1990 tritt Jugoslawien zum letzten Mal geschlossen an einer WM an und scheitert im Viertelfinal an Argentinien.
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Jugoslawiens Nati schliesst die Kroaten aus – es ist das Ende der «Brasilianer Europas»
15. August 1991: Auch der Fussball wird vom Auseinanderbrechen des jugoslawischen Vielvölkerstaates erfasst. Damit zerfällt eine erfolgreiche Nationalmannschaft - mit Dänemark als grossem Profiteur.
Die Meldung, die am 15. August 1991 von der Schweizer Nachrichtenagentur Sportinformation verbreitet wurde, war 94 Wörter lang. Die Kernaussage: «Sportler der abtrünnigen jugoslawischen Teilrepublik Kroatien werden künftig nicht mehr in jugoslawischen Nationalteams berücksichtigt und von der Teilnahme an internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen. Dieser Beschluss des Sportministeriums in Belgrad gilt auch für die Olympischen Spiele in Albertville und Barcelona.»
Es war der Schlusspunkt einer erfolgreichen Fussballtradition - und das nur zweieinhalb Monate nach dem Höhepunkt mit dem Meistercup-Triumph von Roter Stern Belgrad.
Der grösste Erfolg des jugoslawischen Klubfussballs: Roter Stern bejubelt den Sieg im Europapokals der Landesmeister, der späteren Champions League.
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Jugoslawien hatte im internationalen Fussball immer eine gute Rolle gespielt. 1930 war es eines von nur vier europäischen Teams an der ersten WM in Uruguay - und dank eines 2:1-Sieges gegen Brasilien das einzige im Halbfinal. Die uruguayischen Fans waren begeistert von «Los Ichachos». Konflikte gab es aber schon damals. Wegen der Verlegung des Hauptquartiers des jugoslawischen Fussballverbands von Zagreb nach Belgrad boykottierte der kroatische Teilverband die WM.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es für Jugoslawien zwei Olympia-Silbermedaillen und 1960 (gegen die Sowjetunion) und 1968 (in einem Wiederholungsspiel gegen Italien) Finalniederlagen bei der EM.
Die Highlights der Finalniederlage Jugoslawiens gegen Italien.
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Für ein paar Jahrzehnte funktionierten der Vielvölkerstaat und seine Nationalmannschaft ziemlich gut. Noch 1990 standen die Jugoslawen im WM-Viertelfinal, wo sie im Penaltyschiessen gegen den späteren Finalisten Argentinien ausschieden, und für die EM 1992 qualifizierten sie sich als Gruppensieger souverän. Die dunklen Wolken waren aber schon längst nicht mehr zu übersehen.
Jugoslawische Hymne in Zagreb unerwünscht
Im Frühling 1990 begann sich der Zerfall Jugoslawiens abzuzeichnen, als in den Teilrepubliken Kroatien und Slowenien bei ersten freien Wahlen die Nationalisten klare Mehrheiten erzielten; der Wunsch nach Unabhängigkeit war klar. Schon bei der Hauptprobe für die WM 1990 gegen die Niederlande im Zagreber Maksimir-Stadion wurde die jugoslawische Nationalhymne von den heimischen Fans ausgepfiffen und demonstrativ niederländische Flaggen geschwenkt.
1990 hütete noch der im heutigen Kroatien geborene Tomislav Ivkovic das jugoslawische Tor.
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Der Fussball brauchte allerdings eher lange, ehe sich die politischen Verwerfungen auswirkten. In der Qualifikation für die EM 1992 schossen die Jugoslawen 24 Tore, elf durch Mazedonier (10 von Darko Pancev), sechs durch Kroaten, drei durch Serben, zwei durch Montenegriner und je eines durch den Slowenen Srecko Katanec und den Bosnier Mehmed Bazdarevic.
Das Team von Roter Stern Belgrad, das 1991 den Meistercup gewann, bestand zwar überwiegend aus serbischen Spielern, doch auch der kroatische Mittelfeldstar Robert Prosinecki trug massgeblich zum Titel bei. Er wechselte im selben Sommer zu Real Madrid und kam damit der Verbannung aus Serbien und der verbleibenden jugoslawischen Vertretung zuvor.
Vereinslegende Robert Prosinecki kehrte 2010 als Trainer nach Belgrad zurück.
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Als sich die Nationalmannschaft Ende Mai in einem Trainingslager in Schweden auf die EM vorbereitete, bestand sie nur noch aus Serben und Montenegrinern. Nach dem Beschluss der UNO-Sanktionen gegen Jugoslawien wurden sie jedoch zehn Tage vor dem Start der Europameisterschaft von allen sportlichen Wettkämpfen ausgeschlossen. Dänemark, das in der Qualifikation Gruppenzweiter war, kam sehr kurzfristig zum Handkuss und nützte seine Chance zum sensationellen EM-Titel.
Das dänische Fussball-Märchen gibt es nur, weil Jugoslawien nicht an der EM 1992 teilnehmen konnte.
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Kroatiens erstaunliche Erfolge
Die wegen ihrer Spielkunst einst bewundernd «die Brasilianer Europas» genannte jugoslawische Nationalmannschaft existierte damit auch auf dem Papier nicht mehr, die Region versank endgültig in Chaos und unsäglichem menschlichem Leid.
Die Fussballtradition ging aber nicht verloren. Vor allem Kroatien, das mit seiner Unabhängigkeitserklärung am 25. Juni 1991 wohl den letzten, unumkehrbaren Schritt zur Auflösung des Vielvölkerstaates gemacht hatte, überrascht die Fussballwelt immer wieder mit Erfolgen, die weit über die zu erwartenden Kapazitäten eines Staates mit nur vier Millionen Einwohnern hinausgehen.
1998 wurde Kroatien bei seiner ersten WM-Teilnahme als unabhängiger Staat gleich Dritter, bei der letzten WM vor zwei Jahren in Russland sogar Zweiter. Seine erste Länderspieltore hatte Davor Suker, der heutige kroatische Verbandspräsident und WM-Torschützenkönig von 1998, noch für Jugoslawien erzielt. (dab/sda)
Wie Jugoslawien zerbrach: Vom Ende des Kommunismus bis Kosovo
22. Januar 1990: Ende des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens (BKJ/SJK) als einheitlicher Partei.
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April 1990: Erste demokratische Parlamentswahl in Slowenien und Kroatien. Die Partei von Slobodan Milosevic erringt den Wahlsieg.
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25. Juni 1991: Slowenien und Kroatien erklären sich für unabhängig – Aufnahme des Gebäudes, in dem die erste Sitzung des neu gegründeten kroatischen Parlaments stattfand.
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26. Juni bis 07. Juli 1991: Die von Serbien geführte Jugoslawische Volksarmee (JNA) versucht vergeblich, Sloweniens Unabhängigkeit rückgängig zu machen.
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Ratko Mladic, militärischer Führer der bosnischen Serben. pd
August 1995: Kroatische Soldaten feiern die Rückeroberung von Slunj, einer Stadt 100 Kilometer südlich von Zagreb. AP NY / ROBERT BELOSEVIC
Oktober 1991: Mazedonien erklärt Selbstständigkeit – Feier zum Jahrestag der Unabhängigkeit im September 2014.
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März 1992: Bosnien-Herzegowina mit seiner muslimischen Mehrheit erklärt sich für unabhängig. Serbische Minderheit ruft Unabhängigkeit von Sarajevo aus (Republika Srpska) – Sondereinheiten der bosnischen Serben.
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1992-1995: Blutiger Bürgerkrieg mit über 100'000 Toten und Hunderttausenden Vertriebenen: Bosnier und Kroaten gegen Serben, Kroaten gegen Bosnier – Einwohner von Sarajevo bringen sich vor Scharfschützenfeuer in Sicherheit. Die bosnische Hauptstadt wurde während 1425 Tagen belagert.
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Juli 1995: Flüchtlingsstrom aus Srebrenica. Die Stadt in Bosnien erlangte 1995 traurige Berühmtheit, als bosnische Serben unter der Führung von Ratko Mladic 7000 Menschen töteten. AP / DARKO BANDIC
Juli 1995: Srebrenica – Eine Frau trauert 13 Jahre später im Memorial Center Potocari. AP / AMEL EMRIC
Undatierte Aufnahme aus dem Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina. AP NY / Sasa Kralj
1993, Mostar: Ein Soldat der kroatischen Verteidigungsarmee in Bosnien rennt durch feindliches Scharfschützenfeuer. AP NY / ZORAN BOZICEVIC
Undatierte Aufnahme aus dem Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina. AP NY / Santiago lyon
April 1998: Eine bosnische Serbin schaut mit Verzweiflung auf ihr Heim in Dvar, das sie verlassen muss. Die ethnischen Spannungen führen zur Segregation ganzer Dörfer und Städte. AP / DARKO BANDIC
1998/1999: Kosovo-Krieg: Serbien versucht, durch die Vertreibung von bis zu 800'000 Albanern und die militärische Besetzung seiner früheren Provinz die Kontrolle zu erhalten – Aufnahmen von kosovarischen Widerstandskämpfern.
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24. März bis 10. Juni 1999: NATO bombardiert Serbien im ihrem ersten Kampfeinsatz in Europa und zwingt Belgrad zum Rückzug seines Militärs und Paramilitärs aus dem Kosovo – Airforce-Aufnahmen von zwei amerikanischen A-10 Warthog-Bombern.
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April 1999: "Stop the bombs" – ein Gebäude der Fernsehanstalt in Belgrad wird bei dem NATO-Luftangriff getroffen. EPA / NENAD KOJADINOVIC
April 2004: Die serbische Armee zerstört während der Operation Harvest eingesammelte Waffen. EPA / Drago Vejnovic
Februar 2006: Die Chefanklägerin des Haager Tribunals, Carla del Ponte, spricht an einer Pressekonferenz in Belgrad. Der Internationale Strafgerichtshof für Jugoslawien ICTY beschäftigt sich mit der Ahndung von Kriegsverbrechen. EPA / KOCA SULEJMANOVIC
03. Juni 2006: Montenegro spaltet sich von Restjugoslawien (Serbien) ab – Feier zur Unabhängigkeit in Cetinje, einer Kleinstadt 35 Kilometer westlich von Pogdorica.
AP / DARKO VOJINOVIC
17. Februar 2008: Kosovo proklamiert seine Unabhängigkeit – Freudentaumel in der kosovarischen Hauptstadt Pristina. X01507 / STOYAN NENOV
Betrinken und Beklagen mit Quentin
Video: watson / Quentin Aeberli, Emily Engkent
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