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Bild aus dem Jahr 2002 zeigt einen an Masern erkrankten 12 Jahre alte Jungen in einem Krankenhaus im italienischen Neapel. Nur wenige Jugendliche sind vor Masern ausreichend geschuetzt. Lediglich jeder Fuenfte ist geimpft. (KEYSTONE/AP Photo/STR) ===  ===

Bild: AP

Briefe von der Heimatfront 

Briefe von der Heimatfront

Masern aus ökologischer Haltung



Der Trend zum biologisch korrekten Konsum hat die deutsche Hauptstadt fest im Griff. Nun schwappt sie auch auf den Gesundheitssektor über: Immer weniger Eltern akzeptieren, dass sich ihre Kinder in der Schule oder auf dem Spielplatz anstecken. Sie versorgen sie vielmehr selbst: Mit handgezüchteten Krankheiten, die sonst keiner hat. 

Aktuelles Beispiel sind die Masern: Die harmlose Kinderseuche galt als nahezu ausgestorben – bis sich eine kleine Gruppe von Artenschützern der possierlichen kleinen Tiere annahm. Sie erinnern daran, dass früher die meisten Kinder Masern bei sich aufnahmen, um sie über den Winter zu bringen; ein schöner Brauch, der in unserer schnelllebigen Zeit leider verloren gegangen ist.

Immer weniger Berliner haben dabei Lust, ihre Kleinen mit Billigkrankheiten aus Fernost zu versorgen (Rumänien, Balkan). Valentin Witt, stellvertretender Vorsitzender der Aktion «Measle-Weasel – für Masern aus Freilandhaltung», arbeitet in der kleinen Krankheitsmanufaktur «Seuchen-Lädchen» im Prenzlauer Berg: «Alle unsere Seuchen werden von Hand hergestellt. Teilweise reisen wir auch in andere Bundesländer, um bedrohte Arten bei uns unterzubringen. Hier haben sie eine artgerechte Umgebung!»

Bis zu zehn Kinder arbeiten jeden Tag als ehrenamtliche Junior-Keimpfleger, messen einander regelmässig Fieber – mit einem einzigen Thermometer. So erzielen sie optimale Verbreitungsbedingungen und lernen dabei spielerisch: Masern heissen zum Beispiel einfach «Punkte», und wer am Ende der Woche die meisten Punkte gemacht hat, hat gewonnen. 

Ein Ehrgeiz, der sich auf die Eltern überträgt. Das Motto lautet: «Mein Kind ist kränker als dein Kind». Gerne gibt man mit den neuesten Errungenschaften der Kleinen an: «Meine Isabel hat schon den zweiten Keuchhusten dieses Jahr! Eventuell darf sie sogar ein Wartezimmer überspringen und direkt in die Quarantäne. Wie, dein Max hatte immer noch nicht die Windpocken? Mach' dir nichts draus, er ist halt ein Spätzünder.»

Wichtig ist dem «Seuchen-Lädchen», vergessene Krankheiten wieder bekannter zu machen. «Noch im 18. Jahrhundert kannten die Menschen fünfzehn verschiedene Wörter für Husten», sagt Witt. «Blutige Keuche, die kleine und die grosse Krächze, die kalte Luise. Das ist eine Krankheitsvielfalt, die verloren gegangen ist.» Die Bundeszentrale für Umweltschutz empfiehlt Reisenden, Berlin im Abstand von etwa 50 Kilometern zu umfahren, um das Biotop und die natürliche Auslese unter den Kleinsten bzw. Dümmsten nicht zu stören.

Leo Fischer

Bild:

Leo Fischer

Der ehemalige Chefredaktor vom Satiremagazin «Titanic» schreibt jede Woche einen «Brief von der Heimatfront». Er liefert den deutschen Invasoren in der Schweiz Schlachtpläne, wie sie die deutsche Dominanz in den Universitäten oder dem Gesundheitswesen noch stärker durchsetzen und festigen können. Er wird aber auch seinen Landsleuten mit ordentlich Humor grob aufs Dach hauen. Mehr von Leo Fischer gibt's bei Titanic. 

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