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Wie der Philipp Meier gerne zu sagen pflegt: «Die Silikonbrust ist die Burka des Kapitalismus». Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

FragFrauFreitag

Liebe Frau Freitag. Was halten Sie von ästhetischer Chirurgie? 



Gott gab mir eine markante Nase und dies stört mich eigentlich schon seit Beginn meiner Geschlechtsreife. Ich liebäugle immer wieder mit einem Eingriff, kann mich aber nie entscheiden, da eine grosse Nase im Grunde genommen schon etwas männliches ist … Sebastian, 20 

Lieber Sebastian. 

Mein Verhältnis zur ästhetischen Chirurgie ist ein ambivalentes. Ein sehr ambivalentes sogar. So ambivalent, dass es mich manchmal selber überrascht. Ich bin dafür und ich bin dagegen. Und zwar beidermassen mit viel Überzeugung.

Lassen Sie mich versuchen zu erklären, warum ich so zwiegespalten bin in dieser Frage. Dafür muss man wissen, dass ich eine Schwäche für Makel habe. Ich mag Makel wirklich sehr. Ich stehe auf abstehende Ohren und Zahnlücken und auch auf markante Nasen. Alles Vollkommene und Perfekte langweilt mich schrecklich. Es geht sogar soweit, dass ich ein sehr zärtliches Verhältnis zum Wort «Makel» an sich habe. Und ich selber besitze einige davon und wenn ich diese in Ihrem Alter auch gehasst habe, so kultiviere ich sie zwischenzeitlich erst recht.

Ich hatte in meiner Kindheit so ziemlich jede Zahnspange im Mund, die zu jener Zeit auf dem Markt zu haben war. Mein Zahnarzt versuchte mit allen Mitteln, meiner kecken Zahnstellung Meister zu werden. Mit mässigem Erfolg, wie man sehen kann. Heute könnte ich den damals so verhassten Makel chirurgisch korrigieren lassen. Er wäre in ein, zwei Stunden behoben und ich hätte eine tadelloses Lächeln. In Ihrem Alter habe ich viel darüber nachgedacht und ich wurde von gewissen Seiten stark dazu gedrängt. Aber mir fehlte das Geld für den Eingriff und so musste ich weiter damit leben.

Als ich dann nach Zürich kam und hier wegen etwas anderem einen Zahnarzt aufsuchen musste, fragte ich auch ihn danach. Seine Antwort werde ich niemals vergessen und sie hat meine Einstellung zu diesem Thema nachhaltig geprägt. Er sagte mir, dass er meine Zahnstellung sehr charmant und zu mir passend fände und ob mir eigentlich bewusst sei, wie sehr sich meine Physiognomie verändern würde. Nie mehr würde ich das Gesicht haben, dass ich die letzten fünfundzwanzig Jahre mein eigen nannte. Es wäre makelloser, zugegeben. Aber es wäre nicht mehr meins. Dies die Worte aus dem Munde eines Spezialisten, der an mir einen Kleinwagen hätte verdienen können. Ich werde dem guten Dr. Christoph Asper dafür ewig dankbar sein.

Und ich möchte Ihnen dasselbe zu Bedenken geben. Sie sind jetzt zwanzig Jahre alt. Das ist ein Alter, in welchem man noch wenig Toleranz gegenüber eigenen Unzulänglichkeiten entwickelt hat. Sie haben also eine markante Nase. Vielleicht wurden Sie deswegen gehänselt oder aufgezogen, vielleicht aber auch nicht. Wie dem auch sei, es ist nicht irgendeine Nase, es ist IHRE Nase.

Ich schaue mir sehr gerne auf schrecklichen amerikanischen Trash-TV-Kanälen Vorher-Nachher-Shows an und da wird optimiert und gewerkelt, was das Zeug hält. Da werden Nasen gebrochen und gerichtet und auf Form getrimmt. Das Ergebnis ist meistens das Gleiche. Und zwar in jeder Beziehung. Die Nasen verlieren an Charakter und sehen alle gleich aus. Nun sind wir in der Schweiz gottseidank noch nicht auf amerikanischem Niveau und die Ärzte hier können auch dezente Anpassungen mit ihrem beruflichen Ego vereinbaren. Aber die Gesichter, sie verlieren an Eigenheit.

Überlegen Sie bitte sehr gut, was sie durch einen Eingriff verlieren würden und nicht nur an den vermeintlichen Gewinn. Eine Nase ist etwas sehr Ausdrucksvolles im Gesicht und nicht nur, weil sie so zentral angebracht ist. Bitte tun Sie mir den Gefallen und geben Sie ihrer Nase noch eine Chance!

Und wenn Sie in fünf Jahren noch immer damit hadern, dann vereinbaren Sie einen Termin mit meinem Zahnarzt, der ist gut im Ausreden. Jetzt möchten Sie vielleicht wissen, in welchen Fällen ich dafür bin, das Messer anzusetzen. Ich bin immer dann dafür, wenn jemand unter seinem Aussehen leidet. Ich sehe nicht ein, warum jemand mit etwas leben muss, was seine Lebensqualität einschränkt. Weil ich davon ausgehe, dass wir nur ein Leben haben, sollten wir dieses möglichst sorgenlos verbringen dürfen. Wenn also jemand ohne Reiterhosen glücklicher ist; weg damit! Ich bin absolut dafür, dass man nach einer Diät übriggebliebenes Gewebe weg schnippelt und dass man eine Zornesfalte da weg spritzen lässt, wo kein Zorn ist. Wenn eine Frau nach der Geburt ihres Kindes mit ihrem Körper keinen Frieden mehr schliessen kann, dann soll sie die Möglichkeiten der modernen Medizin nutzen.

Ich habe nichts gegen ästhetische Chirurgie, sie gehört zu unserer Zeit, wie Photoshop und die künstliche Befruchtung. Ich finde es nur jammerschade, wenn wir zum Ziel haben, alle gleich auszusehen. Wenn Makel ausgemerzt werden müssen und Kindern schon mit zwei Jahren die Segelohren angelegt werden, vor lauter Angst, dass man sie deswegen vielleicht einmal hänseln könnte. Man kann an eigenwilligen Ohren wachsen. Und auch an einer vorwitzigen Zahnstellung oder einer markanten Nase. Nutzen Sie diese Chance!

Ich weiss, dass Sie sich über eine wohlwollende Analogie zwischen Ihrer Nase und Ihrer Männlichkeit freuen würden. Den Teufel werde ich tun, mich auf eine solche Theorie einzulassen! Schliesslich erachten Sie ihre Nase als gottgegeben und ich gehe mal davon aus, dass er sich dabei schon was gedacht hat ...

Naseweis, Ihre Kafi


 

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes. 

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Bild: Kafi Freitag

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