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Die Karibik soll schön sein, habe ich gehört. Meiner Freundin Lea (rechts) und mir zeigt sie sich aber von ihrer allerhässlichsten Seite.
Die Karibik soll schön sein, habe ich gehört. Meiner Freundin Lea (rechts) und mir zeigt sie sich aber von ihrer allerhässlichsten Seite.bild: thomas schlittler
Per Autostopp um die Welt

Der Fluch der Karibik – oder eigentlich bin ich ja der Letzte, der sich beklagen darf

01.04.2017, 12:3502.04.2017, 04:23
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler
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Die karibische See macht mit unserem kleinen Motorboot, was sie will: Mal rauf, mal runter, mal links, mal rechts – und mit jeder Welle landet eine gesalzene Ladung Meerwasser in meinem Gesicht. Ich habe Tränen in meinen zu Schlitzen verengten Augen. Und wenn ich das Gemisch aus Meerwasser, Schweiss, Sonnencrème und Tränen mit meinem T-Shirt wegwische, wird es nicht besser. Denn auch das T-Shirt ist patschnass.

Als wir Benzin nachfüllen müssen, wage ich es, meine Kamera für einen kurzen Moment hervorzuholen, um unseren Kampf mit der Karibik festzuhalten.
Als wir Benzin nachfüllen müssen, wage ich es, meine Kamera für einen kurzen Moment hervorzuholen, um unseren Kampf mit der Karibik festzuhalten.bild: thomas schlittler

Route Teil 1: Von Puerto Jimenez ... 

So geht das eineinhalb Tage lang. Und da ich weder Buch, Smartphone noch sonst etwas Unterhaltsames aus meinem wasserdichten Sack hervorholen kann, habe ich viel Zeit zum Nachdenken. Oder besser gesagt zum innerlich Fluchen.

Platsch, Karibik im Gesicht – und ich verfluche die Regierungen Panamas und Kolumbiens, Umweltschützer, Ureinwohner, Guerillas sowie Drogenkartelle. Denn sie alle sind mitverantwortlich dafür, dass es zwischen Panama und Kolumbien bis heute keine Strassenverbindung gibt. Das Grenzgebiet, der Darién-Dschungel, gilt als eine der gefährlichsten Regionen der Welt.

Wer wie ich ohne Flugzeug von Nord- nach Südamerika reisen will – und nicht auf illegale Dschungel-Grenzüberquerungen steht – muss deshalb mit dem Schiff von Panama nach Kolumbien übersetzen.

Teil 2: ... übers Meer ...

bild: google maps

Platsch, Karibik im Gesicht – und ich verfluche die Anbieter von Segeltörns, die für den Trip nach Kolumbien pro Person rund 600 Dollar verlangen. Das hätte ich für fünf Tage Segeln, Schnorcheln und Saufen im Inselparadies sogar noch bezahlt. Die Anbieter wollten aber nicht akzeptieren, dass ich mit dem Daumen von Panama-Stadt zum Hafen von Carti reise und nicht mit ihrem überteuerten Shuttle-Bus. Busse sind mit meinem Per-Autostopp-um-die-Welt-Traum nämlich nicht vereinbar. Das bequeme und überdachte Segelschiff fiel als Option deshalb ebenfalls weg.

Platsch, Karibik im Gesicht – und ich verfluche den Typen am Hafen von Carti, der uns das kleine Motorboot vermittelt hat. Erstens, weil er uns zumindest hätte warnen können, dass die Karibik nicht immer so schön und ruhig ist, wie sie in den Hochglanz-Reisebroschüren dargestellt wird. Und zweitens, weil er uns sagt, dass die Fahrt an die kolumbianische Grenze mit dem Transportschiffchen rund acht Stunden dauert.

Für die unplanmässige Übernachtung stellt uns eine nette Kuna-Familie in einer Holzhütte Hängematten zur Verfügung. Geld akzeptieren sie für die gute Tat nicht.
Für die unplanmässige Übernachtung stellt uns eine nette Kuna-Familie in einer Holzhütte Hängematten zur Verfügung. Geld akzeptieren sie für die gute Tat nicht.bild: thomas schlittler

Teil 3: ... nach Cartagena

Nach sieben Stunden Wellentanz ist Kolumbien aber noch immer so weit weg, dass wir unplanmässig auf Unterschlupf angewiesen sind in einem Dorf der Kunas, einem indigenen Volk, das hier auf Inseln in Holzhütten lebt.

Wenn man den Motor unseres «Transportschiffes» betrachtet, wird klar, wieso wir für die Fahrt nicht 8, sondern 13 Stunden benötigen.
Wenn man den Motor unseres «Transportschiffes» betrachtet, wird klar, wieso wir für die Fahrt nicht 8, sondern 13 Stunden benötigen.bild: thomas schlittler

Platsch, Karibik im Gesicht – und ich verfluche die drei Kunas, die mit meiner Freundin Lea und mir im gleichen Boot sitzen. Vor allem ein alter Mann macht mich fertig. Er hat geschätzte 70 Jahre auf dem Buckel, steht aber fast während der gesamten Fahrt kerzengerade auf seinen dünnen Beinen und lässt die übellaunige karibische See über sich ergehen, als ob nichts wäre. Dabei wäre geteiltes Leid doch halbes Leid.

Nach insgesamt 12 Stunden auf dem Boot hat die verfluchte Karibik eine weitere Überraschung für uns parat: Regen. In Strömen. Die letzte Stunde auf dem Schiff können wir deshalb nicht einmal mehr sagen, ob wir von unten oder von oben nass werden. Irgendwann kann ich nicht mehr, es bricht aus mir heraus: Ich muss lachen. Und zwar so laut wie ein Verrückter. Ich schaue nach hinten zu Lea. Als sie mich sieht, muss sie ebenfalls lachen. Sie streckt mir dabei aber ihren Mittelfinger entgegen.

Die ganze Woche, zusammengefasst in Bildern: 

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Per Autostopp um die Welt – Wochen 95/96: Von Puerto Jimenez (Costa Rica) nach Cartagena (Kolumbien)
quelle: thomas schlittler
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In diesem Moment wird mir bewusst, dass ich der Letzte bin, der sich hier beklagen darf. Wenn jemand Grund hat zum Fluchen, dann ist es Lea – und zwar über mich! Sie könnte jetzt gemütlich im Flugzeug sitzen oder mit dem luxuriösen Segelschiff nach Kolumbien reisen. Stattdessen hat sie seit eineinhalb Tagen die Karibik im Gesicht. Und das nur, weil sie mich bei meinem bescheuerten Vorhaben unterstützt, per Autostopp und ohne Flugzeug um die Welt zu reisen. Gracias – und ein dickes Sorry!

Eine Etappe verpasst?Hier findest du sie alle:

Es war aber nicht alles schlecht in den letzten zwei Wochen. In Costa Rica durften wir mit dem Besuch im Corcovado-Nationalpark ein ganz besonderes Highlight erleben.

Die schönsten Bilder aus dem Corcovado-Nationalpark:

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Per Autostopp um die Welt Woche 95/96: Corcovado Nationalpark
quelle: thomas schlittler
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Es ist nicht Roger Hämmerlis Art, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Er will zeigen, was er draufhat und steht für seine Überzeugungen ein. Für die einen wirke das selbstbewusst, für andere arrogant. Sein Wirtschaftsstudium hat er vorzeitig beendet, weil er plötzlich mehr Interesse am App-Programmieren hatte. Lange leben konnte er davon nicht, deshalb hat er sich beim damaligen «Blick am Abend» als Journalist versucht.

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