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Krawalle im Libanon: Demonstranten in Beirut trotzen Angriffen von Hisbollah-Anhängern

Publiziert: 25.11.19, 15:50 Aktualisiert: 10.08.20, 11:59

Hisbollah-Anhänger auf den Strassen von Beirut. Bild: AP

Trotz eines nächtlichen Angriffs von Hisbollah-Anhängern auf das zentrale Lager der Demonstranten in Beirut haben erneut zahlreiche Regierungsgegner Strassen im Libanon blockiert.

Ein Aufruf zum Generalstreik fand am Montag aber nur geringe Resonanz, nachdem das Protestlager im Zentrum der libanesischen Hauptstadt in der Nacht verwüstet worden war. Die Sicherheitskräfte versuchten, die blockierten Verkehrsadern zu räumen.

Anhänger der schiitischen Hisbollah und der Amal-Bewegung hatten in der Nacht Demonstranten an einer Strassenblockade beschimpft und mit Steinen beworfen. Sicherheitskräfte stellten sich schliesslich zwischen die beiden Lager.

Hisbollah-Anhänger verwüsteten jedoch das nahegelegene Zeltlager der Protestbewegung, beschädigten umliegende Geschäfte und schlugen Autofenster ein. Nach Angaben des Zivilschutzes wurden bei dem Angriff zehn Demonstranten verletzt.

Für Reform des politischen Systems

Die Hisbollah hatte schon im Oktober ein Protestcamp gestürmt, doch damit die Demonstrationen gegen die Regierung nicht beenden können. Unter ihrem Druck trat Ende Oktober Ministerpräsident Saad Hariri zurück, der auch von der Hisbollah unterstützt wurde.

Demonstranten singen «Baby Shark» für verängstigtes Kind

Video: srf

Den Demonstranten reicht dies aber nicht: Sie wollen eine komplette Reform des politischen Systems und den Austausch der gesamten als korrupt und unfähig verschrieenen Eliten.

Trotz des nächtlichen Angriffs zeigten sich die Demonstranten auch am Montag entschlossen weiterzumachen. «Der Angriff hat uns alle, zumindest jene, die jetzt hier sind, noch entschlossener gemacht», sagte der 21-jährige Demonstrant Ajjasch, der im Stadtteil Hamra eine wichtige Verkehrsader blockierte. Mit dem Angriff wollten die politischen Parteien die Leute einschüchtern, damit sie zuhause blieben und die Proteste scheiterten, sagte er.

Bild: EPA

Ajjasch zeigte sich enttäuscht, dass die Parteien damit teilweise Erfolg hatten, da ein Aufruf zum Generalstreik nur auf geringe Resonanz stiess.

Kritik an Sicherheitskräften

Die 24-jährige Demonstrantin Ellie warf den Sicherheitskräften vor, die Hisbollah-Anhänger gewähren zu lassen. «Die Rowdys werfen Steine und beleidigen die Sicherheitskräfte, doch sie gehen nicht gegen sie vor», kritisierte sie. Anders als die Demonstranten würden sie kaum festgenommen.

Angesichts solcher Kritiker sagte Innenministerin Raja al-Hasan, die Armee und die Polizei seien die einzigen «Garanten der Stabilität des Landes». Derweil räumten die Sicherheitskräfte wichtige Strassen, die von den Demonstranten blockiert worden waren.

Die Armee teilte mit, sie habe neun Menschen nördlich von Beirut festgenommen, die am Morgen eine Strasse mit Glassplittern und brennendem Benzin zu blockieren versucht hätten.

Noch keine neue Regierung in Sicht

Auch drei Wochen nach dem Rücktritt Hariris hat Präsident Michel Aoun noch niemanden mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt. Er sagt, er sei offen für eine Regierung unter Beteiligung von Experten und Vertretern der Protestbewegung.

Die Demonstranten lehnen aber jedes Kabinett ab, dem Politiker der etablierten Parteien angehören. International wächst die Sorge, dass der Libanon weiter in die Krise abrutscht, wenn nicht rasch eine Regierung gebildet wird. (aeg/sda/afp)

Die Müllberge von Beirut

Die libanesische Regierung hat nach Massenprotesten wegen einer Müllkrise den Export des Abfalls beschlossen. AP/AP / Bilal Hussein
Das Kabinett stimmte am Montag einem Plan zu, den Müll per Schiff von zwei Firmen ausser Landes bringen zu lassen. EPA/EPA / WAEL HAMZEH
Es handele sich um eine Katastrophe, die durch jahrelange Nachlässigkeit verschuldet sei, sagte Ministerpräsident Tammam Salam. X00013 / MOHAMED AZAKIR
Die schwache Regierung wird immer wieder kritisiert, die Infrastruktur des Landes zu vernachlässigen. EPA/EPA / WAEL HAMZEH
Die Krise wurde ausgelöst, weil im Juli die wichtigste Mülldeponie der Hauptstadt Beirut geschlossen wurde. AP/AP / Bilal Hussein
Daraufhin wurde der Abfall mitten im Hochsommer wochenlang nicht abgeholt. AP/AP / Hassan Ammar
Die provisorischen Mülldeponien liefern ein Bild des Grauens. AP/AP / Bilal Hussein
Ein Rollerfahrer bahnt sich den Weg durch den Müll. AP/AP / Bilal Hussein
Den Bewohnern stinkt's. AP/AP / Bilal Hussein
Vor allem in den Sommermonaten war der beissende Geruch des Abfalls kaum auszuhalten. EPA/EPA / WAEL HAMZEH
Ein Mann sucht in den Abfallbergen nach etwas Brauchbarem. X00013 / MOHAMED AZAKIR
Die Kehrichtentsorgung funktioniert nur ungenügend. EPA/EPA / WAEL HAMZEH
Die Skyline von Beirut ist um ein Element reicher: Der Müllberg. X00013 / MOHAMED AZAKIR
Der Dreck wird provisorisch am Rand eines Flusses gelagert. X00013 / MOHAMED AZAKIR
Dies hat zuweilen sehr unschöne Folgen. AP/AP / Hassan Ammar
Die Abfalltürme werden immer höher. EPA/EPA / WAEL HAMZEH
Der ganze Dreck soll jetzt mit Schiffen ausser Land gebracht werden. EPA/EPA / WAEL HAMZEH
Höchste Zeit, dass für das Problem eine Lösung gefunden wird! X00013 / MOHAMED AZAKIR

Ein ungelöstes Problem

Video: SRF / Roberto Krone

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