher, für jedes Einzelne wird es auch ein Gutes als Gegenargument geben. Ich finde es einfach schlecht von der Medienlandschaft, dass - egal, wer grade mal wieder gebasht wird - oftmals sehr einseitig und reisserisch berichtet wird (Clickbait, anyone?). Mehr wollte ich eigentlich damit gar nicht sagen...
      1 0 Melden
    • droelfmalbumst 19.08.2015 08:34
      Highlight Es gibt schon zu genügend Berichte über die Verhältnisse bei Amazon, Zalando und Co. Willst du mir, Res1999, jetzt sagen dass die alle Fake sind? Dass jemand Undercover im Lager arbeitet 6 Monate und 1 zu 1 erlebt wie es ist. Fakt ist die Bedingungen sind richtig beschissen. Muss aber auch so sein, wie erklärst du dir sonst die tiefen Preise? Wo Preise tief sind, sind auch Löhne tief und die Bedingungen schlecht. Eigentlich ganz einfach. Finde es schon fast erschreckend dass du noch vom Gegenteil überzeugt bist...
      0 1 Melden
    • Res1999 19.08.2015 09:36
      Highlight - habe ich irgendwo geschrieben, dass die Berichte Fake sind?
      - habe ich irgendwo geschrieben, dass die Bedingungen bei Amazon nur gut sind?
      - habe ich irgendwo geschrieben, dass ich Amazon für einen Top-Arbeitgeber halte?

      Ich prangere hier einzig und alleine einseitige Berichterstattung an. Nicht mehr und nicht weniger. Hör bitte auf, dir den ganzen anderen Quatsch aus den Fingern zu saugen und mir unterzujubeln! Denn das finde ICH erschreckend!
      2 0 Melden
  • Grego 18.08.2015 13:54
    Highlight "Bezos hat mit seinem «zielgerichteten Darwinismus» Erfolg." Wie kann bestätigt werden, dass dieser Erfolg auf dem "zielgericheten Darwinismus" beruht? Niemand weiss, und Niemand kann wissen, ob Amazon Walmart ebenfalls als überholt hätte und so erfolgreich wäre, wenn Bezos die mitarbeiterfreundliche Google-Strategie gewählt hätte oder wählen würde. Solche Statements sind einfach völlig falsch, reine Mutmassungen.
    23 4 Melden
    • rasca 18.08.2015 15:41
      Highlight Bezos fährt eine "zielgerichtete Darwinismus" Strategie und Amazon hat Erfolg- Das sind 2 Tatsachen in diesem Satz die völlig korrekt sind.
      Da steht nicht "Bezos ist mit seinem ZD viel erfolgreicher als er es mit anderen Methoden wäre".
      Ihr Kommentar ist völlig falsch, Hauptsache mal den Autor bashen
      7 3 Melden
    • 1337pavian 19.08.2015 01:19
      Highlight Gemeint ist wohl Sozialdarwinismus. Nur schon der Vorwurf dessen ist derart eklatant, dass, um dies noch als diskutabel einzustufen, mein lieber Freund, schon ein schwerwiegender Fall von Geschichtsvergessenheit vorliegen muss.
      Oder ist es etwa das Gegenteil? Wenn christliche Nationen dem Teufel huldigen - trifft's am Schluss immer die Juden.
      Oder die Schwulen. Irgendeine Minderheit halt, deren notgedrungen entwickelte Attribute (Zurückgezogenheit, Kulturhandlungen, etc) ihnen dann via wahnwitzigen Verschwörungstheorien als teuflische Kräfte ausgelegt werden.
      Vom Hundertsten ins Tausendste.

      1 0 Melden
  • Scaros_2 18.08.2015 13:51
    Highlight Der Mensch der je länger weg von Mensch sein zum Roboter mutiert. Irgendwann wird man Grenzen erreichen und das System kollabiert.
    16 7 Melden
    • 1337pavian 19.08.2015 05:35
      Highlight "Mutieren" ist nicht schlecht, denn wir tragen nicht "aktiv zum Fortschritt bei". Er stösst uns eher zu.

      "Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten."

      Dieses Zitat spielt darauf an. Schlussendlich ist es Wachstum, auf allen Ebenen. Das Leben erwuchs aus dem Universum, wie die Technik aus der Menschheit. Niemand tut etwas, alles passiert einfach. Unsere Illusion der Handlungsfähigkeit ist der Schlaf der Welt, so paradox es klingen mag. *zündet eine Liane an* *hust* *hust*
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    • 1337pavian 19.08.2015 05:38
      Highlight Irgendwann werden wir selbstreproduzierende Roboter ins All schiessen, die jegliche von Menschen unberührte Materie wiederum in Roboter transformiert (decepticons!) bis das ganze Universum "menschelt". Das ist aber erst der Anfang, dann kommen die anderen Multiversen noch dran. Wir können uns auf Äonen voll Wachstum freuen; es gibt nichts anderes! Ausser den Tod. Der kommt irgendwann. Beruhigend, finde ich.
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