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Ein Bio-Rüebli ist eine schöne Sache. Wenn man nicht gerade wie 51,2 Mio. andere Menschen auf der Flucht ist.
Ein Bio-Rüebli ist eine schöne Sache. Wenn man nicht gerade wie 51,2 Mio. andere Menschen auf der Flucht ist.
Bild: Kafi Freitag
FRAGFRAUFREITAG

Liebe Kafi. Ich bin sehr begeistert von deinen tollen Antworten und mich beschäftigt etwas, auf was ich selber keine richtige Antwort finde. 

03.04.2015, 12:3403.04.2015, 17:13

Findest du, man sollte für die Armen in Afrika oder wo auch immer spenden (regelmässig oder einmalig)? Sollte man dafür dankbar sein, dass man zu den Wohlhabenden der Welt gehört, und sich so beim Universum bedanken? Und sollten sehr reiche Menschen (millionenschwer und aufwärts) sich umso grosszügiger zeigen, auch wenn sie dieses Geld hart verdient haben? Meine Kollegen kritisieren immer Millionäre. Sie finden, das Geld könnte die Armut beenden, aber ich denke mir, wieso sollten sie soviel Vermögen abgeben, wenn ihre Arbeit ihnen dies eingebracht hat? Was denkst du? Marie, 22

Liebe Marie 

Vielen Dank für Ihre schöne Frage. Ich habe mich schon ein paar Mal zum Spenden geäussert, aber weil ich es selber ein höchst spannendes Thema finde, will ich mich gerne nochmals damit beschäftigen.

Vorab einmal: Ja, ich finde durchaus, dass man sich bewusst sein sollte, was man für ein unermessliches Glück hat, in einem Land geboren zu sein, in dem Freiheit und politische Stabilität nicht nur Worte sind, sondern Tatsache. Zur Zeit sind unglaubliche 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht. Ja, ich finde durchaus, dass wir eine Mitverantwortung tragen für Menschen, die weniger Glück haben als wir. Denn viel von unserem Luxus und Wohlstand wird auf dem Rücken genau dieser Menschen geschaffen und es wäre dumm und ignorant, wenn man das nicht sieht. Mich bringt es an den Rand der Verzweiflung, wenn ich Menschen zuhören muss, die unser Land gegen Fremde verteidigen und man denken könnte, es sei unser verdientes Privileg hier zu sein. Denn das ist es nicht. Es ist der reine Zufall, der uns hierhin geworfen hat. Beim nächsten Mal könnte es ein armes Dorf in einem Kriegsgebiet sein oder ein Slum in Indien. Dankbarkeit ist fester Bestandteil meines Lebens und vermutlich der Schlüssel zum persönlichen Glück.

Was nun das Spenden anbelangt, so finde ich es eine relativ einfache Art und Weise, sich zu engagieren. Nicht jeder von uns kann und will in ein Kriegsgebiet oder nach Afrika reisen, um sich selber zu betätigen. Mit Spenden können wir Menschen und Organisationen unterstützen, die es für uns tun. Mich nerven die Diskussionen um den Sinn und Zweck der Entwicklungshilfe. Den Luxus darüber zu urteilen, ob es sinnvoll ist oder nicht, kann sich nur leisten, wer seinen eigenen Arsch zu Hause auf ein weiches Kissen setzen kann und einen vollen Teller vor sich hat.

Aber nun zu Ihrer Frage, ob wir das Spenden den Reichen überlassen sollten oder nicht. Unbedingt, würde ich sagen! Die Reichen sollen spenden, soviel nur geht. Und die Reichen, das sind wir! Das sind Sie, liebe Marie, und das bin ich. Und alle die Menschen um uns herum, die eine Wohnung, einen Job und ein Leben haben, das sich nicht am Rande der Existenz bewegt. Ich kenne das Vorurteil, dass Reiche geizig sind und nicht teilen. Aber das stimmt nicht. Bill Gates ist der reichste Mensch der Welt und er ist der grösste private Spender der Welt. Natürlich gibt es auch unter den wohlhabenden Menschen solche, die geizig sind. Aber die gibt es in jeder Schicht.

Geld gehört in Umlauf gesetzt, damit es seinen Zweck erfüllt. Das mag nun vielleicht etwas spirituell klingen, aber ich bin sogar der Überzeugung, dass man sich und seine Kohle in einen Kreislauf bringen muss, wenn man möchte, dass Geld zu einem zurückfliesst. Das handhabe ich schon sehr lange so und für mich funktioniert es sehr gut. Als ich in Ihrem Alter war und in einer grossen finanziellen Krise steckte (das Steueramt hatte mich ein paar Jahre vom Radar verloren und dann auf einmal plötzlich wiedergefunden), da habe ich mich entschlossen, eine Patenschaft für ein Kind in Vietnam zu übernehmen. Man hätte das zu diesem Zeitpunkt für Irrsinn halten können, aber mir war klar, dass sich meine persönliche Lage mit 50 Franken mehr oder weniger pro Monat nicht gross verändern würde, während der gleiche Betrag in einem anderen Land sehr wohl entscheidend sein kann.

Heute spende ich jeden Monat einen fixen Betrag an die Ärzte ohne Grenzen. Sie sind immer die Ersten, die in einem Krisengebiet ihre Zelte aufschlagen und die Letzten, die es wieder verlassen. Vor über 20 Jahren war ich unsterblich in einen Arzt des IKRK verliebt und habe ihn, nach langer Brieffreundschaft, in Tbilisi auf einem Einsatz besucht. Dort habe ich Ärzte, Krankenschwestern und Ingenieure kennengelernt, die sich dank ihrer Ideologie Risiken aussetzen, um anderen zu helfen. Rita, eine der Krankenschwestern, wurde ein paar Jahre später im Kongo verschleppt und ermordet. Diese Menschen setzen tagtäglich ihr Leben aufs Spiel.

Ich bin kein mutiger Mensch. Ich ­reise nicht in gefährliche Gebiete, um Menschen in Not zu helfen. Aber ich unterstütze diese Helden finanziell. Das ist mein Beitrag, den ich zu leisten fähig bin und den leiste ich. Dafür habe ich mir einen Betrag festgesetzt, der mir persönlich etwas weh tut. Als Selbstständigerwerbende ist mein Einkommen starken Schwankungen ausgesetzt, dennoch überweise ich monatlichen einen fixen Beitrag. Im letzten Monat, den ich als finanziell erfolgreich bezeichnen würde, hat der gespendete Beitrag 10% meines Nettoeinkommens ausgemacht, im vorletzten war er bei etwa 16%. Unter dem Strich spende ich vermutlich etwa 13% meines Einkommens an die MSF. Zusätzlich spenden meine Geschäftspartnerin und ich bei jedem Tribute-Seminar einen Eintritt, also 95 Franken zusätzlich an die gleiche Organisation.

Wie viel Sie spenden wollen, ist Ihnen überlassen. Für mich persönlich ist es wichtig, dass es ein Betrag ist, der mich zwar nicht ruiniert, aber den ich doch etwas spüre. In vielen Religionen oder religiösen Gruppierungen kennt man den Zehnten, den man monatlich abliefert. Für mich ist dieser Betrag eine gute Grösse, weil es mehr ist als nur ein Pflaster fürs schlechte Gewissen.

Für wen Sie spenden und wie viel ist zweitrangig. Wichtig ist, DASS Sie es tun. Lassen Sie Ihr Geld arbeiten, wo es wirklich Nützliches leisten kann. Im Wissen darum, dass es in dieser Welt keine Gerechtigkeit gibt und sich das Leben nicht im Geringsten um Fairness schert.

 Mit einem ganz lieben Gruss an Sie! Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.



Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.



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