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Unsere Fahrer in der Region Putumayo fühlen sich von der kolumbianischen Zentralregierung im Stich gelassen.
Unsere Fahrer in der Region Putumayo fühlen sich von der kolumbianischen Zentralregierung im Stich gelassen.bild: thomas schlittler
Per Autostopp um die Welt

Das natürliche Misstrauen gegenüber Politikern

Die kolumbianische Kleinstadt Mocoa liegt in Trümmern. Entlang des Flussufers, wo bis vor ein paar Wochen unzählige Häuser standen, befinden sich jetzt Steinbrocken so gross wie Kühlschränke. Die 40'000-Einwohner-Stadt wurde Ende März von einer gewaltigen Schlamm- und Steinlawine überrollt.
13.05.2017, 13:1613.05.2017, 18:12
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler
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Gemäss offiziellen Angaben kamen bei der Umweltkatastrophe 323 Menschen ums Leben. Doch unser Fahrer Alfredo, mit dem wir die zerstörte Stadt passieren, schüttelt über diese Zahl nur den Kopf: «In Wahrheit sind mindestens 1000 Menschen gestorben. Seht euch das doch mal an, mehrere Stadtviertel wurden komplett ausgelöscht!»

Das Ergebnis der Schlammlawine in Mocoa.
Das Ergebnis der Schlammlawine in Mocoa.Bild: EPA/EFE

Auch Viehzüchter Daniel, bei dem meine Freundin Lea und ich einen Tag später im Auto sitzen, hält die offiziellen Opferzahlen für deutlich zu tief. Er ist überzeugt davon, dass die Behörden das wahre Ausmass der Tragödie bewusst verschweigen: «Sie wollen damit verhindern, dass die Kritik zu gross wird. Denn viele hier sind der Meinung, dass die Regierung zu langsam und unorganisiert auf die Katastrophe reagiert hat.»

Alfredo: «In Wahrheit sind mindestens 1000 Menschen gestorben.»
Alfredo: «In Wahrheit sind mindestens 1000 Menschen gestorben.»bild: thomas schlittler

Ich habe keine Ahnung, ob die Anschuldigungen von Alfredo und Daniel gerechtfertigt sind. Die Aussagen zeigen aber exemplarisch, wie wenig Vertrauen die Kolumbianer in ihre Regierung haben. Viele Menschen glauben, dass Politiker lügen, sobald sie den Mund aufmachen – sogar, wenn es um Opfer einer Naturkatastrophe geht.

Ein Blick auf Mocoa... Oder was davon noch übrig ist.
Ein Blick auf Mocoa... Oder was davon noch übrig ist.Bild: EPA/EFE

Dieses Misstrauen haben wir in ganz Kolumbien gespürt, hier in der Provinz Putumayo aber besonders ausgeprägt. Das kommt nicht von ungefähr, denn das Gebiet an der Grenze zu Ecuador und Peru war viele Jahre lang nicht unter der Kontrolle der Zentralregierung. Stattdessen hatte hier die Guerillabewegung FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) das Sagen – und es herrschte Krieg.

Viehzüchter Daniel (rechts): «In Bogotá interessiert sich niemand für unsere Region.»
Viehzüchter Daniel (rechts): «In Bogotá interessiert sich niemand für unsere Region.»bild: thomas schlittler

Seit dem 1. Dezember 2016 ist der Friedensvertrag mit der FARC in Kraft. Die blutige Geschichte Putumayos sollte deshalb zu Ende sein. Doch so einfach ist das nicht. Zwar hat das Abkommen mit der FARC dem kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos den Friedensnobelpreis eingebracht, doch das Vertrauen der Bevölkerung konnte er damit nicht zurückgewinnen. Viehzüchter Daniel: «Der Friedensvertrag ist eine Farce!»

Daniel sagt, dass längst nicht alle Guerillas ihre Waffen abgegeben hätten. Das wisse in der Region jedes Kind: «Einige Guerillas haben sich abgespaltet und sind weiterhin im Kokainanbau und im Kokainhandel tätig. Zudem kommen Paramilitärs und Drogenkartelle in die Region, die von der Schwächung der FARC profitieren wollen.»

Indigena Herman: «Vom Frieden profitieren werden andere.»
Indigena Herman: «Vom Frieden profitieren werden andere.»bild: thomas schlittler

Auch Herman, ein stolzer Indígena, traut dem in Aussicht gestellten Frieden nicht: «Ich glaube nicht daran, dass die Regierung ihre Versprechen einhalten wird.» Herman rechnet damit, dass die finanzielle Unterstützung, die seiner Heimatregion für die Zeit nach der FARC zugesichert wurde, nie ankommen wird: «Vom Frieden profitieren werden andere. Zum Beispiel ausländische Ölfirmen, die jetzt das grosse Geschäft wittern – und natürlich die Politiker in Bogotá, die den Grosskonzernen bei ihren Geschäften helfen.»

Heraldo, ein weiterer Fahrer von uns, hat am eigenen Leib erfahren, wie gross in Putumayo das Misstrauen gegenüber Politikern, Behörden und Institutionen ist. Der Rechtsanwalt arbeitet für Corpoamazonia, eine öffentliche Gesellschaft, die sich für die nachhaltige Entwicklung der südlichen Amazonasgebiete Kolumbiens einsetzt. Er will den indigenen Stämmen dabei helfen, ihre Rechte wahrzunehmen und ihren Lebensraum zu erhalten.

Rechtsanwalt Heraldo: «Zu Beginn war es sehr schwierig, weil mir die Menschen nicht vertrauten.»
Rechtsanwalt Heraldo: «Zu Beginn war es sehr schwierig, weil mir die Menschen nicht vertrauten.»bild: thomas schlittler

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Als Heraldo seine Stelle vor eineinhalb Jahren antrat, wurde er von den Indígenas in Putumayo aber nicht mit offenen Armen empfangen: «Zu Beginn war es sehr schwierig, weil mir die Menschen nicht vertrauten.» Mittlerweile hat sich das gebessert. Heraldo spürt, dass ihm die Menschen mehr und mehr vertrauen. Jedoch nur ihm als Person. Der kolumbianische Staat als Ganzes ist davon noch weit entfernt. Das zeigt das unmissverständliche, wenig diplomatische Abschlussstatement von Viehzüchter Daniel: «In Bogotá interessiert sich niemand für unsere Region. Für die Regierung sind wir – entschuldigt bitte die Wortwahl – die Scheisse der Nation.»

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