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Unsere Fahrer in der Region Putumayo fühlen sich von der kolumbianischen Zentralregierung im Stich gelassen. bild: thomas schlittler

Das natürliche Misstrauen gegenüber Politikern

Die kolumbianische Kleinstadt Mocoa liegt in Trümmern. Entlang des Flussufers, wo bis vor ein paar Wochen unzählige Häuser standen, befinden sich jetzt Steinbrocken so gross wie Kühlschränke. Die 40'000-Einwohner-Stadt wurde Ende März von einer gewaltigen Schlamm- und Steinlawine überrollt.

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Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Gemäss offiziellen Angaben kamen bei der Umweltkatastrophe 323 Menschen ums Leben. Doch unser Fahrer Alfredo, mit dem wir die zerstörte Stadt passieren, schüttelt über diese Zahl nur den Kopf: «In Wahrheit sind mindestens 1000 Menschen gestorben. Seht euch das doch mal an, mehrere Stadtviertel wurden komplett ausgelöscht!»

epaselect epa05885190 View of destroyed homes at San Miguel neighborhood, affected by a mudslide in Mocoa, Colombia, 02 April 2017. Rescuers continue up efforts Sunday to find survivors of the mudslides that killed at least 234 people and injured 202 others in Mocoa, the capital of the southern Colombian province of Putumayo, officials said.  EPA/Leonardo Muñoz

Das Ergebnis der Schlammlawine in Mocoa. Bild: EPA/EFE

Auch Viehzüchter Daniel, bei dem meine Freundin Lea und ich einen Tag später im Auto sitzen, hält die offiziellen Opferzahlen für deutlich zu tief. Er ist überzeugt davon, dass die Behörden das wahre Ausmass der Tragödie bewusst verschweigen: «Sie wollen damit verhindern, dass die Kritik zu gross wird. Denn viele hier sind der Meinung, dass die Regierung zu langsam und unorganisiert auf die Katastrophe reagiert hat.»

Alfredo: «In Wahrheit sind mindestens 1000 Menschen gestorben.»

Alfredo: «In Wahrheit sind mindestens 1000 Menschen gestorben.» bild: thomas schlittler

Ich habe keine Ahnung, ob die Anschuldigungen von Alfredo und Daniel gerechtfertigt sind. Die Aussagen zeigen aber exemplarisch, wie wenig Vertrauen die Kolumbianer in ihre Regierung haben. Viele Menschen glauben, dass Politiker lügen, sobald sie den Mund aufmachen – sogar, wenn es um Opfer einer Naturkatastrophe geht.

epa05890615 Members of the Colombian Army and civil volunteers start to clean up debris in Mocoa, Colombia, 05 April 2017. The death toll has risen to 293 and hundreds are still homeless after torrential rains and mudslides devastated the city of Mocoa on 01 April.  EPA/Leonardo Munoz

Ein Blick auf Mocoa... Oder was davon noch übrig ist. Bild: EPA/EFE

Dieses Misstrauen haben wir in ganz Kolumbien gespürt, hier in der Provinz Putumayo aber besonders ausgeprägt. Das kommt nicht von ungefähr, denn das Gebiet an der Grenze zu Ecuador und Peru war viele Jahre lang nicht unter der Kontrolle der Zentralregierung. Stattdessen hatte hier die Guerillabewegung FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) das Sagen – und es herrschte Krieg.

Viehzüchter Daniel (rechts): «In Bogotá interessiert sich niemand für unsere Region.» bild: thomas schlittler

Seit dem 1. Dezember 2016 ist der Friedensvertrag mit der FARC in Kraft. Die blutige Geschichte Putumayos sollte deshalb zu Ende sein. Doch so einfach ist das nicht. Zwar hat das Abkommen mit der FARC dem kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos den Friedensnobelpreis eingebracht, doch das Vertrauen der Bevölkerung konnte er damit nicht zurückgewinnen. Viehzüchter Daniel: «Der Friedensvertrag ist eine Farce!»

Daniel sagt, dass längst nicht alle Guerillas ihre Waffen abgegeben hätten. Das wisse in der Region jedes Kind: «Einige Guerillas haben sich abgespaltet und sind weiterhin im Kokainanbau und im Kokainhandel tätig. Zudem kommen Paramilitärs und Drogenkartelle in die Region, die von der Schwächung der FARC profitieren wollen.»

Indigena Herman: «Vom Frieden profitieren werden andere.» bild: thomas schlittler

Auch Herman, ein stolzer Indígena, traut dem in Aussicht gestellten Frieden nicht: «Ich glaube nicht daran, dass die Regierung ihre Versprechen einhalten wird.» Herman rechnet damit, dass die finanzielle Unterstützung, die seiner Heimatregion für die Zeit nach der FARC zugesichert wurde, nie ankommen wird: «Vom Frieden profitieren werden andere. Zum Beispiel ausländische Ölfirmen, die jetzt das grosse Geschäft wittern – und natürlich die Politiker in Bogotá, die den Grosskonzernen bei ihren Geschäften helfen.»

Heraldo, ein weiterer Fahrer von uns, hat am eigenen Leib erfahren, wie gross in Putumayo das Misstrauen gegenüber Politikern, Behörden und Institutionen ist. Der Rechtsanwalt arbeitet für Corpoamazonia, eine öffentliche Gesellschaft, die sich für die nachhaltige Entwicklung der südlichen Amazonasgebiete Kolumbiens einsetzt. Er will den indigenen Stämmen dabei helfen, ihre Rechte wahrzunehmen und ihren Lebensraum zu erhalten.

Rechtsanwalt Heraldo: «Zu Beginn war es sehr schwierig, weil mir die Menschen nicht vertrauten.» bild: thomas schlittler

Als Heraldo seine Stelle vor eineinhalb Jahren antrat, wurde er von den Indígenas in Putumayo aber nicht mit offenen Armen empfangen: «Zu Beginn war es sehr schwierig, weil mir die Menschen nicht vertrauten.» Mittlerweile hat sich das gebessert. Heraldo spürt, dass ihm die Menschen mehr und mehr vertrauen. Jedoch nur ihm als Person. Der kolumbianische Staat als Ganzes ist davon noch weit entfernt. Das zeigt das unmissverständliche, wenig diplomatische Abschlussstatement von Viehzüchter Daniel: «In Bogotá interessiert sich niemand für unsere Region. Für die Regierung sind wir – entschuldigt bitte die Wortwahl – die Scheisse der Nation.»

Per Autostopp um die Welt – Woche 102: Von Rivera (Kolumbien) nach Lago Agrio (Ecuador)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Hades69 15.05.2017 02:23
    Highlight Der Titel hat ein Misstrauen drin und oberhalb ist eine antike Statue. Was soll uns das suggerieren?
    2 1 Melden
    • Thomas Schlittler 20.05.2017 05:58
      Highlight Soll gar nichts suggerieren. Aber ich stimme dir zu, ist nicht das beste Titelbild aller Zeiten ...
      1 0 Melden
  • Pasionaria 15.05.2017 00:22
    Highlight Ich moechte doch noch betonen, dass - wie smoe es auch bekraeftigt - berechtigterweise das Vertrauen in die Politik (weltweit) mehr und mehr am Schwinden ist.
    0 1 Melden
  • Pasionaria 15.05.2017 00:20
    Highlight Weiterhin wacker und interessiert unterwegs, toll.
    Erlaubst Du mir, Thomas, eine schuechterne, absolut nicht hetzerische Frage:
    Reichen denn Eure Kenntnisse der spanischen Sprache, angesichts Eurem doch recht kurzen Intensivkurs in Hermosillo, um solch komplexe Diskussionen mit der einheimischen Bevoelkerung fuehren zu koennen?
    Prinzipiell zweifle ich nicht an Eurem Sprachentalent, aber Du selbst hast dieses bescheidenerweise schon in Abrede gestellt?
    Erst nach jahrelangem Aufenthalt im Lande selbst gelangen mir solche Gespraeche.
    Wie gesagt, nur eine harmlose Frage.
    4 1 Melden
    • Thomas Schlittler 20.05.2017 05:55
      Highlight Eine berechtigte Frage. Es geht erstaunlich gut mit dem Spanisch. Natürlich längst nicht perfekt, aber wenn die Leute einigermassen langsam reden, verstehen wir fast alles. Und falls nicht: Ich bin ein sehr penetranter Nachfrager, wenn mich ein Thema interessiert. Kurz: Wenn ich nicht sicher bin, ob ich etwas richtig verstanden habe, bringe ich es auch nicht im Artikel.
      1 0 Melden
  • smoe 14.05.2017 18:58
    Highlight Das Vertrauen in die Politik ist zurecht tief. Allerdings sind auch viele Kolumbianer etwas gar schnell im Verbreiten eigener Ansichten und Theorien. Die offizielle Angabe der Opferzahl in Mocoa stimmt zumindest mit denen des Roten Kreuzes überein.

    Ausserdem hatten offenbar mehrere Studien von lokalen sowohl nationalen Instituten vor einem ebensolchen Vorfall u.a. wegen Entwaldung und illegalen Siedlungen in gefährdeten Zonen gewarnt.

    So wie es im Moment aussieht, sollten die Finger wohl eher in Richtung der lokalen Politiker als nach Bogotá gerichtet werden.
    3 0 Melden
  • ksayu45 14.05.2017 15:06
    Highlight Ich finde die Bildunterschrift «In Wahrheit sind mindestens 1000 Menschen gestorben.» zu einem Selfie mit Grimassen etwas unglücklich.
    9 0 Melden
    • Thomas Schlittler 20.05.2017 05:56
      Highlight Das stimmt, ist wirklich sehr unglücklich. Dickes Sorry!
      2 0 Melden
  • dF 14.05.2017 00:18
    Highlight Traurigerweise haben wir, zumindest ich, nichts von dieser Umweltkatastrophe erfahren, geschweige denn, von der Scheisse darum herum. Sondern erst durch diesen Artikel.
    0 5 Melden
  • Luca Brasi 13.05.2017 15:46
    Highlight Politik ist immer ein gutes Thema bei Autostopps. Gibt es eigentlich ein Land, dass seine Politiker mag? ;)
    9 2 Melden
    • Thomas Schlittler 20.05.2017 05:57
      Highlight Ecuador zum Beispiel! ;-) Zumindest den abtretenden Präsidenten ...
      1 0 Melden
    • Luca Brasi 20.05.2017 09:58
      Highlight Diese verrückten Ecuadorianer! Just kidding. ;)
      Freu mich schon auf den Ecuador-Artikel.
      0 0 Melden

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