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Die Schweizer Natispieler im Training.
Bild: EPA/KEYSTONE

Brrr, ganz schön kalt: Die Nati-Vorbereitung in der eisigen Kältekammer

Bei minus 193 Grad bereiten sich die Schweizer Spieler auf das Achtelfinalspiel gegen Polen vor. Was wie eine Qual aussieht, fühlt sich gar nicht so schlimm an – und tut dem Körper erst noch gut.

Publiziert: 24.06.16, 10:38 Aktualisiert: 24.06.16, 13:27
Etienne Wuillemin / Nordwestschweiz

Die Regeneration wird während eines Turniers von Tag zu Tag wichtiger. Deshalb wird alles Mögliche getan für den Körper. Nach jedem Spiel und nach jedem Training steigen die Spieler ins Eisbad oder in die Kältekammer. Dadurch wird die Durchblutung angeregt, wodurch sich die Zellen im Körper schneller erholen.

Yann Sommer in der Kältekammer bei -193 Grad.
twitter: @Sfv_asf

Zusätzlich werden Schlackstoffe abtransportiert. Wo aber liegt der Unterschied zwischen den beiden Methoden? Während das Eisbad im Körper ein stechendes Gefühl auslöst, fühlt sich der flüssige Stickstoff in der Kältekammer nicht so schmerzvoll an.

Markus Tschopp, Leistungsdiagnostiker beim Schweizerischen Fussballverband, erklärt: «Im Kältebad sollten die Spieler so viele Minuten bleiben, wie das Wasser warm (besser: kalt) ist.» Das Wasser ist zehn Grad, bedeutet: zehn Minuten. Oder drei Mal drei Minuten. In der Kältekammer dauert der Aufenthalt etwa drei Minuten.

«Es geht nicht um eine ständige Überwachung. Die Spieler merken, dass das zu ihrem Wohl ist.»

Markus Tschopp zum Sport-BH

Ist die längere Ruhepause nach der Vorrunde für die Schweizer gegenüber den Polen (fünf spielfreie Tage gegenüber drei) ein Vorteil? «Zumindest kein Nachteil», sagt Tschopp. «Wenn es im bisherigen Rhythmus weitergegangen wäre, hätte man das durchaus merken können.» Die Spieler erhalten täglich nach den Trainings eine Massage. Bei Bedarf auch eine etwas längere Therapie – da werden individuelle Wünsche berücksichtigt.

Markus Tschopp, Leistungsdiagnostiker der Schweizer Nationalmannschaft.
Bild: KEYSTONE

Am letzten Montag, also am Tag nach dem Spiel gegen Frankreich, hatten die Schweizer Spieler frei. Seither gibt es jeden Tag ein Training. Es dauert jeweils 75 Minuten. Nur zehn bis zwanzig Minuten davon sind von der Belastung her nahe an einem Spiel. Das Training am Dienstag war am wenigsten intensiv, danach nimmt die Belastung leicht zu.

Auch die Ernährung ist wichtig

Leistungsdiagnostiker Tschopp ist während der Trainings mit einem iPad stetig mit allen Spielern «live» verbunden. Die schwarzen Sport-BHs, welche die Spieler tragen, machen dies möglich. Dadurch erhält Tschopp von jedem Spieler Daten von bis zu 60 verschiedenen Parametern. Kommt ein Spieler über die gesunde Belastungsgrenze hinaus, erkennt das Tschopp sofort – und kann dies Nationaltrainer Vladimir Petkovic mitteilen.

Vladimir Petkovic hat stets den Überblick über die Daten seiner Spieler.
Bild: VINCENT KESSLER/REUTERS

Wie gut das System funktioniert und das Team seine Arbeit macht, zeigt auch, dass die Schweiz seit dem Beginn des Trainingslagers am 22. Mai keine nennenswerten gesundheitlichen Probleme beklagen musste. Obwohl der Trainer auf die vorwiegend selben Spieler setzt.

Die Daten sind das Eine. Gleichzeitig wird aber auch das subjektive Befinden der Spieler einbezogen. Jeden Morgen füllen sie per App auf dem Handy oder iPad einen kleinen Fragebogen aus. Dabei bewerten sie zum Beispiel, wie gut sie geschlafen haben. «Das tönt banal, ist aber fast die verlässlichste Methode, um zu merken, wie es einem Spieler geht», sagt Tschopp. Und: «Es geht nicht um eine ständige Überwachung. Die Spieler merken, dass das zu ihrem Wohl ist.» So weiss der Staff rasch, wenn ein Spieler ein Problem hat.

«Fettarme und nährstoffreiche Produkte wie Gemüse, Fisch oder Poulet sind am besten.»

Emil Bolli, Koch der Schweizer Nati

Schliesslich ist auch die Ernährung ein zentraler Punkt während eines Turniers. Je näher das Spiel rückt, desto wichtiger ist sie. Emil Bolli, Koch der Schweizer Nationalmannschaft, sagt: «Das letzte Essen vor dem Spiel findet vier Stunden davor statt. Am Samstag also um 11 Uhr. Es gilt, den Kohlenhydrate-Speicher zu füllen. Die Spieler essen Teigwaren mit Tomaten- und Bolognese-Sauce.» Auch fettige Speisen sind suboptimal.

Granit Xhaka trägt im Training den «Sport-BH». Bild: EPA/KEYSTONE

Gegen eine Cola nach den Trainings ist jedoch nichts einzuwenden. Grundsätzlich gilt, so sagt Bolli: «Fettarme und nährstoffreiche Produkte wie Gemüse, Fisch oder Poulet sind am besten.» An der richtigen Vorbereitung scheitert es nicht. Jetzt müssen die Spieler am Samstag gegen Polen nur noch die Tore schiessen. 

Die Noten der Schweizer nach der Gruppenphase der EM 2016

Granit Xhaka: Note 6 – Je grösser die Bühne, desto wohler fühlt er sich. Seine Auftritte an dieser EM verdienen das Prädikat Weltklasse. Scheint tatsächlich angekommen als Chef dieser Mannschaft. Er übernimmt Verantwortung. Die allermeisten seiner Pässe sitzen – und das, obwohl er sich nicht scheut, Risiko einzugehen. Nach dem Transfer zu Arsenal wurde Xhaka von einem Engländer gefragt, ob er nicht fürchte, das Preisschild von 50 Mio. könne nun an der EM zu viel Last sein. Seine Antwort gab er auf dem Platz. Sie ist eindrücklich: Nein! Witters / Tim Groothuis/freshfocus
Yann Sommer: Note 5,5 – Wie er die Schweiz in seinem ersten Spiel auf der ganz grossen Bühne gegen Albanien rettete, war Weltklasse. Gegen Rumänien fast ohne Beschäftigung. Dann gegen Frankreich mit der ersten und einzigen Unsicherheit gegen Pogba, steigert sich aber sofort wieder. Ist erst vom Penaltypunkt aus bezwungen. Kann bester Torhüter des Turniers werden und die Schweiz zum nächsten Schritt führen. EPA/EPA / LAURENT DUBRULE
Stephan Lichtsteiner: Note 4 – Der neue Captain wirkt mit der Binde irgendwie gehemmt. Seine Leistungen schwanken zwischen rätselhaft und solid – mehr nicht. Manchmal wirkt er wie ausgetauscht, sobald er nicht das Juve-, sondern das Nati-Trikot übergezogen hat. Das Spiel gegen Frankreich ist sein bestes bisher, vielleicht wächst auch er mit den Anforderungen. Die Schweiz braucht im Achtelfinal den echten Lichtsteiner, um weiterzukommen. KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Fabian Schär: Note 5,5 – Wäre dieser eine Fehler am Schluss des Albanien-Spiels nicht – man dürfte von einer bislang perfekten EM sprechen. Schär überzeugt mit herausragenden Zweikämpfen und gutem Stellungsspiel. Er ist stark in der Luft und genauso am Ball. Dazu strahlt er viel Ruhe aus. Das ist von Vorteil, wenn der Abwehrpartner Johan Djourou heisst. Kurz: Es ist eine überzeugende Reaktion des 24-Jährigen auf eine schwierige Saison mit Hoffenheim in der Bundesliga. EPA/KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Johan Djourou: Note 5 – In jungen Jahren weckte er Hoffnungen, einmal ein neuer Frank Rijkaard zu werden. An guten Tagen ist er auch heute noch Spitzenklasse. Nur sind diese längst Ausnahme geworden. Wirkt immer ein bisschen zu locker lässig. Die Angst, der nächste Fehler steht kurz bevor, ist noch nicht gewichen. Aber: Er hat sich mit jedem Spiel gesteigert. Die Leistung gegen Frankreich muss er jetzt bestätigen. EPA/EPA / SHAWN THEW
Ricardo Rodriguez: Note 4,5 – Er ist noch nicht der Rodriguez der WM 2014. Damals schritt er voran, als es wirklich zählte. Es ist nicht mehr allzu viel übrig geblieben vom Versprechen, das er einmal war. Gerade seine Eckbälle und Freistösse sind verbesserungswürdig, wie sein Beitrag zur Offensive überhaupt. Immerhin steht er defensiv gut und lässt wenig über seine Seite zu. Trotzdem: Er muss sich noch steigern. EPA/EPA / LAURENT DUBRULE
Valon Behrami: Note 5,5 – Der Aggressivleader zeigt eine sehr beachtliche EM. Es gibt Dinge, die sind immer drin, wo Behrami drauf steht: viele Balleroberungen, unermüdlicher Kampf, unzählige Läufe. Aber jetzt zeigt Behrami auch Aktionen, die man ihm nicht unbedingt zugetraut hätte. Er leitet Bälle geschickt weiter, es sind nicht grad 20- oder 30-Meter-Pässe, dieses Feld überlässt er Xhaka, aber eben doch so, dass die Offensivabteilung etwas damit anfangen kann. freshfocus / Alain Grosclaude/freshfocus
Xherdan Shaqiri: Note 4 – Galt einmal als Wunderkind. Als der Spieler, der in den entscheidenden Momenten für die aufregenden Dinge besorgt ist. Als der Spieler, der die wichtigen Tore schiesst. Das alles ist Vergangenheit. Shaqiri blieb bisher an der EM alles schuldig. Er hat seit über einem Jahr kein Tor mehr erzielt für das Nationalteam. Seine rätselhaften Auftritte mehren sich. Immerhin stellt er sich in den Dienst der Mannschaft. EPA/EPA / ROLEX DELA PENA
Blerim Dzemaili: Note 5 – Dzemaili und das Nationalteam, es ist eine belastete Beziehung. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass es spät doch noch eine versöhnliche Wende gibt. Erstmals ist er als Stammspieler dabei. Petkovic vertraut ihm. Und Dzemaili zeigt an dieser EM in jedem Spiel, warum. Noch fehlt die Konstanz über 90 Minuten. Noch könnte er seine guten Ansätze in etwas mehr Zählbares verwandeln. Aber es bieten sich ja noch Gelegenheiten zur Steigerung. AP/AP / Geert Vanden Wijngaert
Admir Mehmedi: Note 5 – Manchmal ist es erstaunlich, was ein einzelnes Tor auslösen kann. Seit dem Wahnsinnstreffer in den Winkel gegen Rumänien spielt er drei Klassen besser, mit mehr Selbstvertrauen und mit noch mehr Verve bei der Arbeit in der eigenen Platzhälfte. Zudem ist er nun der einzige Schweizer der Geschichte, der an einer WM und EM getroffen hat. Mehmedi hat sich zum Spezialisten für wichtige Spiele entwickelt. Das zeigte er schon an der WM in Brasilien. freshfocus / Alain Grosclaude/freshfocus
Haris Seferovic: Note 4,5 – Um ihn sind während des Turniers die interessantesten Debatten entstanden. Soll man ihn kritisieren, weil er viele Chancen vergibt? Soll man ihn loben, weil er viel kreiert? Der zweite Ansatz scheint angebracht. Seine bisherigen Einsätze waren ansprechend. Die Frage ist nun, ob es ihm gelingt, den Kopf freizubekommen. Falls ja, kann er für die Schweiz plötzlich noch so wichtig werden wie auf dem Weg zum U17-Weltmeistertitel. freshfocus / Alain Grosclaude/freshfocus
Breel Embolo: Note 4 – Was von ihm bisher in Erinnerung bleibt an dieser EM? Einige leidenschaftlich geführte Duelle mit Frankreichs Superstar Pogba. Und vor allem: Der Song «Oh Embolo», diese Hommage an ihn, der die Fan-Herzen erobert hat. Will er allerdings das Herz von José Mourinho und Manchester United definitiv erobern, muss er sich gewaltig steigern. Er hat noch nicht nachweisen können, ein solch grosses Talent zu sein. EPA/KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT

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