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Gretas Eltern haben ein Buch geschrieben – das musst du darüber wissen

Publiziert: 30.04.19, 08:06
Sabine Kuster / ch media

«Es ist spät, die Kinder schlafen. Rings um uns bricht alles zusammen. Greta ist gerade in die fünfte Klasse gekommen und es geht ihr nicht gut. Sie weint abends im Bett. Sie weint auf dem Weg zur Schule.»

So beginnt das Buch der Familie Thunberg-Ernman mit dem kitschigen Titel «Szenen aus dem Herzen», das nun auf Deutsch vorliegt. Es ist auf Schwedisch im August 2018 erschienen – also dann, als Greta Thunberg mit ihren Streiks vor dem Schwedischen Parlament begann. Das war gutes Timing. Auch das Buch selbst ist gut inszeniert: Da schreibt als Hauptautorin eine Mutter – die als die Schwedische Cecilia Bartoli gilt – nicht nur über den Klimawandel, sondern gleichzeitig über das Asperger- und ADHS-Syndrom ihrer Töchter. Das schwierige Thema um den Treibhauseffekt wurde in eine dramatische, süffige Familiengeschichte verpackt.

Daraus macht die Familie keinen Hehl. Die Mutter beschreibt, wie der Vater ein Kapitel zu schwermütig findet und noch mehr Familiengeschichte reinschreiben möchte. Und Greta antwortet: «Nein. Es kommt ja später noch genug Privates und so. Mamas Burnout und dieses ganze Zeug, das die Leute so liebend gern über Promis lesen.»

Von den vier Familienmitgliedern wird bei den Autorennamen zuerst jener von Greta genannt, der Tochter, die inzwischen den Bekanntheitsgrad der Mutter um Längen überflügelt hat. Auch so verkauft sich das Buch besser.

Kein Profit aus dem Verkauf

Wer die Familie ernsthaft kritisieren will, hat allerdings Mühe: Die Familie hat schon vor dem Erscheinen des Buches festgelegt, dass ein allfälliger Gewinn an Umweltorganisationen und Institutionen für Kinder geht.

Greta und ihre jüngere Schwester als sie noch klein waren.

Ihre Karriere als Sängerin hatte Malena Ernman für ein paar Jahre aufgegeben, als die gesundheitlichen Probleme der beiden Töchter am schlimmsten waren und die Mutter schliesslich mit der Doppelbelastung ein Burnout erlitt.

Nach der Familien-Krise wurde die Klima-Krise zum Familien-Thema. Angetrieben von der älteren Tochter Greta. Kinder mit Asperger wählen häufig ein Thema aus, in dem sie sich spezialisieren, denn das gibt Sicherheit. Und sie machen nur, was sie wirklich interessiert. Bei Greta war es das Klima. Für sie war klar, dass kein Problem wichtiger ist, als dass die Menschheit ihre Lebensgrundlage zerstört.

Greta Thunberg: Das furchtlose Mädchen von Davos

Sitzstreik für das Klima: Greta Thunberg am 25. Januar 2019 am WEF in Davos. AP/AP / Markus Schreiber
KEYSTONE / LAURENT GILLIERON
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Greta Thunberg mit François Villeroy de Galhau, Chef der französischen Nationalbank (links), und John J. Haley, CEO Willis Tower Watson, während einer Podiumsdiskussion am 25. Januar 2019. EPA/KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
Klimademonstration der Schülerinnen in Davos am 25. Januar 2019. EPA/KEYSTONE / LAURENT GILLIERON
Greta Thunberg ist zum heimlichen Star am WEF in Davos geworden. KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
Fast immer mit dabei: das Plakat mit dem Aufruf zum Klimastreik der Schüler. EPA/KEYSTONE / LAURENT GILLIERON
Greta Thunberg in Davos. AP/AP / Markus Schreiber
Greta im Kongressgebäude am 25. Januar 2019. EPA/KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
Fürs Klima vom Flugzeug auf den Zug umsteigen – und das viele, viele Stunden lang: Die junge schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg hat den langen Weg nach Davos mit der Bahn auf sich genommen. KEYSTONE / VALENTIN FLAURAUD
Schon am frühen Dienstagmorgen trat die 16-Jährige in Schweden ihre erste Etappe auf der Reise an – «Morgenzug zum Weltwirtschaftsforum in Davos», schrieb sie dazu auf Twitter. EPA/KEYSTONE / ENNIO LEANZA
Am Mittwochmittag traf sie in Davos ein. Die 16-Jährige schläft am WEF übrigens im Zelt. KEYSTONE / ENNIO LEANZA
Fahrtdauer hin und zurück: etwa 65 Stunden. Im Gepäck: ein Rucksack, ein kleiner roter Koffer und ein Demonstrationsschild mit der Aufschrift «Skolstrejk för klimatet» (Schulstreik fürs Klima). KEYSTONE / VALENTIN FLAURAUD
Weil Flugreisen viel CO2 ausstossen und damit klimaschädlich sind, entschied sie sich für die Anreise per Zug. EPA/KEYSTONE / VALENTIN FLAURAUD
Greta Thunberg trifft auf IWF-Chefin Christine Lagarde. KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
Am Mittwoch um ca. 11.50 Uhr traf Thunberg in Davos ein, wo sie sofort von nationalen und internationalen Medien belagert wurde. EPA/KEYSTONE / ENNIO LEANZA
«Ich weiss, was ich will. Und ich weiss, was richtig ist», sagte sie nach der Ankunft zu den Medien. EPA/KEYSTONE / VALENTIN FLAURAUD
Sie wolle den Mächtigen in Davos sagen, dass sie versagt hätten. EPA/KEYSTONE / VALENTIN FLAURAUD
Vom Weltwirtschaftsforum erwartet sie jedoch «nichts». EPA/KEYSTONE / VALENTIN FLAURAUD
Greta Thunberg kündigte an, bis Freitag beim WEF dabei zu sein. Sie setzt sich an vorderster Front für ein stärkeres Klimabewusstsein ein. AP/Keystone / Valentin Flauraud
Sie fordert, dass mehr gehandelt und weniger bloss über den Klimawandel geredet wird. KEYSTONE / VALENTIN FLAURAUD
KEYSTONE / VALENTIN FLAURAUD
Im Rahmen ihrer Protestaktion «Schulstreik fürs Klima» demonstriert sie jeden Freitag vor dem Reichstag in Stockholm. Die Aktion fand bereits Nachahmer in aller Welt, auch in der Schweiz. KEYSTONE / ENNIO LEANZA
Auf der Uno-Klimakonferenz im polnischen Kattowitz hatte sie im Dezember gesagt: «Wir müssen verstehen, was für ein Chaos die älteren Generationen angerichtet haben, das wir nun aufräumen und mit dem wir leben müssen.» KEYSTONE / VALENTIN FLAURAUD
Ankunft im Kongressgebäude. KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
Greta hält vor dem Arctic Basecamp in Davos eine Rede. KEYSTONE / ENNIO LEANZA

Über Gretas Idee, die Schule zu schwänzen um fürs Klima zu streiken, schreibt die Mutter am Ende des Buches: Obwohl ihr Mann und sie wüssten, welchen Risiken sich Greta aussetze, und obwohl es ihnen am liebsten wäre, sie würde die Schulstreikidee über den Haufen werfen, «unterstützen wir sie mit einem gesunden Mass an Enthusiasmus. Wir sehen, wie gut es ihr geht, wenn sie Pläne schmiedet – so gut wie seit Jahren nicht mehr.»

«Wir sehen, wie gut es ihr geht, wenn sie Pläne schmiedet – so gut wie seit Jahren nicht mehr.»

Was danach folgte, nach dem August 2018, ist bekannt. Und die Eltern unterstützten Greta. Die Mutter sagt an einer Stelle: «Vielleicht hätte ich doch lieber ein Kochbuch schreiben sollen. Oder eben eine richtige Autobiografie. Erinnerungen einer Sängerin. Nichts über Burnout oder irgendwelche Diagnosen. Ein schönes Buch (...). In dem ich mich natürlich auch zu einfacheren Umweltfragen äussere: zu Lebensmittelverschwendung, zum Gebrauch von Plastiktüten ...»

Aber genau das sei der falsche Ansatz. Kriegen wir den Klimawandel nicht in den Griff, sind andere Verbesserungen umsonst. Und auch die Technik werde uns nicht retten. «Es spielt keine Rolle, wie viele Solarzellen wir auf dem Dach aufstellen», denn das dauere zu langsam. Und: «Langsam zu gewinnen ist dasselbe wie zu verlieren», wird der amerikanische Nachhaltigkeitsexperte Alex Steffen zitiert.

Doch eine solche Botschaft – das merkte Malena Ernman selbst – wollen die Medien nicht bringen. Ihre Kolumne in einer schwedischen Zeitung wurde eingestellt, als sie nur noch übers Klima schrieb. Nicht nur dann bekam sie zu hören: «Wir verkraften die schlimmen Nachrichten nicht. Wir müssen positiv denken, sonst schalten wir ab.»

Sie solle eine «neue Geschichte» schreiben. Marlene Ernman aber findet: «Läuft dein Kind hinter die Sicherheitsabsperrung und rennt auf den Abgrund zu, brauchst du keine ‹neue Geschichte›. Du verdrängst die Gefahr nicht, weil du den Anblick nicht verkraftest. Stattdessen entwickelst du Superkräfte und bist mit jeder Faser deines Körpers darauf konzentriert, dein Kind zu retten.»

Und überdies findet sie, dass es die neue Geschichte doch bereits gebe: «Wir haben die Klimafrage längst gelöst!» Nur setzten die Lösungen grundlegende Veränderungen voraus. «Eine kräftig erhöhte CO2-Steuer zum Beispiel.» Wälder pflanzen. Keine mehr abholzen. Und: «Die Lösungen setzen voraus, dass wir unser Leben entschleunigen und beginnen, kleiner, kollektiver und lokaler zu denken.» Die Wachstumsgesellschaft akzeptiere bislang nicht, dass der Vorwärtsgang manchmal ein paar Schritte zurück bedeutet. Und die Unternehmen, die Profit aus der Gewinnung fossiler Energie machen, sollten dafür einstehen. «Nicht jeder von uns trägt Mitschuld.» Trotzdem liege die Zukunft in unseren Händen.

«Nicht jeder von uns trägt Mitschuld.»

Entschleunigt ginge es uns besser

Dass wir dazu auf einiges verzichten müssten, verschweigen die Thunberg-Ernmans nicht. Selber fliegen sie nicht mehr, die Mutter ist Vegetarierin, die Übrigen leben vegan. Und sie finden: «Den meisten von uns wird es besser gehen, wenn wir unser Leben entschleunigen und lokaler leben.» Nur so verschaffe man den nachfolgenden Generationen die nötige Zeit, Erfindungen und Lösungen zu entwickeln, auf die wir nicht gekommen sind und innert nützlicher Frist nicht zur Verfügung stehen. Sechs bis zwölf Jahre bleiben nach den Berechnungen der Forscher noch, bis der Klimawandel unumkehrbar ist. Bis dann muss die Verbrennung von Erdöl, Erdgas und Kohle auf null sein.

Greta und Svante Thunberg, Beata und Malena Ernman – «Szenen aus dem Herzen», S.-Fischer-Verlag 2019, 260 Seiten (auf Schwedisch 2018 erschienen). Bild: zvg

Niemand könne den Systemwandel allein herbeiführen. Aber eine einzige Stimme könnte die Kettenreaktion auslösen. Vielleicht war es jene der eigenen Tochter. Dann wären die inzwischen weltweiten Klimastreiks keine vorübergehende Modebewegung. Dann würden 2030 kein Erdöl, Erdgas und Kohle mehr verbrannt.

Damit ihr Buch gelesen wird, haben die Thunberg-Ernmans gute Strategien angewendet. Kitschiger Titel inklusive. Aber schwindeln tun sie nicht. Wem vor Klimaforschungsberichten graut, der sollte dieses Buch lesen. Oder keine Kinder kriegen. Vor denen man irgendwann – vielleicht in den Thailandferien – mit Erklärungsnotstand steht.

(bzbasel.ch)

Die besten Schilder des Klimastreiks

Zehntausende Klimaaktivisten gehen seit Monaten auf die Strassen, um für eine bessere Klimapolitik zu demonstrieren, und zeigen bei der Gestaltung ihrer Schilder viel Kreativität. Wir machten uns auf die Suche nach den besten Schildern. EPA/EPA / NEIL HALL
Kate, 31, aus Bern (und Texas): «Es gibt viel zu viele Arschlöcher, Pardon, Politiker auf diesem Planeten, die nur ans Geld denken. Besonders in den USA, wo ich herkomme. Diese Leute sollte man aus ihren Ämtern verbannen. Und dazu viele Bäume pflanzen, die CO2 aufnehmen.»
Petra Frey, 28, Bern: «Velo statt Tram, reparieren statt wegwerfen. Ich habe einfach jene Sachen aufgeführt, mit denen man im Alltag das Klima schonen kann. An dem Plakat haben wir eine halbe Stunde gebastelt. Dabei haben mich meine Kolleginnen kurzerhand in eine Kartonschachtel gesteckt und diese mit verschiedensten Sujets bemalt.»
Lino, 15, Aarau: «Rick and Morty ist meine Lieblingsserie. Deshalb ist auf unserem Plakat der Arm von Rick zu sehen, der aus seinem Portal herausschaut und Donald Trump den Mittelfinger zeigt. Wir haben dann in unserer Klasse Geld zusammengelegt und haben das Sujet in Aarau in einer Druckerei drucken lassen. Am Schluss haben wir es an einem alten Besenstiel befestigt, um es in die Höhe strecken zu können.»
Michael Bühler, 32, Bern: «Ist euch unsere Zukunft egal? Mein Plakat soll zeigen, wie unsere rechten Politiker und vor allem die Banken aufs Klima pfeifen und rücksichtslos Gewinne einfahren. Wir verbrennen das Geld und heizen so das Klima an! An dem Plakat habe ich etwa eine Stunde gebastelt.»
Elvira (11) und Ursula, Zürich: Was bedeutet euer Plakat? – «Wir wollen damit den Tieren eine Stimme geben. Auf sie achtet man in der ganzen Diskussion zu wenig.»
Nicole, 16, Aarau: Wie kam es zu diesem Plakat? – «Das ist ganz simpel. Wir haben im Internet gestöbert und sind dann auf diesen Spruch gekommen.»
Sämi, 14, Zürich: «Meine selbst gebastelte Puppe stellt ein Spermium dar. Weil: Es geht hier um unsere Zukunft!»
Olive, 15, Zürich: «Ich denke, dass die Politiker endlich wachgerüttelt werden müssen. Schlussendlich müssen wir aber auch Eigenverantwortung wahrnehmen.»
«Dinosaurier dachten auch, sie hätten Zeit.» EPA/EPA / ADAM BERRY
«Wir haben keine Wahl mehr, wir müssen etwas tun»: Tausende von Schülern und Studenten protestierten im November in der australischen Stadt Sydney. EPA/AAP / DAN HIMBRECHTS
In Melbourne kämpfen Schülerinnen verkleidet als Schutzengel für «Unser Klima, unsere Zukunft». EPA/AAP / DANIEL POCKETT
Bis Anfang Dezember schliessen sich weltweit mehr als 20'000 Schüler in rund 270 Städten Thunbergs Protesten an. So wie hier in Berlin ... AP/AP / Michael Sohn
... oder in Zürich.
So diese zwei Schülerinnen in Zürich. Anfang Januar halten sie eine Klima-Mahnwache am Paradeplatz.
Auch in Lausanne trotzen zahlreiche Schüler der eisigen Kälte und machen mit selbstbemalten Transparenten auf den Klimawandel aufmerksam. EPA/KEYSTONE / VALENTIN FLAURAUD
In Rom erheben die Schüler ihre Transparente zum Protest. EPA/ANSA / ANGELO CARCONI
Im Berliner Invalidenpark haben sich Mitte Januar Hunderte von Schülern versammelt, um für das Klima zu streiken.
An Kreativität mangelt es nicht. Stolz werden die Plakate am «Friday for Future» in die Luft gehoben. EPA/EPA / ADAM BERRY
Noch immer dasselbe Plakat in den Händen, sorgt Thunberg für einen riesigen Medienrummel in Davos. EPA/KEYSTONE / VALENTIN FLAURAUD
Während Thunberg versucht, die Wirtschaftselite aufzurütteln, streiken in Deutschland die Schüler weiter.
In München demonstrieren bis zu 2000 Schüler leidenschaftlich gegen die zurückhaltende Klimapolitik Deutschlands.
Auch das Alter spielt keine Rolle: Wie die «Süddeutsche» schreibt, setzen sich diese beiden Buben mit ihrem Transparent sogar in die Bäume, um besser gesehen zu werden. laif / Gordon Welters/laif
Auch die Schweizer Städte sind freitags voll mit Schülern.
Die Proteste werden immer grösser: Im Januar marschierten in der belgischen Hauptstadt Brüssel über 70'000 Menschen für ein besseres Klima. EPA/EPA / STEPHANIE LECOCQ
Kalte Temperaturen und Nieselregen tun dem Demonstrationswillen keinen Abbruch. Im Gegenteil. EPA/EPA / STEPHANIE LECOCQ
Greta Thunberg, das 17-jährige Mädchen aus Schweden, ist die Galionsfigur der Klimaschutzbewegung. Am 20. August 2018 schnappt sie sich Plakat und Stift, schwänzt das erste Mal die Schule und stellt sich mit dem Slogan «Skolstrejk för klimatet» (Schulstreik fürs Klima) vor das schwedische Reichstagsgebäude in Stockholm. EPA/TT NEWS AGENCY / HANNA FRANZEN

Wie Greta Thunberg zum Vorbild einer Generation wurde

Video: SRF / Roberto Krone

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