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Seit Sonntag wird an den deutschen Grenzübergängen zu Österreich wieder systematisch kontrolliert. Bild: EPA/APA

«Steilpass» aus Deutschland: Auns lanciert Volksinitiative für Grenzkontrollen – diese 3 Dinge muss man über das Vorhaben wissen

Publiziert: 14.09.15, 14:39 Aktualisiert: 26.05.20, 20:52

Deutschland hat kapituliert: Am Sonntag kündigte Innenminister Thomas de Maizière die Einführung von Kontrollen an der Grenze zu Österreich an. Ziel sei, den Zustrom von Flüchltlingen nach Deutschland zu begrenzen und wieder zu einem geordneten Verfahren bei der Einreise zu kommen. «Das ist auch aus Sicherheitsgründen dringend erforderlich», sagte de Maizière. Allein in München sind am Wochenden fast 20'000 Flüchtlinge eingetroffen.

Die SVP nahm den Steilpass aus Deutschland umgehend auf. In einem Communiqué forderte sie den Bundesrat auf, umgehend systematische Grenzkontrollen durchzuführen, «wenn nötig unter Beizug der Armee, welche das Grenzwachkorps unterstützen kann». Ansonsten werde «der Strom von illegalen Migranten in unser Land ausweichen», orakelte die SVP.

Ihre Kampftruppe, die Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns), geht noch weiter. Heute stellte sie zusammen mit der Jungen SVP (JSVP) eine Volksinitiative für die Einführung von Grenzkontrollen vor. Einen weitgehend identischen Vorstoss hat Auns-Präsident Lukas Reimann bereits in der Sommersession in der Form einer parlamentarischen Initiative im Nationalrat eingereicht. Der definitive Initiativtext der Grenzsicherungs-Initiative muss von der Bundeskanzlei noch abgesegnet werden.

1. Worum geht es?

Das Abkommen von Schengen/Dublin erlaubt einem Mitgliedsland die vorläufige Rückkehr zu Grenzkontrollen, wenn «eine ernsthafte Bedrohung der öffentlichen Ordnung oder inneren Sicherheit» besteht. Die EU-Kommission sieht dies im Fall von Deutschland als gegeben. Die Schweiz ist dem Abkommen vor zehn Jahren beigetreten. Nach einem äusserst gehässigen Abstimmungskampf stimmte das Volk im Juni 2005 mit 54,6 Prozent Ja zu.

Schockplakat des Nein-Komitees zum Schengen-Beitritt. Bild: KEYSTONE

SVP und Auns haben sich damit nie wirklich abfinden können. Die am Montag vorgestellte Volksinitiative zielt zwar nicht direkt auf eine Kündigung des Abkommens. Die geforderte Einführung von «systematischen» Grenzkontrollen aber wäre mit Schengen nicht kompatibel, denn mit dem Abkommen wurden die Personenkontrollen von den Binnen- an die Aussengrenzen des Schengenraums verlagert. Faktisch müsste die Schweiz wohl austreten.

2. Warum kommt die Auns gerade jetzt?

In den letzten Jahren hat die Auns wiederholt mit einer Initiative gegen Schengen/Dublin gedroht. An der Mitgliederversammlung im Mai wurde eine entsprechende Resolution verabschiedet. Allerdings soll Auns-Mitbegründer Christoph Blocher laut der «Schweiz am Sonntag» die Bewegung ermahnt haben, «die Kräfte nicht zu zersplittern» und keine neue Volksinitiative anzupacken. Die Auns-Führung um Lukas Reimann, seinen Vorgänger Pirmin Schwander und Vizepräsident Luzi Stamm habe sich jedoch darüber hinweg gesetzt.

Christoph Blocher an der Auns-Versammlung im Mai. Bild: KEYSTONE

Aus Sicht der Auns ist der Zeitpunkt ideal. Die anhaltenden Flüchtlingsströme nach Europa und die Wahlen in knapp fünf Wochen bieten den perfekten Nährboden für eine Initiative, die der Schweiz vordergründig die Souveränität über ihre Grenzen zurückgibt. Ausserdem hat der Nationalrat letzte Woche während der grossen Asyldebatte einen SVP-Vorstoss abgelehnt, der die Einführung von Grenzkontrollen verlangte.

3. Wie gross sind die Chancen?

Die Auns ist nicht mehr so schlagkräftig wie in ihren besten Zeiten. Mit ihren rund 30'000 Mitgliedern und zusammen mit der JSVP verfügt sie aber über das Potenzial, um die Initiative zu stemmen. Bis zur Abstimmung werden jedoch mehrere Jahre vergehen. Niemand weiss, wie es mit Schengen/Dublin weitergehen wird. Die Flüchtingswelle hat dessen Schwächen schonungslos zu Tage gebracht. Das Dubliner Asylabkommen ist faktisch nicht mehr in Kraft.

Entscheidend ist, ob es den Mitgliedsstaaten gelingt, das System zu überarbeiten und einen Verteilschlüssel für Flüchtlinge zu etablieren. Die Forderung der EU von letzter Woche, die Schweiz müsse sich daran beteiligen, hat zu besorgten Reaktionen geführt. Experten glauben jedoch, die Schweiz könnte von einem solchen Modus sogar profitieren.

In diesem Fall dürfte die Auns einen schweren Stand haben. «Es ist gut möglich, dass die EU das System überdenkt», sagte auch Lukas Reimann im Interview mit dem Blick. Auf Unterstützung ausserhalb der SVP kann sie kaum zählen, die anderen Parteien wollen an Schengen/Dublin festhalten.

Stacheldraht gegen Flüchtlinge

Ungarische Soldaten bringen Zaunmaterial zur Grenze, um die letzten Lücken zu schliessen. EPA/MTI / BALAZS MOHAI
Ab sofort wird verhaftet, wer illegal die Grenze übertritt. EPA/MTI / BALAZS MOHAI
Am Montag wurden Flüchtlinge noch über die Grenze gelassen. Bild: Migranten auf dem Weg von Röszke nach Budapest. EPA/MTI / CSABA KRIZSAN
In Röszke gibt's nun kein Durchkommen mehr. EPA/MTI / ZOLTAN GERGELY KELEMEN
Flüchtlinge in Serbien: Am Wochenende hatten 10'000 Menschen die Grenze nach Ungarn überschritten. EPA/MTI / EDVARD MOLNAR
Ungarn hat auch eine herzliche Seite: Tags in der Nähe des Keleti-Bahnhofs in Budapest. Getty Images Europe / Jeff J Mitchell
Die ungarische Regierung hatte zugegeben, Flüchtlinge systematisch an die Westgrenzen des Landes befördert zu haben. Bild: Flüchtlinge besteigen einen Zug in Röszke. EPA/MTI / ZOLTAN GERGELY KELEMEN
14. September: Noch ist das Gesetz nicht in Kraft, Flüchtlinge überqueren die serbisch-ungarische Grenze. EPA/MTI / ZOLTAN GERGELY KELEMEN
Das Flüchtlings-Camp in Röszke. X01390 / MARKO DJURICA
Ärzte ohne Grenzen bezeichneten die gesundheitliche Lage im Camp als bedenklich. Getty Images Europe / Christopher Furlong
Weder Zäune noch Gesetze werden diese Menschen von der Flucht abhalten... X90146 / LASZLO BALOGH
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Vor gar nicht so langer Zeit war Ungarn noch ein Ort der Hoffnung für Flüchtlinge: 1989 öffnete das Land seine Grenzen zum Westen. Tausende DDR-Bürger flohen auf diesem Weg in die BRD. X90146 / LASZLO BALOGH
Es fällt jedoch ins Auge, dass EU-Mitgliedsstaaten mit einer ähnlich hohen Zahl eintreffender Flüchtlinge – wie Italien oder Griechenland – deutlich humaner auf diese Menschen reagieren als Ungarn. EPA/MTI / ZOLTAN BALOGH
Die UNO wirft der EU eine verfehlte Migrationspolitik vor: Die europäischen Staaten müssten sich zu einer Teilung der Lasten durchringen. X90146 / LASZLO BALOGH
... im Umgang mit diesem Strom fast ausschliesslich mit Repression. Die Polizei setzte auch schon Tränengas gegen die Flüchtlinge ein. X90146 / LASZLO BALOGH
Frontex, die EU-Grenzbehörde, schätzt, dass gut 100'000 Menschen im ersten Halbjahr 2015 über diese Route in die EU gekommen sind. Budapest setzt .... X90146 / LASZLO BALOGH
Viele Flüchtlinge überwinden die etwa anderthalb Meter hohe Stacheldrahtsperre mühe-, aber nicht schmerzlos: Die meisten von ihnen sind Syrer, die im Bürgerkrieg in ihrer Heimat noch mit weitaus Schlimmeren konfrontiert waren X90146 / LASZLO BALOGH
«Amnesty International» und ähnliche Organisationen kritisieren Orbán regelmässig, weil der rechtsgerichtete Politiker ihnen zufolge Grund- und Menschenrechte in Ungarn einschränkt. EPA/MTI / TAMAS SOKI
Der Hintergrund: Über die «Balkanroute» reisen viele Flüchtlinge in die EU ein. Obwohl die meisten von ihnen weiterreisen in Länder wie Deutschland oder Schweden, reagiert Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán mit strammer Härte auf diese Menschen. EPA/MTI / TAMAS SOKI
Die EU hat in Ungarn nur schmale Aussengrenzen: zu der Ukraine und zu Serbien. An Letzterer hat das Land aufgerüstet: Mit einem Stacheldrahtzaun sollen Flüchtlinge im Zaum gehalten werden. EPA/DPA / GREGOR MAYER

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