Warum gut gemeint manchmal trotzdem scheisse ist
Das mit der Love Language ist ja so eine Sache. Da meint man ZUM BEISPIEL jahrelang, seinem Liebsten einen Gefallen zu tun, wenn man sich wenigstens am Valentins- und am Hochzeitstag noch zu einem Blowjob durchringt, nur um irgendwann bei einem munteren Gespräch zu merken, dass er eigentlich auch lieber einfach ein Kärtchen und dazu ein feines Ragout bekommen hätte.
Nach Dr. Gary Chapman gibt es 5 Sprachen der Liebe:
- Lob / Anerkennung
- Zweisamkeit
- Geschenke
- Hilfsbereitschaft
- Zärtlichkeit
Für ein funktionierendes Miteinander ist es also recht wichtig, dass man selber weiss, was aus der obigen Liste einem ein Gefühl des Geliebtwerdens gibt. Und genauso wichtig ist es zu wissen, was dem Gegenüber dieses Gefühl gibt. Und – HALLO HIER NICHT WEGPENNEN – am allerwichtigsten ist es zu akzeptieren, dass man die Sprache des Gegenübers sprechen muss, damit es einen versteht. Sonst ist die ganze Liebesmüh umsonst.
Warum ich darüber nachdenke? Weil ich finde, wir müssen wieder netter werden zueinander. Dieser ewig anklagende Ton, die Missgunst und die Korrekturwut. Es ist doch irgendwie überhaupt nicht mehr schön? Und ich glaube, dass weniger Menschen das Bedürfnis hätten, jemandem ein Bein zu stellen, wenn jede und jeder für sich wüsste, dass sie gut genug sind und geliebt werden (und ja, das klingt ziemlich basic, aber viel mehr ist der Mensch eventuell eben gar nicht, auch wenn wir uns gern etwas anderes einbilden).
Drum möchte ich heute einfach einmal neongelb in die Nacht hinaus textmarkern, wie sehr es das Leben erleichtert, wenn man kurz miteinander redet bezüglich dieser Love Languages. Egal, wer mit wem: Frau mit Mann. Ex mit Freund. Mutter mit Sohn oder Dings mit Bums. Wir ticken alle nicht identisch, und um die Tickerei des jeweils anderen nicht erraten zu müssen, könnte man sie im Gespräch einfach offenlegen. Simsalabim: weniger verletzte Gefühle.
Und weniger verletzte Gefühle = weniger zerbrochene Dinge (von Tellern über Vertrauen bis hin zu Selbstwert). Und es liegen doch weissgott grad schon genug Scherben auf der Welt, drum könnt man mit ganz wenig Aufwand dazu beitragen, dass ein paar gute Dinge intakt bleiben. Für – simsalabim – wenigstens ein bisschen Frieden?
Bereits gecheckt
Auf dem Beziehungs-Level unter Erwachsenen habe ich das eigentlich schon ganz gut verinnerlicht, natürlich nicht, ohne selbst schon mehrfach alles falsch gemacht zu haben.
Als unsere Kinder noch klein waren, überraschte ich meinen Mann einmal damit, dass niemand daheim war, als er spätabends nach einem Konzert heimkam. Ich dachte, ich würde ihm damit einen Gefallen tun, weil er sich um niemanden kümmern müsste und garantiert durchschlafen könnte. Ich merkte dann schnell, dass eine Nacht allein wohl eher meine dringend benötigte Sprache der Liebe gewesen wäre. Er aber war ganz perplex, dass niemand da und die Wohnung ganz leer war. Er konnte nur schlecht schlafen, weil er sich eigentlich so gefreut hatte, endlich wieder bei uns zu sein.
Noch auf der To-do-Liste
Im Umgang mit meinen Kindern bin ich wieder Lehrling, was die Love Languages anbelangt. Vor allem, was die Interpretationsmöglichkeiten von Hilfsbereitschaft anbelangt.
Unlängst auf dem Eisfeld in Grindelwald, wo nach zwei Stunden Vorfreude und erst fünf Minuten auf dem Eis jeglicher Zauber verpuffte und meine Tochter wütend vom Eis schleifschoindelte, wurde mir erneut bewusst, dass gut gemeint manchmal auch einfach nur scheisse ist: Ich bot ihr Hilfe an (vermutlich zum fünften Mal an dem Tag), und sie fühlte sich deswegen, als habe sie offensichtlich (schon wieder!) Hilfe nötig.
Nur ein einziges Mal drehte sie sich noch zu mir um, damit sie mir zurufen konnte, ich sei «nerviger als jede Schulleiterin mit meiner blöden Besserwisserei».
Ich fragte dann zu allem Elend noch: «Aber warum Schulleiterin?»
Und sie fauchte: «Schulleiterin ist einfach wie alle Lehrerinnen und ihre Besserwisserei zusammen, von einem ganzen Schulhaus!!»
Ich drehte dann also mit dem anderen Kind meine Runden; mit dem Kind, dem ich zu Beginn exakt dasselbe gesagt hatte, als wir aufs Eis gingen: «Ich glaub, du kannst das auch ohne Hilfe, dann kippst du weniger nach vorn. Probier‘ doch mal.»
Ein Kind hörte meine Hilfsbereitschaft als besserwisserische Korrektur, während das andere die Eislaufhilfe motiviert beiseiteschleuderte und strahlend auf mich zufuhr.
Wir ticken eben nicht alle gleich.
Abends näherten sich Schulleiterin und Donnergrollen wieder an und ich fragte, wie ich es denn anders hätte sagen können, damit sie das gehört hätte, was ich gemeint habe, und sie sagte: «Gar nicht. Einfach mal in Ruhe lassen.»
Und ja, obwohl meine persönliche Lieblings-Love-Language
- Rechthaben
ist, muss ich zugeben: Da hat sie recht. Es ist ziemlich unterbewertet – und sicher auch nicht meine Stärke (siehe PS-Flut) – andere Menschen in Ruhe zu lassen; sie Dinge falsch verstehen und Wörter kurlig aussprechen zu lassen. Andere zu lange über ihre Lieblingsserie, Morning-Routine oder Investitionsstrategie reden zu lassen. Sie im Unrecht, schlendern oder Ketchup mit Senf mischen oder zwischen Brot und Honig keine Butter schmieren zu lassen. Aber wir müssen nicht alles korrigeren, verstehen und nachvollziehen können.
Vielleicht schreib ich aber doch gleich noch dem Gary Chapman und frage, ob er seine Liste nicht noch ergänzen könnte mit:
- Einander in Ruhe lassen
Und weil ich, wie gerade dargestellt, aber noch eine Liebende in Ausbildung bin, lass ich an dieser Stelle noch gar niemanden in Ruhe, sondern verausgabe mich noch ganz kurz korrigierend in den PS-en. Ab morgen gelobe ich dann Besserung.
♥️ Adié
PS: Wenn ich ZUM BEISPIEL sage, meint das nicht, dass das unbedingt in meinem Leben genau so passiert sein muss. Es ist ein BEISPIEL zur Veranschaulichung.
PPS: Unter meiner letzten Kolumne wurde geschlussfolgert, dass Kokain wieder billig geworden sein müsse, was einerseits impliziert, ich würde koksen, und andererseits, ich hätte kein Geld. Einfach FYI: Beides stimmt nicht. 💅🏽
PPPS: Ausserdem wurde prophezeit, dass ich sicher bald über Matcha-Preise und über eine Therapiestunde schreiben würde. ABER: Matcha hatte ich schon im zweiten Text (und man trinkt jetzt Ube). Und Therapie brauch ich nicht (ich schreibe).
PPPPS: Wegen des namentlich genannten Sex Toy BEISPIELS im letzten Text: Das war keine beabsichtigte Werbung, sondern quasi eine literarische Entscheidung: Es las sich in meinen Augen einfach besser als «klitorales Stimuliergerät».
PPPPPS: Vielleicht mach ich zur allgemeinen Entspannung mal einen Text mit nur Hauptsätzen und einen Steckbrief (Lieblingsdroge? Berufe? Mein Spruch für dich?). Falls jemand noch wünschen möchte, was da rein soll: Lass mich wissen. Oder komm auf Insta und stell mir dort die Frage, dann nehm ich sie die nächste Kolumne.
