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Protest im Libanon gewinnt an Fahrt: Demonstranten fordern radikalen Wandel

Nach der Explosion im Libanon formiert sich eine Protestbewegung. Die Schweiz unterstützt die Bevölkerung mit vier Millionen Franken.

Publiziert: 09.08.20, 22:40 Aktualisiert: 10.08.20, 11:57
Michael Wrase, Limassol / ch media

In der libanesischen Hauptstadt Beirut sind am Wochenende fast alle Dämme gebrochen. Ohnmächtig vor Wut auf ihre Regierung gingen Zehntausende von Libanesen auf die Strasse. Sie machen die herrschende Klasse direkt für die Katastrophe im Beiruter Hafen mit fast 200 Toten und über 300 000 Obdachlosen verantwortlich.

«Meine Regierung hat mein Volk ermordet», stand auf den Spruchbändern. «Rache, Rache bis dieses Regime ein Ende findet und die Verantwortlichen hängen», skandierten die Demonstranten. Sie sehen sich inzwischen «im Krieg mit ihrer Regierung». «Das ist die Rückkehr der Revolution», hallte es durch die mit Scherben übersäten Strassen am Beiruter Märtyrerplatz.

>>> Alle News zur Situation in Beirut im Liveticker.

Entsprechend entschlossen wurde in der Nacht zum Sonntag zur Sache gegangen. Unterstützt von offenbar «kampferprobten» jungen Libanesen stürmte eine Gruppe von pensionierten Soldaten und Offizieren das Beiruter Aussenministerium.

Aktenschränke wurden verwüstet, die Porträts von Staatspräsident Michel Aoun und anderer nationaler Würdenträger in Brand gesetzt. «Wir haben das Gebäude als Sitz unserer Revolution beschlagnahmt», verkündete ein Sprecher der Demonstranten. Sie brachen in Jubel aus, als an der Fassade ein Transparent mit der Aufschrift «Beirut - Die Hauptstadt der Revolution» ausgerollt wurde.

Premierminister schlägt Neuwahlen vor

Auch das Energieministerium und der Sitz der Bankenvereinigung wurden gestürmt. Unter einem Hagel von Gummigeschossen und Tränengasgranaten verteidigte die Staatsgewalt dagegen das Parlament sowie den Amtssitz von Premierminister Hassan Diab. Der weiss sich angesichts des wachsenden Drucks der Strasse nicht anders zu helfen, als Neuwahlen in zwei Monaten vorzuschlagen - was von der Protestbewegung zurückgewiesen wurde. Informationsministerin Manal Abdel Samad reichte bereits ihren Rücktritt ein. Sie begründete den Schritt mit der Katastrophe vom Dienstag und der Unfähigkeit der Regierung zu Reformen.

Proteste im Libanon

Zurück auf der Strasse: Die Proteste gegen die politische Elite im Libanon sind wieder voll entbrannt. EPA / WAEL HAMZEH
Tausende protestieren am Wochenende im Stadtzentrum zunächst friedlich, dann schlägt die Stimmung in Gewalt um. keystone / IBRAHIM DIRANI DAR AL MUSSAWIR
Für viele Libanesen scheint ein Punkt erreicht, an dem sie nichts mehr zu verlieren haben. keystone / IBRAHIM DIRANI DAR AL MUSSAWIR
Wirtschaftlich ist das kleine Mittelmeerland längst am Boden, der Libanon gehört zu den am stärksten verschuldeten Ländern weltweit und ist vom Staatsbankrott bedroht. keystone / IBRAHIM DIRANI DAR AL MUSSAWIR
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Die vorgeschlagenen Wahlen, das scheint sicher, würden erneut vom «System», das seine entlang konfessioneller Linien abgestützte Herrschaft über Jahrzehnte fest zementiert hat, gewonnen werden. Für die in kleinen Graswurzelbewegungen organisierten Demonstranten käme ein Urnengang dagegen zu früh. Sie wollen nach der Explosion vom Dienstagabend radikale Veränderungen.

Genug ist genug

Die Bruchlinien seien im Beiruter Hafen gezogen worden, sagte Medea Azoury, eine 46-jährige Demonstrantin vor Journalisten. «Genug ist genug», rief die Frau verzweifelt: «Wir werden in diesem Land als Geiseln gehalten. Wir können kein Geld mehr von den Banken abheben und die Menschen sterben vor Hunger».

Fast die Hälfte des Beiruter Stadtgebietes wurde durch die Detonation von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat verwüstet, die Getreidespeicher im Beiruter Hafen zerstört. Für mehr als die Hälfte der zweieinhalb Millionen Einwohner der libanesischen Hauptstadt geht es inzwischen ums nackte Überleben.

Darüber waren sich auch die Teilnehmer der Geberkonferenz für den Libanon im Klaren, die am Sonntag von UNO-Generalsekretär Guterres und Frankreichs Präsident Macron geleitet wurde. Die Schweiz, die ebenfalls an der Konferenz teilnahm, sagte mindestens vier Millionen Franken Direkthilfe für die Bevölkerung der libanesischen Hauptstadt zu. Das Geld soll nicht an die Regierung ausbezahlt werden, sondern direkt in den Wiederaufbau fliessen.

Rolle der Hisbollah sorgt für Unmut bei Geberländern

Für Unbehagen bei den meisten Geberländern sorgt vor allem die Beteiligung der pro-iranischen Hisbollah an der noch amtierenden Beiruter Regierung, dessen Ende womöglich bevorsteht. Die Schiitenorganisation wird von der Hälfte der Libanesen als «Staat im Staate» wahrgenommen, der eine prowestliche Ausrichtung des Landes torpediert. Eine von Macron vorgeschlagene internationale Untersuchung der Beiruter Explosion hat Hisbollah-Chef Nasrallah bereits abgelehnt.

Die Überlebenshilfe der Staatengemeinschaft für den Libanon dürfte sich daher auf Sachspenden konzentrieren. Frankreich liefert in den kommenden Tagen 18 Tonnen Medikamente und 700 Tonnen Lebensmittel nach Beirut. Saudi-Arabien, Iran und die Emirate hatten bereits Überlebenshilfe geschickt. (aargauerzeitung.ch)

Schwere Explosion am Hafen von Beirut

Nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut steht die Stadt am Mittelmeer unter Schock. Die Zahl der Toten stieg auf mindestens 100, wie das libanesische Rote Kreuz am Mittwoch erklärte. EPA / @TAYYARAOUN1
Demnach wurden etwa 4000 Menschen verletzt. Rettungshelfer suchten in den Trümmern nach weiteren Opfern. Der Generalsekretär des Roten Kreuzes, George Kattanah, sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Zahl der Opfer werde wahrscheinlich weiter steigen.
Aus Sicherheitskreisen hiess es, es würden noch mindestens 100 Menschen vermisst. «Es liegen noch immer viele Menschen unter den Trümmern», sagte ein Offizieller, der ungenannt bleiben wollte.
Die Ermittler suchen zudem weiter nach der Ursache für die gewaltige Detonation in der Hauptstadt des Landes an der Levante.
Möglicherweise wurde sie durch eine sehr grosse Menge Ammoniumnitrat ausgelöst, die im Hafen gelagert worden war. Regierungschef Hassan Diab erklärte den Mittwoch zum Tag der landesweiten Trauer in Gedenken an die Opfer. AP / BILAL HUSSEIN
Beim roten Punkt im Hafen von Beirut kam es zur Explosion.
Die Explosionen hatten am Dienstag Beirut und das Umland erschüttert. Grosse Teile des Hafens wurden vollständig zerstört. Aufnahmen zeigten ein Bild der Verwüstung. keystone / Hussein Malla
Auch die angrenzenden Wohngebiete wurden stark beschädigt. Auf den Strassen standen zahlreiche zerstörte Autos. «Das ist grauenhaft, das ist nicht normal», sagte ein Mann, der am Morgen Scherben vor seiner Wohnung zusammenfegte. EPA / WAEL HAMZEH
Betroffen von der Explosion sind neben dem Hafen vor allem die beliebtesten Ausgehviertel, für die Beirut bekannt ist. Sogar in Orten rund 20 Kilometer von der Hauptstadt entfernt gingen Scheiben zu Bruch. Beirut, in dessen Grossraum schätzungsweise bis zu 2,4 Millionen Menschen leben, wurde zur «Katastrophen-Stadt» erklärt. keystone
Der Leiter des Büros der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung im Libanon, Malte Gaier, sagte dem Deutschlandfunk, besonders beunruhigend seien «massive strukturelle Schäden». So sei das staatliche Elektrizitätswerk komplett zerstört. AP / HUSSEIN MALLA
Verwundete seine aufgrund des Ansturms auf Kliniken oft abgewiesen worden. «Wir haben die ganze Nacht hinweg, und ich vermute auch, dass das jetzt noch der Fall ist, wirklich chaotische, teils dramatische Szenen hier gesehen.» AP / HASSAN AMMAR
Gaier sprach von einem «Schockzustand» in der Stadt. «Das ist für uns vielleicht etwas vergleichbar mit dem Schockzustand, den wir am Morgen nach 9/11 in den USA hatten», erklärte er. AP / HUSSEIN MALLA
Eine der Verletzten ist die Schweizer Botschafterin Monika Schmutz, wie das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) am Dienstagabend mitteilt. Die Botschafterin habe sich leicht verletzt und sich ins Spital begeben. Das übrige Botschaftspersonal sei wohlauf, eine Mitarbeiterin habe man aber bislang nicht erreichen können.
AP / HASSAN AMMAR
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Hoffen auf Lebenszeichen: Retter suchen in Beirut nach Verletzten

Video: extern / rest

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