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Bundesrätin Doris Leuthard anlässlich eines Medienanlasses in Göschenen.
Bild: KEYSTONE

Bundesrätin Doris Leuthard: «Wir stärken die Strasse ja nicht! Wir bleiben bei der heutigen Situation – einfach mit zwei Röhren»

Kein Berg löst so viele Emotionen aus wie der Gotthard: Gründungsmythos, Festung, Reduit, Verkehrsachse. Jetzt soll ein zweiter Strassentunnel gebaut werden. Das Interview mit Verkehrsministerin Doris Leuthard.

Publiziert: 25.01.16, 09:09 Aktualisiert: 25.01.16, 11:59
stefan schmid und anna wanner  / Aargauer Zeitung

Ein Artikel der

Frau Bundesrätin, wieso wollen Sie einen zweiten Strassentunnel am Gotthard bohren?
Doris Leuthard: Wir müssen den alten Tunnel sanieren, und das bedingt in jedem Fall eine Schliessung. Die Frage ist also: Was machen wir mit sechs Millionen Fahrzeugen während der Zeit der Schliessung? Wir haben geprüft, ob wir die Passstrasse länger offenlassen könnten, wie eine Verladelösung oder ein Tunnel aussehen würde. Wir haben Kosten, Vor- und Nachteile abgewogen und sind zum Schluss gekommen, dass eine zweite Röhre die beste Lösung ist: Wir können den Gotthardtunnel permanent offenhalten. Wir gewinnen mehr Sicherheit. Und wir investieren nachhaltig, weil so für künftige Sanierungen schon vorgesorgt ist und wir in 40 Jahren nicht wieder vor demselben Problem stehen.

Zur Person

Die 52-jährige Aargauerin ist seit 2010 Chefin des Eidgenössischen Departements für Verkehr, Umwelt, Energie und Kommunikation (Uvek). Vorher stand sie vier Jahre lang an der Spitze des Eidgenössischen. Volkswirtschaftsdepartements (EVD, heute WBF). Von 1999 bis 2006 war sie Nationalrätin, von 2004 bis 2006 Parteipräsidentin der CVP Schweiz. Seit dem 1. August 2006 ist sie Mitglied der Schweizer Landesregierung. Doris Leuthard fällt am 1. Juni dieses Jahres die Ehre zu, den 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnel der Alpentransversale (Neat) einzuweihen. Nächstes Jahr wird sie zum zweiten Mal Bundespräsidentin.

Laut VCS braucht es keine Vollsperrung des Tunnels. Wieso wird der Gotthard nicht während der üblichen Nachtsperre saniert?
Das überrascht mich. Dass der Tunnel für die anstehende Sanierung geschlossen werden muss, ist unter Ingenieuren unbestritten. Die Tunneldecke muss ersetzt werden, was Sprengungen erfordert, und die Lüftung muss ausgewechselt werden. Da kann der Betrieb nicht weitergeführt werden.

Zweifler trauen den Angaben Ihrer Fachleute nicht, sie reden von Schwindlern. 
Der Verein Alpeninitiative hat solche Vorwürfe rasch zur Hand. Es erstaunt mich also nicht.

Sie eröffnen im Sommer den Gotthard-Basistunnel. Wieso die Eile? Wieso nicht zuerst schauen, wie sich die Neue Alpentransversale (NEAT) bewährt, bevor wir einen neuen Tunnel bohren?
Wir wissen ja genau, was die NEAT bringt. Sie dient dazu, Güter auf die Schiene zu verlagern. Bei der Verlagerungspolitik geht es um den alpenquerenden Gütertransitverkehr von Grenze zu Grenze – nicht aber um Lastwagen, die im Binnenverkehr unterwegs sind. Bis die NEAT ihre volle Wirkung entfaltet, müssten wir ausserdem noch fünf Jahre warten, bis auch der Ceneri-Tunnel geöffnet wird und die Alpentransversale vollständig ist. Das dauert – und ändert nichts an der Tatsache, dass wir den alten Strassentunnel sanieren müssen.

Wird die Strasse gestärkt, verliert die Verlagerung an Attraktivität.
Wir stärken die Strasse ja nicht! Wir bleiben bei der heutigen Situation – einfach mit zwei Röhren. Der grosse Unterschied: Sowohl für Lastwagen als auch für Personenwagen ist der richtungsgetrennte Verkehr sicherer und angenehmer. Wir erhöhen per 2017 zudem die Leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe (LSVA), was die Attraktivität der Strasse vermindert. Zudem wird die Bahn mit der NEAT noch attraktiver und führt zu grossen Fortschritten in der Logistik: Die Unternehmen gewinnen Zeit und sparen Energie. Als Folge sinken die Kosten.

Was gibt Ihnen die Gewissheit?
Das Bahnangebot ist heute schon attraktiv und wird ab der Öffnung des Ceneri-Tunnels 2020 weiter verbessert. Der Strassentunnel wäre hingegen frühestens 2030 fertig. Die Bahn hat also über zehn Jahre Zeit, um die Marktanteile weiter auszubauen. Im Übrigen gelingt ihr das bereits seit 2001. Sogar 2014 und 2015 konnte die Bahn dazugewinnen, trotz tiefer Diesel-Preise.

Gegner der zweiten Gotthardröre.
Bild: KEYSTONE

Warum kann nicht einfach der ganze Verkehr auf die Schiene verlagert werden?
Autos könnten mit dem alten Verladesystem zwischen Airolo und Göschenen auf die Bahn verladen werden. Zwar sind fünf Millionen Autos pro Jahr vergleichsweise viel – am Lötschberg wird gut eine Million pro Jahr verladen. Aber es wäre technisch machbar. Schwieriger sind die Lastwagen. Rund 50 Prozent der Lastwagen durch die Alpen zählen zum Binnenverkehr, zu einheimischen Firmen und zum regionalen Gewerbe, das Frischprodukte ins Tessin oder ins nahe Ausland transportiert. Diese Waren können oft nicht auf die Schiene verlagert werden. Deshalb unterstützen Migros, Coop und Manor die zweite Röhre. Sie brauchen Versorgungssicherheit und Pünktlichkeit.

Ein Teil des Binnenverkehrs wechselt nie auf die Bahn, denn er muss für die Feinverteilung auch Dörfer erreichen – und nicht alle haben einen Bahnanschluss.

Das ist ein Scheinargument. Auch wenn es für die Firmen etwas umständlich ist, könnten sie sich doch arrangieren.
Ich habe Firmen vor Ort besucht. Zum Beispiel den grössten Schreinereibetrieb des Tessins. Dessen Lastwagen müssen sieben-, achtmal pro Tag durch den Tunnel fahren, um Holz in der Innerschweiz abzuholen. In Airolo wird es verarbeitet. Holzschnitzel machen den Weg zurück, sie werden ans Heizwerk Göschenen geliefert. Ohne Tunnel müsste das Holz in Erstfeld verladen werden, dann müsste der Lastwagen den ganzen Weg von Biasca zurück nach Airolo fahren. Für die Holzschnitzel müssten die Lastwagen nochmals denselben Umweg machen.

Das ist ein Extrembeispiel.
Nehmen wir ein anderes: Die Transporter der Schokoladefabrik Stella Bernrain fahren von Giubiasco mehrmals täglich durch den Tunnel, um ihre Schwesterfirma in Kreuzlingen zu bedienen und Produkte auszuliefern. Lastwagen zu verladen, ist nicht so einfach wie Container. Lastwagen müssen warten beim Auf- und Abladen und verlieren dadurch viel Zeit. Mit dem starken Schweizer Franken und den kleinen Margen überlebt das kein Unternehmen. Deshalb ist die Wirtschaft dagegen.

Nun haben wir für 24 Milliarden Franken einen neuen Tunnel für den Güterverkehr gebaut. Und Sie sagen, das funktioniere nicht.
Die NEAT ist als schnelle Flachbahn durch die Alpen vor allem für Container konzipiert, nicht als Bummler für Reisecars und Lastwagen. Ein Verlad von Lastwagen als Ersatz für den Strassentunnel nähme der NEAT sogar Kapazitäten weg! Das Maximum, das wir jährlich verladen können, sind 600'000 Lastwagen. Heute fahren 900'000 durch den Gotthard, ein Drittel müsste also andere Routen nehmen. Auch wenn es zudem wünschenswert wäre: Ein Teil des Binnenverkehrs wechselt nie auf die Bahn, denn er muss für die Feinverteilung auch Dörfer erreichen – und nicht alle haben einen Bahnanschluss.

Einen Pannenstreifen im Alpengebiet darf man nicht per Verordnung öffnen. Das ist unmöglich. Der Bundesrat hat Gesetz und Verfassung zu respektieren.

Der Alpenschutzartikel, der seit 1994 in der Verfassung steht, verbietet eine Kapazitätserweiterung durch die Schweizer Alpen. Wie wollen Sie garantieren, dass mit der zweiten Röhre kein Verfassungsbruch geschieht?
Zu Beginn der Diskussionen sprachen manche von Barrieren und Ampeln. Das überzeugte tatsächlich hinten und vorne nicht, es braucht strikte Schranken. Wir haben darum einen dreifachen Schutz eingebaut: Erstens steht der Alpenschutz in der Verfassung. Zweitens haben wir im Gesetz verankert, dass der Tunnel stets nur einspurig befahren werden darf. Und wir haben einen dritten Hebel: Das Tropfenzählersystem, das sicherstellt, dass zwischen den Lastwagen 150 Meter Abstand bestehen muss, steht neu ebenfalls im Gesetz. Es limitiert die maximalen Kapazitäten für Lastwagen zusätzlich.

Letzte Schwelle am Gotthard

Im neuen Gotthard-Basistunnel wird die letzte Bahnschwelle gegossen. KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
Der längste Eisenbahntunnel der Welt ist nun auf seiner ganzen Länge von 57 Kilometern mit Dieselloks befahrbar. KEYSTONE / GAETAN BALLY
Ein Arbeiter betoniert die Gleise. Durchbrochen wurde die Oströhre 4 Jahre zuvor, am 15. Oktober 2010. KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
Die Eröffnung des Tunnels ist für den Juni 2016 vorgesehen. KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
Mehrere Arbeiter bringen die Gleise in Position, bevor sie betoniert werden. KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER

Nun sagt selbst alt Bundesrat Moritz Leuenberger, der Bundesrat könne per Verordnung den Pannenstreifen als zweite Spur für Autos öffnen.
Wir haben in der Westschweiz den Pannenstreifen einer überlasteten Strasse per Verordnung geöffnet – im Alpengebiet ist das aufgrund der Verfassung aber ausgeschlossen. Das müsste Jurist Leuenberger eigentlich wissen. Einen Pannenstreifen im Alpengebiet darf man nicht per Verordnung öffnen. Das ist unmöglich. Der Bundesrat hat Gesetz und Verfassung zu respektieren.

Trotzdem ist die doppelte Röhre ein Buebetrickli: Wenn die Infrastruktur einmal vorhanden ist, braucht es wenig, um die zweite Spur zu öffnen. Wer verhindern will, dass der Alpenschutz aufgeweicht wird, der muss die zweite Röhre ablehnen. Sonst wird ein Präjudiz geschaffen.
Nein. Das Volk muss entscheiden, ob es einen zweiten Tunnel oder eine Verladelösung will. Trotz zweitem Tunnel bliebe es schwierig, die Verfassung zu ändern und die zweite Spur zu öffnen. Es bräuchte dafür eine Volksinitiative und schliesslich die Mehrheit von Volk und Ständen. Sie hätten zu entscheiden, ob sie wirklich mehr Verkehr wollen, mehr Lastwagen, die durch die Schweiz fahren. Bundesrat und Parlament lehnen das klar ab.

Wir haben jedes Jahr mehr Schienenanteil. Wir sind bei 68 Prozent. Österreich, weltweit die zweitbeste Nation im Güterverlagern, kommt auf 28 Prozent.

Angenommen, es gibt in den nächsten Jahren mehr Verkehr auf der Nord-Süd-Achse, es kommt zu Stau. Wenn wir eine zweite Röhre haben, sagt die EU: Hört doch mal auf mit dem Scherz und öffnet die zweite Spur!
Zuerst müssen Sie damit aufhören, dass der Verkehr immer zunehme. Am Gotthard eben nicht. Am Gotthard haben wir jedes Jahr weniger Transit-Lastwagen, obwohl es die kürzeste Nord-Süd-Verbindung ist. Und das seit 2001.

Das ist der Erfolg der Verlagerungspolitik.
Eben. Es funktioniert! Wir haben jedes Jahr mehr Schienenanteil. Wir sind bei 68 Prozent. Österreich, weltweit die zweitbeste Nation im Güterverlagern, kommt auf 28 Prozent. Und zum Märchen mit der EU

Das ist ein Märchen?
Ja. Ich bin fünf Jahre in diesem Amt. Nicht ein EU-Minister, nicht ein Kommissar hat mich auf den Gotthard angesprochen. Trotzdem wollte ich es bestätigt haben, dass die einspurige Befahrung der beiden Röhren mit dem Landesverkehrsabkommen kompatibel ist. Jetzt habe ich die Bestätigung doppelt – und die Kritiker schüren weiter Zweifel.

Das ist symptomatisch für die Abstimmung. Selbst kantonale Verkehrsdirektoren zweifeln am Bundesrat. Einer unterstellt Ihnen gar persönliche Interessen, weil Sie ein Ferienhaus im Tessin besitzen.
Bis auf drei stehen alle zuständigen Regierungsräte hinter der zweiten Röhre. Gerüchte kommentiere ich nicht. Mich interessieren die offiziellen Stellungnahmen – und die stützen den Bundesrat.

Sie haben ein Ferienhaus im Tessin. Verfolgen Sie Eigeninteressen?
Ich wüsste nicht wie. Ich komme problemlos ins Tessin. Offenbar gehen den Kritikern die Argumente aus. Vergessen geht zudem, dass neben dem Bundesrat auch das Parlament, alle bürgerlichen Parteien, sämtliche Wirtschafts- und Strassenverbände, die Bauern und der Detailhandel die zweite Röhre unterstützen.

Das Tessin hat im Süden wegen der Grenzgänger ein grosses Verkehrsproblem. Das müssen wir lösen. Es ist aber bedenklich, dass viele es für zumutbar halten, das Tessin strassenseitig abzuschneiden. Ich kenne keinen Kanton, der das akzeptieren würde.

Warum ist der Gotthard so viel teurer als beispielsweise der Arlberg?
Der Arlberg hat halb so viel Verkehr und wird vorerst nur teilsaniert. Die Arlberger können mit der Totalsanierung noch etwas zuwarten. Der Vergleich hinkt.

Wieso sollte jemand aus dem Mittelland, der täglich im Stau steht, der teuren Sanierung am Gotthard zustimmen?
Jeder Kilometer Nationalstrasse, der saniert werden muss, muss auch saniert werden – unabhängig davon, wie viele Autos durchfahren. Zudem werden überlastete Strecken wie die A1 zwischen Härkingen und Wiggertal ausgebaut.

Wie der Teufel dank der NEAT aus dem Gotthard verscheucht wurde: Die Geschichte des längsten Tunnels der Welt

So hat alles angefangen: Der Ingenieur Eduard Gruner beschreibt 1947 in der Zeitschrift «Prisma» die Idee eines Gotthard-Basistunnels als Teil eines Schnellbahnsystems. Die Strecke sollte Teil eines Europa-Afrika-Expresses sein. Die Visionäre im «Prisma» hatten auch noch ganz andere Ideen: So sollte eine Hängeschnellbahn dereinst die Strecke Zürich – Winterthur auf sieben Minuten verkürzen. pd
1961/62: Die SBB erarbeiten ein erstes Projekt für einen Tunnel Erstfeld – Biasca. Im Bahnhof Lugano ist derweil alles bereit zur Fahrt: Ein Schaffner gibt dem Lokführer eines Schnellzugs letzte Anweisungen. SBB/Archiv Arthur Meyer
1963–1970: Die vom Verkehrsdepartement eingesetzte Kommission Eisenbahntunnel durch die Alpen (KEA) prüft verschiedene Basistunnel-Lösungen. Sie empfiehlt schliesslich den Bau eines Basistunnels am Gotthard und den Ausbau der Lötschberglinie auf Doppelspur. Wikimedia Commons
1973: Das Verkehrsdepartement erarbeitet ein Transitkonzept. Die SBB erhalten den Auftrag, einen Gotthard-Basistunnel zu projektieren. wikimedia commons
1990/91: Nach einer breiten Vernehmlassung schlägt der Bundesrat den Bau einer Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT) mit Basistunneln an Gotthard und Lötschberg vor. Das Parlament billigt die Pläne. Im Bild: Moderatorin Helen Issler mit dem Briger Depotchef Max Brönnimann auf einer Handtraisine, mit welcher die beiden die Strecke von Brig bis Goppenstein am 6. Juni 1988 mit Muskelkraft bewältigen wollen. Die Sendung «DRS aktuell» überträgt anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums der Bern-Lötschberg-Simplonbahn eine Livesendung von der Strecke. KEYSTONE / STR
Die NEAT-Idee polarisiert: Die Gegnerschaft der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale NEAT reichen am 13. Januar 1992 im Bundeshaus-West das Referendum gegen die Neue Eisenbahn-Alpentransversale ein. Unter ihnen in der hinteren Reihe die Nationalrätin Verena Diener (Vierte v. l.), Rosmarie Bär (Siebte v. l.) und Nationalrat Hanspeter Thür (Sechster v. l.). KEYSTONE / EDI ENGELER
Schliesslich erringen die NEAT-Befürworter aber einen Sieg an der Urne: In der Volksabstimmung sprechen sich 63,6 Prozent für den Bau der NEAT aus. Plakatkampagne zu den eidgenössischen Abstimmungsthemen vom September 1992, darunter auch ein Plakat der Befürworter der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale NEAT, gegen die das Referendum ergriffen wurde. KEYSTONE / STR
Sieht nicht ganz so entspannt aus: Verkehrsminister Bundesrat Adolf Ogi löst am 22. September 1993 in Faido, Kanton Tessin, anlässlich des Spatenstichs zur zweiten Gotthard-Röhre Alptransit die Sprengung aus. KEYSTONE / KARL MATHIS
Immer mit einer gewissen Skepsis, aber deutlich zuversichtlicher: Bundesrat Adolf Ogi, Regierungsrätin Dori Schaer (BE) und Staatsrat Richard Gertschen (VS) in Frutingen beim «Spatenstich» Sondierstollen Alp-Transit Lötschberg. KEYSTONE / EDI ENGELER
1993–1998. Ein Disput um die Rentabilität der NEAT prägt die verkehrspolitische Schweiz: Finanzminister Otto Stich (SP) will nur einen Basistunnel, Verkehrsminister Adolf Ogi hält an beiden fest. Schliesslich redimensionieren Bundesrat und Parlament das NEAT-Projekt. Im Bild Bundesrat Otto Stich im Gespräch mit Nationalrätin Judith Stamm (CVP). KEYSTONE / STR
Ein Pro-Berg-Schild an der Strasse nach Flüelen, Kanton Uri, Schweiz, aufgenommen am 31. Januar 1995. Entgegen den Plänen der SBB, die NEAT-Strecke durch das Tal zu führen, hat der Urner Regierungsrat einer Bergvariante der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale ohne Umfahrung von Flüelen den Vorrang gegeben. KEYSTONE / STR
Der sogenannte «NEAT-Express» verlässt am Montag, 26. November 2007, den Bahnhof von Spiez. KEYSTONE / PETER SCHNEIDER
Die Kanderviadukte I und II bei Frutigen Richtung Kandersteg mit einem vorbeifahrenden BLS-Zug, aufgenommen am 21. Mai 2013 auf der Zugstrecke Bern – Kandersteg der BLS. KEYSTONE / GAETAN BALLY
Sitzung zwischen Grossmütterchen-Tapete, Perserteppich und Brokat: Die Bundesräte Flavio Cotti, Moritz Leuenberger und Kaspar Villiger empfangen am Donnerstag, 10. April 1997, im Bundeshaus in Bern die Spitzen der Bundesratsparteien zu Gesprächen zum Thema NEAT. KEYSTONE / JUERG MUELLER
«Modern Times» im Berg: Arbeiter justieren in einem Zwischenangriffsschacht zum Gotthard-Basistunnel der NEAT bei Sedrun die Tunnelbohrmaschine, aufgenommen im Juni 1997. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
29. Oktober 1998: Südafrikanischer Minenarbeiter im Zwischenangriffsschacht zum Gotthard-Basistunnel in Sedrun. Die Arbeitsbedingungen am NEAT-Stollen sorgten für Aufsehen. Arbeiter der südafrikanischen Firma Shaft Sinkers Ltd. sollen zu wenig Lohn erhalten. Ein Teil der rund 80 seit dem vergangenen Juli im NEAT-Stollen beschäftigten Männer soll gegenüber Gewerkschaftsvertretern angegeben haben, sie bekämen in der Heimat bloss 980 Franken monatlich überwiesen. KEYSTONE / ARNO BALZARINI
4. November 1999: Baubeginn NEAT. In Silenen wurde gemeinsam der Eingang des Zugangsstollens für den Gotthard-Basistunnel der NEAT freigesprengt. (Von links) Georges Blum, Verwaltungsratspräsident der Alptransit Gotthard AG; Ambros Gisler, Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Uri; Max Pfister, Präsident des Gotthard-Komitees, und Marco Borradori, Tessiner Staatsrat, lösten die Sprengung aus. Bei der Sprengung wurde ein unangenehmer Zeitgenosse aufgescheucht, ... KEYSTONE / SIGI TISCHLER
... nämlich der Teufel. KEYSTONE / SIGI TISCHLER
Abgang des Teufels. Seit diesem denkwürdigen Tag ist er aus dem Gotthard verschwunden. Wo er sich herumtreibt, ist nicht bekannt. KEYSTONE / SIGI TISCHLER
Erst mal einen Zigarillo: Der Bundesbeschluss über Bau und Finanzierung von Infrastrukturvorhaben des öffentlichen Verkehrs (FinöV), der auch die NEAT-Finanzierung sicherstellt, wird an der Urne mit 63,5 Prozent Ja angenommen. Nationalratspräsident Ernst Leuenberger zündet sich nach dem Erfolg am Abstimmungsfest in Erstfeld einen Siegeszigarillo an. KEYSTONE / URS FLUEELER
«Vater, es wird eng in Uri»: Auch Anfang der 2000er Jahre reisst die Kritik an der NEAT nicht ab. Ein Aktivist der Greenpeace-Regionalgruppe Uri protestiert am 19. Juni 2000 in Altdorf gegen die vom Bund beschlossene NEAT-Linienführung im unteren Reusstal. Unmittelbar nach Bekanntgabe des NEAT-Entscheides hängten rund acht Aktivisten ein Banner hinter das Telldenkmal in Altdorf. KEYSTONE / BRAND
Riesiger Bohrkopf: Die erste von sechs Tunnelfräsen wird im August 2002 in einer extra dafür ausgeschlagenen Kaverne im Gotthard-Basistunnel montiert. Die 410 Meter lange Fräse mit einem Durchmesser von 8,8 Metern wird sich voraussichtlich ab November etwa 28 Kilometer durch den Fels fressen. KEYSTONE / KARL MATHIS
Mehrarmiges Ungetüm: Ein computergesteuerter Bohrjumbo bohrt im April 2004 im Schachtfuss Sedrun die Löcher für den Sprengvortrieb. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
Inbetriebnahme des Lötschberg-Basistunnels: Bundesrat Moritz Leuenberger steigt an der Eröffnung des Lötschbergtunnels am 15. Juni 2007 beim Nordportal in Frutigen in einen Sonderzug, der ihn und die geladenen Gäste durch den Tunnel fährt. Der 34,6 Kilometer lange Basistunnel der NEAT zwischen Frutigen im Kanton Bern und Raron im Kanton Wallis ist der längste Eisenbahntunnel in der Schweiz und der drittlängste der Welt. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
16. September 2009: Die Tunnelbohrmaschine Gabi 2 frisst sich im Gotthard-Basistunnel durch die letzten Meter Fels zwischen Erstfeld und Amsteg. Gabi 2 legte damit in nur 18 Monaten eine Strecke von 7,2 Kilometern zurück und kam damit ein halbes Jahr früher als geplant in Amsteg an. KEYSTONE / URS FLUEELER
15. Oktober 2010: Durchschlagsfeier im Gotthard-Basistunnel. Die Oströhre ist vollständig durchbrochen. Das NEAT-Projekt ist als brillante Idee auf dem Reissbrett entstanden und wurde in einer Herkules-Leistung von Tausenden Bauarbeitern umgesetzt. KEYSTONE / LEM
23. März 2011: Der Bart muss ab – Produktionsleiter Jens Classen rasiert sich, nachdem die Tunnelbohrmaschine «Heidi» den letzten Abschnitt in der Weströhre bei Sedrun durchbrochen hat. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
2010–2016: 43'800 Stunden nonstop für den Einbau der festen Fahrbahn – während mehr als drei Jahren erstellen 125 Arbeiter im 24-Stunden-Betrieb an sieben Tagen pro Woche die Fahrbahn im Gotthard-Basistunnel. (Bild: gottardo2016.ch)
Keine Wasserträger: Tausende Bauarbeiter legten insgesamt 153 Kilometer Tunnelstrecke an und brachen zu diesem Zweck 28 Millionen Tonnen Gestein aus dem Berg. KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
Auch für Sammler fällt etwas ab: Der Künstler Fredy Trümpi posiert im Jauar 2016 neben einem Modell der Sondermünze «Gottardo 2016». Die Eidgenössische Münzstätte Swissmint hat die Silbermünze der Einweihung des Gotthard-Basistunnels gewidmet. KEYSTONE / PETER KLAUNZER
Fröhliches Schilderwinken am 1. Juni 2015: Genau ein Jahr vor der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels feiern Bundesrätin Doris Leuthard und SBB-CEO Andreas Meyer mit geladenen Gästen den Countdown «Gottardo 2016» im Bahnhof Luzern. KEYSTONE / URS FLUEELER

Aber der Gotthard frisst das Geld für andere Projekte weg.
Nein. Zumindest nicht das Geld für die überlasteten Strecken, die wir ausbauen wollen. Der Tunnel steht in Konkurrenz mit anderen Unterhaltsprojekten. Für diese haben wir ein Budget von rund 1,6 Milliarden Franken. Auf zehn Jahre gerechnet, braucht es für die zweite Röhre jährlich 100 Millionen Franken davon. Sie würde also kaum Projekte verdrängen.

Wie schwer wiegt eine Niederlage?
Mir täte es Leid für die Urner, die Tessiner und die Wirtschaft, weil wir dann verladen müssten, was mit massiven Eingriffen vor Ort und Einbussen für die Wirtschaft verbunden wäre. Ausserdem ist es gefährlich, wenn wir Strassenprojekte gegeneinander ausspielen.

Wieso?
Würde die Bevölkerung einer dritten Gubrist-Röhre oder der Umfahrung von Morges zustimmen? Wäre eine Mehrheit des Volkes bereit, für fünf bis sechs Kilometer Umfahrungsstrasse 3,5 Milliarden Franken auszugeben – obwohl es selbst nie durch Morges fährt? Solche Fragen gefährden den Zusammenhalt des Landes. Wir investieren in jeder Region, wo es nötig ist, und bauen, was Sinn macht. Es wird in der Regel nicht isoliert über einzelne Verkehrsprojekte abgestimmt. Der Gotthard ist wegen des Alpenschutzes eine Ausnahme.

Wie beurteilen Sie die Lage des Tessins?
Das Tessin hat im Süden wegen der Grenzgänger ein grosses Verkehrsproblem. Das müssen wir lösen. Es ist aber bedenklich, dass viele es für zumutbar halten, das Tessin strassenseitig abzuschneiden. Ich kenne keinen Kanton, der das akzeptieren würde. Ob Baregg im Aargau oder der Fäsenstaub in Schaffhausen – niemand käme auf die Idee, diese Tunnels zu schliessen.

Besteht eine Ignoranz gegenüber dem Tessin?
Ich würde nicht von Ignoranz reden. Wir stehen in einem Verteilkampf. Jeder Kanton versucht, seine eigenen Projekte voranzutreiben. So funktioniert die Schweiz.

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