Auto
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An interior view of a Google self-driving car is seen in Mountain View, California, on May 13, 2014. A white Lexus cruised along a road near the Google campus, braking for pedestrians and scooting over in its lane to give bicyclists ample space.   AFP PHOTO/Glenn CHAPMAN

Mit dem selbstfahrenden Auto von Google könnte der Verkehrs-Überwachungsstaat überflüssig werden: Blick aus dem Cockpit. Bild: AFP

Überwachung mal positiv

Wie Google als Autobauer zum Staatsfeind werden kann

Der IT-Konzern macht mit seinem selbst gelenkten Auto den Verkehrs-Überwachungsstaat überflüssig.



Dave Eggers’ Roman «Circles» ist ein typisches Beispiel für die grassierende Angst vor Big Data: Ein IT-Konzern mit sehr vielen Ähnlichkeiten zu Google dehnt seine Macht über seine Mitarbeiter und Kunden so weit aus, dass der gläserne Mensch Tatsache wird und eine Art freundlicher Faschismus entsteht, der jegliche Privatsphäre und Individualität vernichtet. Auf diese Weise wird der Big-Brother-Staat schleichend eine Realität, auch wenn er sich als Kuschelstaat tarnt, der nur das Beste für alle will.

Im Zeitalter von NSA-Abhörskandalen und Edward-Snowden-Enthüllungen muss man keineswegs paranoid sein, um sich vor einem Techno-Faschismus zu fürchten. Die Gefahr ist real, der Kampf für die Privatsphäre ein legitimes und bedeutendes Anliegen der Menschen im digitalen Zeitalter. Doch IT und Big Data müssen nicht zwangsläufig Gehilfen beim Aufbau eines Techno-Faschismus werden. Als Autobauer könnte Google im Gegenteil zu einem Staatsfeind werden. 

Keine Kindersitze, keine Sicherheitsgurten

Wer zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und Mitte der Fünfzigerjahre geboren wurde, gehört zur Babyboomer-Generation.  Sie oder er können sich an Zustände erinnern, die uns heute die Haare zu Berge stehen lassen. Der Schreibende beispielsweise war als Kind mit seinem Vater in einem Opel Kapitän unterwegs – unter Umständen, die heute als kriminell gelten würden. 

So entspannt fährt sich's im Google Car

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Video: YouTube/Google Self-Driving Car Project

Er sass nicht in einem Kindersitz, ja er war nicht einmal angegurtet, sondern er stand auf einer Mittelkonsole zwischen den Vordersitzen und schaute dem oft rauchenden Vater beim Lenken über die Schultern. Ein abruptes Bremsmanöver hätte fatale Folgen gehabt: Das Kind wäre wie ein Geschoss durch die Fensterscheibe geflogen und wäre schwer, vielleicht tödlich verletzt gewesen. 

Die Todesstrecken mussten entschärft werden

Viele Kinder waren so in den Sechzigerjahren unterwegs mit ihren Vätern, und nicht alle haben dies unversehrt überstanden. Der Autoboom der Nachkriegszeit forderte auch in der Schweiz einen hohen Blutzoll, die Zahl der Unfalltoten und Verletzten stieg bedrohlich an, der Staat musste eingreifen. Tempobeschränkungen, Entschärfung von «Todesstrecken», Gurtenzwang, obligatorische Kindersitze, Airbag und Radarüberwachung haben inzwischen die Zahl der Verkehrstoten drastisch sinken lassen.

Wer heute noch «Freude am Fahren» haben will, muss auf eine Rennstrecke in Tschechien oder ein Schneefeld in Finnland ausweichen. Auf Schweizer Strassen ist die Überwachung fast total geworden. Jedes Rotlicht und jede hundert Meter gerade Strecke wird heute mit einem Radar gesichert. «Freie Fahrt für freie Bürger» ist definitiv zur Illusion geworden, nicht weil das eine bösartige Classe politique so will, sondern weil die Stimmbürgerinnen dies zum Schutz ihrer Kinder so verlangen. 

«Macht aus dem Staat Gurkensalat!»

Der Siegeszug des Überwachungsstaates hat auch Folgen für das politische Bewusstsein der Menschen. Die Babyboomer-Generation kritisierte einst den Staat von links. Gestützt auf die Hegemonie-Theorien des italienischen Politologen Antonio Gramsci waren Polizisten, Soldaten und Beamte Helfeshelfer von kapitalistischen Ausbeutern. Um die Arbeiter zu befreien, mussten sie daher bekämpft werden. «Macht aus dem Staat Gurkensalat», lautete die legendäre Parole der Aktivisten zu Beginn der Achtzigerjahre. 

Heute kommen die Staatsfeinde von rechts. SVP-Vertreter und Organisationen wie die IG Freiheit prangern die Übermacht des Staates an und verweisen dabei auf die unzähligen Verbote im Verkehr. «Mehr Freiheit, weniger Staat» fordern neoliberale Freisinnige und hoffen, den Frust über die eingeschränkte Freiheit auf den Strassen in politisches Kapital ummünzen zu können. Dass diese Freiheit realistisch betrachtet höchstens noch morgens um drei Uhr auf einer abgelegenen Landstrasse im Thurgau existiert, wird dabei geflissentlich unterschlagen. 

Freie Fahrt für freie Bürger wird Realität

Sollte sich Google dereinst tatsächlich mit seinem Software gesteuerten Auto durchsetzen, können wir uns den gesamten Verkehrsüberwachungs-Staat schenken. Niemand rast, niemand überfährt ein Rotlicht, es gibt keine Unfalltote und Verletzte. Es gibt auch keinen Stress und Frust mehr. Autofahrer quälen sich nicht mehr durch Stau und ärgern sich nicht mehr über Radar. 

Stattdessen schauen sie sich einen Film an, erledigen auf ihrem Laptop ihre E-Mails oder geniessen die Fahrt, trinken dabei auch alkoholische Getränke und telefonieren nach Herzenslust. Es gäbe wieder eine viel sinnvollere Art von freie «Fahrt für freie Bürger». Der Staat wäre dabei vollkommen überflüssig – zumindest im Verkehr. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • smoe 05.06.2014 05:25
    Highlight Highlight Lesenswert zu diesem Thema ist auch der kürzlich erschienene Artikel «The Mathematics Of Murder: Should A Robot Sacrifice Your Life To Save Two?»[1], der sich mit der Frage beschäftigt, ob ein selbstfahrendes Auto seinen Fahrer opfern sollte, wenn er damit das Leben von mehreren anderen retten kann.

    Zum Beispiel: Wenn ein Crash unausweichlich ist, sollte das Auto (bzw. die anwesenden Autos im Kollektiv) entscheiden auf die Gegenfahrbahn zu steuern und weitere Menschen gefährden oder nach rechts, über die Klippe, was den sicheren Tod des Fahrers bedeuten würde?

    [1] http://www.popsci.com/blog-network/zero-moment/mathematics-murder-should-robot-sacrifice-your-life-save-two
  • swissda 04.06.2014 16:34
    Highlight Highlight Wer nicht selber fahren will, kann bereits heute mit dem ÖV reisen. Dafür muss er kein (wohl völlig überteuertes) Auto kaufen. Interessant werden aber die vielen kleinen elektronischen Helferlein in mühsamen Situationen werden. So denke ich beispielsweise ans Einparkieren in engen Parkhäusern, automatisches Staufahren oder das Lenken übernehmen des Steueres während langen Autobahnstrecken.
    • smoe 05.06.2014 05:17
      Highlight Highlight Abgesehen für ein paar Prestige Dingern, wird denke ich die erste grössere Verbreitung von komplett selbstfahrenden Fahrzeugen Baumaschinen, Lastwagen, Busse und dann Minivans sein.

      Das liesse sich z. B. super mit Services wie Kutsuplus[1] in Helsinki verbinden, bei dem man bequem per App eine Fahrt bestellt und dann von einem Minivan abgeholt wird, den man sich mit anderen Teilt. Die optimale Route und die Abholzeitpunkte für alle wird per Software berechnet.

      Ist zwar eigentlich nur eine aufgepimpte Version der Collectivos, die in sudamerikanischen Städten (und vielen anderen sicher auch) omnipräsent sind. Aber es braucht wohl halt eine Android/iOS App um diese Idee den "Erste Welt Menschen" schmackhaft zu machen :)

      [1] https://kutsuplus.fi/tour
  • Rondi 04.06.2014 12:45
    Highlight Highlight Wir können uns die Auswirkungen von selbst lenkenden Autos noch gar nicht richtig vorstellen. Man könnte zum Beispiel das künstlich verknappte Parkplatzangebot in der Stadt einfach so umgehen, dass man das Auto wieder nach Hause schickt...
    • Tux 04.06.2014 16:42
      Highlight Highlight Ich denke eher, dass diese Autos nicht in Privatbesitz sind, sondern einfach dann genutzt werden können, wenn sie gerade gebraucht werden - so ähnlich wie das heutige Mobility Angebot.
      Man nimmt sich einen Wagen, sitzt rein, gibt das Ziel an und der Wagen fährt los...
      In Bezug und Weitsicht auf die gechippten Menschen, bei welchen die Bankdaten mit auf dem Implantat liegen, wird die Fahrzeugmiete direkt über das Konto abgerechnet...
      Wir werden immer mehr zu Roboter und lassen es uns dekadent servieren... phuuuu

Warum der saubere Wasserstoff-Antrieb keine Chance gegen das Elektroauto hat

Hohe Reichweite, schnelles Tanken – und aus dem Auspuff kommt nur Wasser: Im Bus steckt die Brennstoffzelle bereits, im U-Boot sogar seit vielen Jahren. Nur im Auto klappt's einfach nicht. Hier sind die Gründe.

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