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K&K lieben das Leben. Aber sowas von. Trotz allem. Bild:kafi freitag



Hallo Kafi. In meinem Leben läuft alles rund. Ich habe eine super tolle Familie, die immer für mich da ist. 

Sehr gute Freundinnen und Freunde auf die ich immer zählen kann und seit einem Jahr bin ich noch in einer sehr glücklichen Beziehung. Im Sommer habe ich die KV-Lehre abgeschlossen und bin jetzt Festangestellt. Ich bin wirklich sehr glücklich und zufrieden mit meinem Leben ich habe alles was ich brauche und schätze dies jeden Tag. Für die Zukunft habe ich tolle Ziele und viele Träume das gibt mir jeden Tag kraft und macht mich zufrieden, auch an Tagen an denen verschiedene Sachen nicht rund laufen (Job, Freunde, Stress etc.)! Aber jetzt zu meiner Frage: darf man überhaupt so glücklich sein? Es geschehen auf der Welt so viele schlimme und ungerechte Sachen, dass ich manchmal denke, es sei ungerecht, dass ausgerechnet ich so glücklich bin. Selma, 20

Liebe Selma

Wie Sie vielleicht wissen, habe ich eine Schwäche für Ironie. Ich mag die feinen Zwischentöne, wenn man was nicht ganz ernst meint, das Gesagte aber mit dem ernsten Brustton der Überzeugung bringt. Und nein, in der Schweiz ist man damit oft überfordert, ich sehe das oft wenn ich die Kommentare zu meinen Antworten lese. Ich bin dann immer etwas erstaunt, wie sehr diesbezüglich meine deutschen Gene durchdrücken. Aber warum ich das alles überhaupt schreibe, werden Sie sich fragen.

Unsere ewige Unzufriedenheit ist eine wahrhaftige Ohrfeige ins Gesicht aller Flüchtlinge dieser Erde und jedes hungernden oder unterdrückten Menschen wo auch immer.



Nun ja, Ihre Frage, ich hätte sie ohne grossen Aufwand mit ironischem Unterton beantworten können. Hätte schreiben können, dass Sie gefälligst geknickt durchs Leben gehen und mal bitte sehr etwas traurig aus der Wäsche schauen sollen. Dass es in Zeiten wie diesen vollends unpassend ist, wenn man guter Laune ist oder sich sogar als glücklich bezeichnet. Eine Frechheit gar! Und überhaupt. Aber das werde ich nicht tun. Es versteht ja eh keiner. Perlen vor die Säue, sage ich da nur. Stattdessen werde ich Ihnen sagen, wie es wirklich ist:

Es ist nicht nur Ihr gutes Recht, trotz allem was an Schlimmem auf dieser Welt passiert, glücklich zu sein. Es ist sogar Ihre heilige Pflicht, gopfnonemol! Wir leben in einem der sichersten und reichsten Länder dieser Welt. Wir haben die besten Startbedingungen für ein sehr erfülltes und zufriedenes Leben. Und leben es dann meistens doch nicht. Weil wir immer mehr wollen. Von allem. Nie sehen und begreifen, was wir eigentlich haben. Und das sehe ich als viel schlimmer an, als wenn wir trotz stürmischer Zeiten glücklich sind. Unsere ewige Unzufriedenheit ist eine wahrhaftige Ohrfeige ins Gesicht aller Flüchtlinge dieser Erde und jedes hungernden oder unterdrückten Menschen wo auch immer.

Wenn wir nicht begreifen, dass wir die Welt zu einer besseren machen, wenn wir unserer eigenen privilegierten Ausgangslage endlich einmal bewusst werden und aufhören, uns über Kleinkram zu grämen und ständig mehr wollen, anstatt das Vorhandene zu lieben und zu schätzen, dann haben wir den Sinn des Lebens nicht begriffen. Wir tragen Verantwortung dafür, dass wir es so verdammt gut haben. Das heisst nicht, dass wir Schuldgefühle dafür hegen sollen, im Gegenteil. Aber es heisst, dass wir das Beste daraus machen müssen und dafür sorgen, dass wir im Einklang mit uns selber und unseren Nächsten leben. Wenn Sie glücklich sind, liebe Selma, dann profitiert Ihr nächstes Umfeld direkt davon. Und davon wiederum das weitere Umfeld. Ich habe es in meiner Antwort betreffend Paris so formuliert: «Nächstenliebe ist kein naives Konzept. Sie ist der allererste Dominostein, der diese Welt zu einer besseren verändern kann.»

Geniessen Sie Ihr Leben in vollen Zügen. Seien Sie so glücklich, wie Sie nur können. Und teilen Sie dieses Gefühl mit möglichst vielen Menschen. Das ist Ihre Verpflichtung. Das ist Ihre Verantwortung.

Mit glücklichem Gruss. Ihre Kafi.

Fragen an Frau Freitag? ​ 

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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Bild: Kafi Freitag

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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Miicha 27.11.2015 08:52
    Highlight Highlight Abgesehen vom Thema... was für ein herziges Foto Kafi :-)
    • kafi 27.11.2015 13:17
      Highlight Highlight oh Danke vielmals <3
  • Anam.Cara 26.11.2015 07:18
    Highlight Highlight Liebe Kafi
    Als ich gestern den Artikel gelesenhatte wollte ich dazu schreiben: dem ist nichts hinzuzufügrn.
    Nachdem das Thema ein bisschen gereift ist, hab ich über Arroganz nachgedacht. Wie arrogant wirkt unser "Glücklichsein"? Und wie arrogant unser "Unglücklichsein"?
    Ich glaube, dass die Dankbarkeit den Unterschied macht. Wenn wir dankbar glücklich sind, ist das aus meiner Sicht völlig ok...
  • Bruno Wüthrich 25.11.2015 19:19
    Highlight Highlight Die Antwort von Frau Freitag zeigt gute Ansätze, blendet aber aus, dass der Mensch anders funktioniert, wenn ihm auf hohem materiellem Niveau dauernd Angst gemacht wird. Und noch etwas blendet die Antwort aus: Der Multimillionär ist unter lauter Milliardären ein armes Schwein. Denn er kann mit denen nicht mithalten. Als materiell eingestellter Mensch würde er dies jedoch gerne. Fazit: Es geht vielen von uns zu gut, um glücklich zu sein. Von einer «Glücklichkeits-Pflicht» kann deshalb keine Rede sein. Glücklich sein ist ein Gefühl. Es kommt nicht auf Befehl. Man hat es oder man hat es nicht.
    • Lionqueen 25.11.2015 22:43
      Highlight Highlight Glücklich sein ist eine Einstellungs-Sache. Jeder kann glücklich sein, ob reich, arm oder etwas dazwischen. Grundsätzlich kommt es nicht auf das Materielle an. Wichtig sind die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Liebe die geschenkt wird. Mit Liebe meine ich nicht nur eine Beziehung sondern auch die Zuneigung von Freunden und Familie.
      Viele Denken, sie haben nicht verdient glücklich zu sein und sind dadurch automatisch unglücklich. Glücklich ist, wer sich nicht nur wünscht glücklich zu sein, sondern etwas dafür tut.
    • Bruno Wüthrich 26.11.2015 00:33
      Highlight Highlight Löwenkönigin hat recht: «Glücklich sein» kann man per Einstellung. Damit verdrängt man in der Regel das Unglücklichsein. Man schüttet das Unglück zu, versucht krampfhaft, es unter der Oberfläche zu halten. Auf Dauer gelingt dies jedoch oft nicht. Dieses Verdrängen und Unterdrücken lernt man in Seminaren , ebenso positives Denken. Doch dies ist mit natürlichem, von innen kommendem Glücklichsein nicht vergleichbar. In der Schweiz ist nur eine Minderheit der Menschen wirklich von innen glücklich. Wer es nicht ist, dem können Seminare durchaus helfen. Zur Pflicht machen können wir dies nicht.
    • Anam.Cara 26.11.2015 07:31
      Highlight Highlight @Bruno und @Loinqueen: Glück ist nach meiner Erfahrung ebenso schwer fassbar wie Liebe. Und ebenso individuell wie die Lieblingsspeise.
      Aber was ist Glück? Die Abwesenheit von Unglück und Trauer? Oder das Gefühl, weitergekommen zu sein?
      Glück nutzt sich m.E. ab. Wenn mich gestern etwas glücklich machte, macht mich dasselbe heute nur noch zufrieden...
      Vielleicht müssten wir lernen, dass Zufriedenheit auch ein tolles Gefühl und ein erstrebenswerter Zustand ist...

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