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Ein Bild ganz ohne Brustwarze. Bild:Kafi freitag

FRAGFRAUFREITAG

FragFrauFreitag

Liebe Frau Freitag. Weshalb werden eigentlich weibliche Brustwarzen zensiert und männliche nicht? 



Ich habe schon viele Leute gefragt, aber keiner konnte mir eine vernünftige Antwort geben. Zum Beispiel hat mir jemand als Grund gesagt, dass sich die weiblichen Brüste während der Pubertät verändern, aber dann müsste ja der männliche Kehlkopf auch zensiert werden. Ich hoffe, Sie können mir weiterhelfen. Damian, 16

Lieber Damian 

Eine Nippel-Frage, wie schön! 

Als ich im Mai 2012 die Frage beantwortete, ob Veganer eigentlich Sperma schlucken dürfen, war mir nicht klar, dass diese Frage mir tagtäglich neue Leser (ich verzichte hier ganz bewusst auf die weibliche Form) bescheren würde. Aber in Tat und Wahrheit ist Sperma ein viel gesuchter Begriff und ich sollte mir vielleicht überlegen, einen Blog nur darüber zu schreiben. Gleichzeitig finde ich aber, dass das Thema dann doch nicht genügend hergibt. Zumal dann, wenn man wie ich die Familienplanung bereits abgeschlossen hat. Aber nun zu Ihnen und Ihrer Frage.

Vielleicht sollte ich versuchen, in den kommenden Textabsätzen jeglichen nur erdenklichen Begriff für Brust und Brustwarze zu bringen, in der Hoffnung, dass ich mich weiterhin über eine wachsende Leserschaft erfreuen kann. Da dieser Tage bei watson Foodwoche ist, werde ich auch noch ein paar fleischliche Gedanken reinbringen, dann können die mir auf der Redaktion nichts vorwerfen und ich brauche in meiner Inbox nicht nach Nahrungsmittelfragen Ausschau zu  halten, die sowieso keine Sau interessieren. 

«Wo immer mehr gezeigt und preisgegeben wird, muss Selbstverständliches versteckt und wegretuschiert werden.»

Die Sau wird übrigens im Lebensmittelbereich vornehmlich Schwein genannt. So wie jedes Tier, wenn es erst mal zu einem Stück Fleisch geworden ist, einen anderen Namen trägt als davor. Soll vermutlich etwas Abstand schaffen zwischen Weide (die ja in der Regel ein zu klein dimensionierter Mastbetrieb ist) und dem Metzger, den wir Fleischesser per se gerne ausblenden. 

Wenn dann aus dem härzigen Kälblein ein Stück Fleisch auf dem Teller liegt, dann wollen wir darüber möglichst nicht nachdenken. Was übrigens die vorhin formulierte These auch schon wieder über den Haufen wirft, weil das Kalb auch auf dem Teller noch ein Kalb ist. Das ist ja vielleicht wieder mal eine scheiss These, gopf. 

Nun gut. Die Brustwarze, der Nippel des Anstosses. War ja früher im modernen Europa kein Problem. Aber in den prüden USA kann so ein entblösster Nippel schon mal eine Karriere wieder in Schwung bringen, wie Janet Jackson, die den Begriff Nipple-Gate geprägt hat, bewiesen hat. 

Zugegebenermassen habe ich auch keine schlüssige Antwort zu Ihrer Frage, lieber Damian. Ich weiss es ehrlich auch nicht! Aber ich denke, dass man das i-Tüpfli der weiblichen Brust nicht wirklich mit dem Adamsapfel vergleichen kann. Dann doch noch eher mit dem Penis, weil dieser bei Erregung ja auch seine Form verändert. 

Und darum geht es vermutlich auch: Die Brustwarze und das männliche Geschlechtsteil reagieren auf externe oder interne Stimulierung und diese Reaktion muss ums Verrecken versteckt werden, weil ein Zeigen dieser Wirkung in einer zum Kotzen doppelmoralischen Gesellschaft einer sexuellen Belästigung gleichkommen könnte. Und sexuelle Belästigung geht gar nicht. Schon gar nicht in den USA, die selbst Kinder, welche ein bisschen Dökterlen spielen, zu Kriminellen macht. 

Seit ein paar Jahren sieht man in den Läden Aufkleber, die man sich über die Brustwarzen kleben kann, damit man diese unter T-Shirts nicht sieht. BHs werden häufig genau aus diesem Grunde wattiert und nicht nur, damit diese dann mehr Halt geben, oder mehr aus wenig machen sollen. Alles unbändig Weibliche muss ausgemerzt werden, die Tabuisierung der weiblichen Brustwarze wäre eigentlich auch ein Thema für den Feminismus. So chli im Sinne von Porno vs. Free Nipple! Die weibliche Lust wurde schon immer recht gern zensiert, während man Frauen gleichzeitig gern zu Sexobjekten degradiert.

Und das macht das Ganze ja so pervers-absurd. Während die Werbung und die Medien uns tagtäglich mit «Sex sells» und nacktem Fleisch bombardieren, wird ein abzeichnender Nippel zu einem absoluten No-Go. Bereits 13-jährige Mädchen stellen dem Dr. Sommer Team Fragen zum Arschloch bleichen, anstatt sich Gedanken zum weiblichen Zyklus zu machen. «Oversexed but underfucked» nennt man das dann gerne. Oder aber die logische Reaktion auf eine Gesellschaft, welche die Schambehaarung zum öffentlichen Thema macht. Wo immer mehr gezeigt und preisgegeben wird, muss Selbstverständliches versteckt und wegretuschiert werden.

Vielleicht müssen männliche Eiskunstläufer demnächst weite Boxershorts tragen, damit man das Abzeichnen ihrer primären Geschlechtsteile nicht als anstössig und übergriffig interpretieren kann. Oder warum nicht gleich alles amputieren lassen, schliesslich schafft dieses ganze Sexuelle und Triebhafte eh nur Ärger. Ein Leben lang.

Danke für die tolle Frage! Ich habe mir kurz überlegt, nur noch Fragen von U20 zu beantworten. Drum; mehr davon!

Herzlich, Ihre Kafi. 

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.

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Bild: Kafi Freitag

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