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Per Autostopp um die Welt

Per Autostopp um die Welt: Die Sicht der Freundin

Lea am Strassenrand in Nordwestchina: «Warum kann er nicht einfach bei mir sein wie andere Freunde auch?»
Lea am Strassenrand in Nordwestchina: «Warum kann er nicht einfach bei mir sein wie andere Freunde auch?»
Bild: Thomas Schlittler
Per Autostopp um die Welt

Per Autostopp um die Welt zu reisen ist mutig. Aber es braucht mindestens gleich viel Mut, als Freundin zurückzubleiben

30.01.2016, 07:2031.01.2016, 10:07
lea wagner

Seit acht Monaten schreibt mein Freund Tom an dieser Stelle über seine Autostopp-Reise, die ihn bisher von der Schweiz nach Südostasien geführt hat. Er kriegt dafür ganz viel positives Feedback. Die Leute stellen interessiert Fragen, und oft schwingt eine Prise Anerkennung mit für den Mut, seinen Traum zu verwirklichen.

Bild
Bild: Thomas Schlittler
Lea Wagner
Die 27-Jährige ist Physiotherapeutin und lebt in Zürich. Nebenberuflich ist sie seit 2009 die Freundin des Autostopp-Weltreisenden und Watson-Bloggers Thomas Schlittler.

Schildere hingegen ich als Freundin die Situation, sind die Rückmeldungen ganz anders. Statt Anerkennung ernte ich meist Mitleid. Eigentlich schade, denn es braucht mindestens gleich viel Mut, zurückzubleiben und trotz zweijähriger Weltreise an einer Beziehung festzuhalten.

«So gross kann die Liebe nicht sein, wenn man sowas trotz Freundin alleine durchzieht.»
User über Thomas Schlittlers Vorhaben, alleine per Autostopp um die Welt zu reisen

So schön das Abenteuer «Per Autostopp um die Welt» klingt, so herausfordernd ist es für die Daheimgebliebenen. Oft wünscht man sich, der Reisende wäre selbst einmal in der umgekehrten Situation und würde das Gefühl des Zu-Hause-Bleibens am eigenen Leib erfahren.

Die User-Kritik schmerzt

Den ersten Tiefpunkt erlebe ich bereits eine Woche nach Toms Abreise im letzten Juni, und zwar beim Lesen der Online-Kommentare auf seine erste Kolumne. Ein User schreibt: «Was die Freundin dazu sagt, blieb leider unbeantwortet.»

Ein anderer User meint die Antwort zu kennen: «So gross kann die Liebe nicht sein, wenn man sowas trotz Freundin alleine durchzieht.»

Wird es mir ab jetzt wie den Stars und Sternchen ergehen, die jeweils in der Klatschpresse nachlesen können, wie es gerade um ihre Beziehung steht? Na dann, viel Spass.

Gerade war Tom noch klar im Bild, im nächsten Moment schaut mir ein verpixeltes Monster entgegen.
Lea über die Skype-Versuche mit Autostopp-Blogger Thomas

Die Monate vergehen, und obwohl wir räumlich immer weiter voneinander entfernt sind, versuchen wir, uns emotional nahe zu bleiben. Ein Skype-Telefonat alle ein, zwei Wochen hilft dabei.

Lea Wagner bei ihrem Besuch in Nordwestchina. Im Winter.
Lea Wagner bei ihrem Besuch in Nordwestchina. Im Winter.
Bild: Thomas Schlittler

Wir fühlen uns trotz Distanz nah – zumindest bis zur nächsten technischen Störung. Gerade war Tom noch klar im Bild, im nächsten Moment schaut mir ein verpixeltes Monster entgegen. Dies kann manchmal amüsant sein, meist ist es aber einfach nur nervtötend und frustrierend.

In der Zeit ohne ihn schwanke ich oft zwischen «er ist ein toller Typ, welcher dem 0815-Leben den Rücken kehrt» und «warum kann er nicht einfach bei mir sein – wie alle anderen Freunde auch?»

Ganz ehrlich, ich wüsste auch nicht, wieso man Ürümqi im Dezember besuchen sollte.
Lea

Nach einem halben Jahr schliessen sich diese beiden Dinge endlich nicht mehr aus, da ich ihn für zwei Monate besuchen gehe. Ich treffe meinen Monsieur aber natürlich nicht im karibischen Inselparadies – na klar, das wäre viel zu einfach und langweilig – sondern im eiskalten Nordwesten Chinas.

«Aber weisch, däfür hets do kei Tourischte!», versucht mich Tom zu motivieren. Ganz ehrlich, ich wüsste auch nicht, wieso man Ürümqi im Dezember besuchen sollte. Im Lonley Planet wird dieser Monat nicht einmal als Nebensaison erwähnt. Doch nicht nur das: Ürümqi ist mit über 2000 Kilometern die am weitesten vom Meer entfernte Grossstadt der Welt – und ich liebe das Meer!

Ernüchterung am Strassenrand

Kaum stehen wir an unserem ersten gemeinsamen Autostopp-Tag am Strassenrand, verabschiedet sich jegliche Blutzirkulation aus meinen Zehen. Bibbernd frage ich mich, was ich hier eigentlich genau mache. Ist das nun das Abenteuer, von dem Tom immer schwärmt?

Als uns nach zehn Minuten der erste Fahrer mitnimmt, uns zum Essen einlädt und wir Spannendes über Land und Leute erfahren, weiss ich aber, wieso diese Art zu reisen mehr Reiz hat als ein Liegestuhl im All-Inklusiv-Resort.

Ich würde ihm das Geld gerne geben, aber es gibt ein Problem und das steht neben mir mit seinem Rucksack: Tom will nicht bezahlen, da dies gegen seine Reise-Philosophie verstösst.

Meist sind wir in China verwöhnte Autostöppler und müssen nur ganz selten lange frieren. Im Hochland von Westsichuan komme ich aber an meine Grenzen. Wir warten einmal einen ganzen Tag lang und auch danach stöppeln wir mühsam von Kaff zu Kaff. Der Verkehr – und zunehmend auch meine Geduld – lassen zu Wünschen übrig.

Streit über Sinn und Unsinn dieser Reise

Als endlich ein Fahrer anhält und anbietet, uns ans 20 Kilometer entfernte Tagesziel zu fahren, bin ich schon mit einem Fuss im Auto – der Fahrer verlangt jedoch 15 Yuan (CHF 2.30) für die Fahrt.

Zwei Monate gemeinsam unterwegs: Thomas Schlittler und Lea Wagner.
Zwei Monate gemeinsam unterwegs: Thomas Schlittler und Lea Wagner.
Bild: Thomas Schlittler

Ich würde ihm das Geld gerne geben, aber es gibt ein Problem und das steht neben mir mit seinem Rucksack: Tom will nicht bezahlen, da dies gegen seine Reise-Philosophie verstösst. Auch als ich anbiete, für ihn zu bezahlen, bleibt er stur. Wir bleiben am Strassenrand zurück und streiten über Sinn und Unsinn seiner Prinzipien.

Wehe, es ist auch so saukalt wie im Nordwesten Chinas, wenn ich in die Schweiz zurückkomme ...

Trotz allem fällt mein Fazit nach acht Monaten als Freundin eines Weltenbummlers insgesamt positiv aus: Eine Beziehung trotz zweijähriger Weltreise ist möglich. Denn eine Beziehung haben heisst nicht nur, gemeinsam am gleichen Strick zu ziehen, sondern den Liebsten auch ziehen zu lassen.

Hast du eine Etappe verpasst?Hier findest du sie alle:

So hart die Trennung manchmal ist, so intensiv ist danach die Zeit zusammen. Blöd ist nur, dass unsere gemeinsamen zwei Monate bereits vorbei sind und wir nun wieder getrennt sind. Wehe, es ist auch so saukalt wie im Nordwesten Chinas, wenn ich in die Schweiz zurückkomme ...

PS:

Ja, ich weiss, nach diesem Blogpost muss ich erst recht damit rechnen, dass Wildfremde über meine Beziehung urteilen. Aber jetzt kann ich damit leben, da ich die Möglichkeit hatte, meinen Senf dazuzugeben.

Unsere Woche in Bildern:

Woche 35: Pause in Luang Prabang (Laos)

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Per Autostopp um die Welt – Woche 35: Pause in Luang Prabang (Laos)
quelle: thomas schlittler / thomas schlittler
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28 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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baggi
30.01.2016 07:44registriert Mai 2015
Herzlichen Dank für deinen Senf und vor allem für die Aussage: "Denn eine Beziehung haben heisst nicht nur, gemeinsam am gleichen Strick zu ziehen, sondern den Liebsten auch ziehen zu lassen"...!
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Hippie-ster
30.01.2016 12:21registriert Oktober 2015
Lea,

Ich kann Dir gut nachfühlen. Meine Frau hab ich beim Reisen in Neuseeland kennengelernt und wir führten danach über zwei Jahre eine Fernbeziehung. Wir haben uns bis zu acht Monate lang nicht gesehen und Skype hilft, aber eben.

Zehn Jahre danach sind wir noch zusammen, haben eine Familie gegründet und richtig happy.

Es ist nicht einfach und Du wirst noch oft zweifeln und frustriert sein, aber es wird sich lohnen. Lass Dir von Pessimisten und Besserwissern nicht die Stimmung vermiesen.
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Luca Brasi
30.01.2016 10:18registriert November 2015
Danke Frau Wagner für den Artikel. Lassen Sie sich nicht unterkriegen von Kommentaren über Beziehungen. Das machen Leute leider schon seit jeher. :(
Ich möchte Ihnen noch danken für Ihre Erste Hilfe-Massnahme für einen alten Mann nahe Fufeng.
Viel Kraft und Ausdauer wünsche ich Ihnen und dass Herr Schlittler Sie beim nächsten Mal an die Meeresküste einlädt. ;)
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Meine Mutter fährt noch Auto. Darf ich einen Fahr-Eignungstest verlangen?
Das darfst du. Ob das Strassenverkehrsamt deine Mutter dann auch tatsächlich zum Test aufbietet, entscheidet aber die Behörde und nicht du.

Eine Person darf nur dann ein Motorfahrzeug führen, wenn sie körperlich und geistig genügend leistungsfähig ist. Ist sie das nicht, liegt eine fehlende Fahreignung vor und das Strassenverkehrsamt entzieht ihr den Führerausweis. Jede Privatperson kann Zweifel an der Fahreignung einer anderen Person melden. Auch die behandelnde Ärztin oder die Polizei können eingreifen, wenn sich dies als notwendig erweist.

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