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Deniz Yücel verliest in seiner Videobotschaft einen Text. screenshot: twitter

Deniz Yücel in Videobotschaft: «Ich freue mich. Aber es bleibt etwas Bitteres zurück.»

Nach seiner Entlassung aus der Haft in der Türkei, wendet sich «Welt»-Korrespondent Deniz Yücel in einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit. Es sagt, noch immer wisse er nicht, warum er vor über einem Jahr verhaftet worden ist.

Publiziert: 17.02.18, 19:35

Seine scharfe Zunge hat Deniz Yücel auch in zwölf Monaten türkischer Haft nicht verloren. «Ich weiss immer noch nicht, warum ich vor einem Jahr verhaftet wurde, genauer, warum ich vor einem Jahr als Geisel genommen wurde.»

«Und ich weiss auch nicht, warum ich heute freigelassen wurde», sagt der 44-jährige Journalist in einer am Freitag verbreiteten Videobotschaft, nach seiner Landung in Berlin am späten Abend. Und setzt hinzu, eigentlich wisse er das doch ganz genau: «So wie meine Verhaftung nichts mit Recht und Gesetz (...) zu tun hat, hat auch meine Freilassung nichts mit all dem zu tun.»

Die Türkei sei ein Willkürstaat, in dem viele nur im Gefängnis sässen, weil sie «eine oppositionelle Meinung zu diesem Regime haben», legt der «Welt»-Korrespondent nach. Sein Fazit: «Natürlich freue ich mich. Aber es bleibt etwas Bitteres zurück.»

Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei waren schon nach dem Putschversuch in der Türkei 2016 in eine schwere Krise gestürzt. Ankara verhängte den Ausnahmezustand, rief «Säuberungen» aus und inhaftierte seitdem mehr als 50'000 Menschen. Der grösste Streitpunkt mit Berlin war aber zuletzt die Verhaftung Yücels im Februar 2017.

Am Freitag wurde der Journalist plötzlich aus der Haft entlassen, seine Ehefrau Dilek Mayatürk Yücel schloss ihn noch am Gefängnistor in ihre Arme. Die beiden hatten im April 2017 im Gefängnis in Silivri westlich von Istanbul geheiratet.

Yücel umarmt seine Frau nach seiner Haftentlassung.  Bild: https://twitter.com/shemmoshemmo

Die Staatsanwaltschaft wirft Yücel weiter Terrorunterstützung und Volksverhetzung vor und fordert zwischen vier und 18 Jahren Haft. Yücel und die deutsche Regierung hatten die Vorwürfe als absurd zurückgewiesen.

Gabriel hofft auf bessere Beziehungen

Aussenminister Sigmar Gabriel sieht trotz der Freilassung Yücels noch Hürden auf dem Weg zu einer Normalisierung der schwer geschädigten Beziehungen zur Türkei. Aber er äussert auch Hoffnung auf eine Verbesserung.

«Wir müssen, glaube ich, dieses Momentum nutzen jetzt, alle Gesprächsformate wieder zu beleben mit der Türkei - wissend, dass das nicht einfach wird, wissend, dass das nicht von heute auf morgen zu ganzen einfachen Zeiten führt», sagte der SPD-Politiker am Samstag auf der Münchner Sicherheitskonferenz auf Nachfrage. «Ich kenne keine andere Methode, als gute Situationen zu nutzen, um die besseren anzusteuern.»

«Ohne das Gespräch mit der türkischen Seite wüsste ich nicht, wie wir vorankommen sollen.»

Deutscher Aussenminister Sigmar Gabriel

Bei den Gesprächen mit Ankara müsse es um schwierige Themen wie den Wiederaufbau einer unabhängigen Justiz, die Menschenrechte und die Pressefreiheit in der Türkei gehen, betonte er. Man werde da nicht sofort einer Meinung sein. «Aber ohne das Gespräch mit der türkischen Seite wüsste ich nicht, wie wir vorankommen sollen.»

Türkei spielt Probleme herunter

Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim bemühte sich hingegen, die Bedeutung des Falls Yücel herunterzuspielen und die Beziehungen zu Deutschland als schon fast wieder normal darzustellen. «Einzelfälle wie der von Deniz Yücel sind nicht in der Lage, unsere Beziehungen zu stören oder gänzlich zu zerstören», sagte er am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz.

Der «Welt»-Chefredakteur Ulf Poschardt rief dazu auf, Yücel zunächst seine Ruhe zu lassen. «Wir bekommen Dutzende von Anfragen zu Deniz», schrieb Poschardt am Samstag bei Twitter. «Deniz geht es gut, er geniesst sein Leben in Freiheit, wir lassen ihn in Ruhe. Einverstanden?» Über Yücels Pläne für die kommenden Tage wurde zunächst nichts bekannt. (sda/dpa)

Deniz Yücel ist nicht der einzige. Die Türkei verhaftet weiterhin Journalisten

In der Türkei sind Mitte Dezember 2014 mindestens 24 Journalisten, TV-Produzenten und Polizisten festgenommen worden. X90138 / MURAD SEZER
Vor der Redaktion der Tageszeitung «Zaman» demonstrierten etwa 2000 Menschen gegen die Aktion. EPA/ZAMAN NEWSPAPER / SELAHATTIN SEVI
Protest in Istanbul: Die Festgenommenen sollen dem mit Präsident Erdoğan verfeindeten islamischen Prediger Fethullah Gülen nahestehen. AP/AP / Emrah Gurel
Der türkische Präsident Erdoğan hatte zuvor angekündigt, er werde die Gülen-Anhänger «bis in ihre Schlupfwinkel» verfolgen. AP/AP
Gülen war lange ein Verbündeter und Weggefährte Erdoğans gewesen, brach jedoch mit ihm, als die Regierung versuchte, das vom ihm betriebene Netzwerk von Schulen und Nachhilfeeinrichtungen unter ihre Kontrolle zu bringen. AP/Zaman / Selahattin Sevi
Der 73-Jährige lebt seit 1999 im US-Bundesstaat Pennsylvania. AP/Zaman / Selahattin Sevi
Vor den Gerichten warteten die Unterstützer der Gülen-Bewegung später am Sonntag auf die Verhafteten. Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu sprach von einem «Tag der Bewährung». EPA/EPA / TOLGA BOZOGLU
Beamte in Zivilkleidung nahmen «Zaman»-Chefredaktor Ekrem Dumanlı fest, der unter lautstarkem Protest seiner Unterstützer abgeführt wurde. EPA/EPA / ERDEM SAHIN
Vor dem Justizpalast in Istanbul demonstrierten nach den Verhaftungen Hunderte Anhänger Gülens ... AP/AP / Emrah Gurel
... während die Angehörigen warteten. Die Razzien erfolgten fast auf den Tag genau ein Jahr, nachdem die Staatsanwaltschaft umfassende Ermittlungen zu einem Korruptionsskandal im Umfeld des damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Staatschefs Erdoğan eingeleitet hatte. X01258 / STRINGER/TURKEY

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