Wunderheiler Gröning verstärkte seine Heilströme mit Fingernägeln und Sperma
Die Dichte an Heilern und Anbietern alternativer Heilmethoden ist bei uns beispiellos. Gäbe es ein weltweites Ranking, würde die Schweiz einen Spitzenplatz belegen. Bei uns buhlen beispielsweise über 10‘000 Heiler um die Gunst von Patientinnen und Patienten, die an fragwürdige Heilmethoden glauben.
Zu den Grossen seiner umstrittenen Gilde gehört der Wunderheiler Bruno Gröning. Der Mann mit dem markanten Gesicht und dem grossen Kropf begann seine Karriere in den 1950er-Jahren. Sein früher Tod – er starb mit 52 Jahren – tat seiner Popularität keinen Abbruch.
Freundeskreise in über 100 Ländern
Seine Anhängerin Grete Häusler gründete «Freundeskreise», die heute nach eigenen Angaben in über 100 Ländern aktiv sein sollen. Auch in der Schweiz. Videos der Bewegung werden hunderttausendfach angeklickt. Deshalb ist es sinnvoll, die Bewegung weiterhin zu beleuchten.
Gröning ist 1906 in Deutschland geboren. Er war kein Kirchenlicht. Seine Schulkarriere endete nach ein paar Jahren, einen beruflichen Abschluss schaffte er nicht. Er hangelte sich von Job zu Job. Nach dem Zweiten Weltkrieg besann er sich auf seine angeblichen Heilkünste und startete seine Karriere als Wunderheiler.
Mit diesem Businessmodell startete er durch. Sein Erfolg war durchschlagend. Bald hielt er vor Tausenden Anhängern Reden und veranstaltete Heilrituale. Sein Ego und sein Selbstwertgefühl wuchsen in ungeahnte Sphären.
Entsprechend hoch war sein Anspruch: «Mein Tun und Wirken dient dazu, alle Menschen dieser Erde wieder auf den richtigen, auf den göttlichen Weg zu führen. Das ist die grosse Umkehr», verkündete er.
Mit seinen wundersamen Heilungsversprechen zog er viele kriegsgebeutelte Leute an. Vollmundig rief er ihnen zu: «Es gibt kein Unheilbar.» Folgerichtig verstand er sich als Nachfolger Christi, der ja auch Wunderheilungen vollbracht haben soll.
Göttlicher Heilstrom
Bruno Gröning versprach den Patientinnen, der göttliche Heilstrom, der durch ihn fliesse, könne sie heilen. Egal, an welchen Krankheiten sie leiden würden. Sogar Blinde würden wieder sehen und Lahme gehen.
Seinen eigenen übergrossen Kropf konnte er aber nicht heilen. Dafür hatte er eine bezeichnende Ausrede parat: Er sammle darin alle Krankheiten der Welt. Bei seinen beiden Söhnen wirkten die Heilströme ebenfalls nicht. Beide starben im Alter von neun Jahren.
Gröning hatte ihnen die medizinische Unterstützung verweigert, wie «Der Spiegel» vor zwei Jahren schrieb. Damit trägt er vermutlich eine Mitschuld am Tod der beiden Knaben.
Auf dem Flugblatt für einen Infoabend in Zürich, das ich vor vielen Jahren erhielt, listete der Zürcher Freundeskreis 49 Krankheiten auf, von denen Bruno-Anhänger angeblich geheilt worden seien. Die Liste reicht von der Arthrose bis zur Drogensucht, von der Epilepsie bis zur Erblindung, vom Krebs bis zur atomaren Verstrahlung.
Auf dem Prospekt wurden die Freundeskreise als die «grösste Vereinigung für geistiges Heilen in Europa» dargestellt. Obwohl die Veranstaltung öffentlich war, wurde ich aus dem Saal verwiesen.
Seine Heilkräfte konnte Gröning angeblich auch in Gegenstände leiten, die seine Anhängerinnen als Kraftträger bei den Heilritualen benutzten. Gröning bildete Kugeln aus der Stanniolfolie seiner Zigarettenpackungen, in die er Schnipsel von seinen Finger- und Zehennägeln, Haarbüschel und Reste seines Spermas wickelte. Diese Kugeln werden von den Anhängerinnen und Anhängern wie Reliquien verehrt.
Die Freundeskreise dokumentieren die angeblichen Heilungen der Anhängerinnen akribisch. 18‘000 sollen es insgesamt sein, wie ein aktueller Bericht des Norddeutschen Rundfunks NDR mit dem Titel «Die gefährlichen Versprechen von Bruno Gröning» festhält. Diese bestehen mehrheitlich aus Schilderungen von Gröning-Anhängern. Die Berichte werden nicht wissenschaftlich oder von unabhängigen Fachleuten überprüft.
Kritisch gegenüber Schulmedizin
Viele Patientinnen und Patienten lehnen auch bei schweren Symptomen schulmedizinische Untersuchungen und Therapien ab. Die Freundeskreise verbieten diese zwar nicht, doch bei den Treffen und Vorträgen dringt stets die Botschaft von Gröning durch, dass die Teilnehmer sich auf die Heilströme von Gröning verlassen sollen. Ausserdem berichten Aussteiger, dass die Therapien der Schulmedizin kritisch beurteilt werden.
Es gibt Berichte von Aussteigern und Angehörigen, wonach Gröning-Anhänger gestorben seien, weil sie sich geweigert hätten, sich rechtzeitig in ein Spital einweisen zu lassen.
Als verhängnisvoll erweist sich auch die Doktrin, dass Schmerzen Ausdruck der Heilung seien. Gröning riet seinen Anhängerinnen, sich gedanklich nicht mit ihrer Krankheit zu befassen, weil sonst das Fliessen der Heilkräfte gestört werde.
In der TV-Dokumentation berichtet eine Frau, dass ihre krebskranke Schwester auf dem Sterbebett von Schuldgefühlen geplagt worden sei. Sie habe geglaubt, alles falsch gemacht zu haben. «Sie ist mit dem Gefühl des persönlichen Versagens gestorben.»
Dazu sagte Dieter Häusler, der Sohn von Grete Häusler: «Ich weiss, dass es solche Sachen gibt.» Er bedauere es sehr, doch wenn er die Freundeskreise auflöse, würde vielen Menschen die Heilung verwehrt bleiben.
Wegen fahrlässiger Tötung verurteilt
Gröning kam mehrfach mit dem Heilpraktikergesetz in Konflikt und wurde 1951 zum ersten Mal angeklagt. Er missachtete jedoch das gerichtlich angeordnete Verbot, weiterhin als Heiler tätig zu sein.
1955 wurde ihm die fahrlässige Tötung eines 17-jährigen lungenkranken Mädchens zur Last gelegt. Der Heiler wurde 1958 in zweiter Instanz zu einer achtmonatigen bedingten Gefängnisstrafe verurteilt.
Ende 1958 kam es zur grossen Entlarvung von Gröning. Der Wunderheiler erkrankte an Darmkrebs. Er reiste heimlich nach Paris, um sich in einem Spital operieren zu lassen. Da sich der Krebs schon zu stark ausgebreitet hatte, blieb die Therapie erfolglos: Gröning starb am 26. Januar 1959.
Sektenhafte Mentalität
Seine Anhänger wurden nicht stutzig, sondern verklärten seinen Tod. Sie behaupteten, seine gestauten «Heilkräfte» hätten ihn innerlich verbrannt.
Da wundert es nicht, dass Georg Schmid, der frühere Leiter der Beratungsstelle relinfo.ch, zum Urteil kam, der Bruno-Gröning-Freundeskreis sei «beinahe ein Modellfall für sektenhafte Mentalität».
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
Du kannst Hugo Stamm auf Facebook folgen und seinen Podcast findest du auf YouTube.
