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Der Tod ist eine Gemeinheit: Nun suchen wir das ewige Leben

Roman Catholic devotees mount the image of the Black Nazarene on a hearse prior to a raucous procession to celebrate its feast day Tuesday, Jan. 9, 2018, in Manila, Philippines. A massive crowd of mos ...
Wir wollen ewig leben, doch auch Jesus musste sterben.Bild: keystone
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Der Tod ist eine Gemeinheit, das Paradies eine Illusion: Nun suchen wir das ewige Leben

Den Tod zu überlisten, ist aber auch keine Lösung.
01.07.2019, 08:23
Hugo Stamm
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Die Endlichkeit des Lebens macht das Dasein auf Erden oft zur Hölle. Denn alles, was mit dem Ableben zusammenhängt, macht Angst. Potenziert wird diese Angst durch den Umstand, dass der Tod ein ständiger Begleiter ist – auch wenn wir dies nicht immer wahrnehmen.

Jede Überquerung der Strasse, jede Fahrt mit dem Auto und jede Bergwanderung kann die letzte Stunde einläuten. Oder wir entdecken beim Duschen einen Knoten, der das Leben von einer Sekunde zur anderen auf den Kopf stellt.

Leben bedeutet Werden, Wachsen, Sterben. Und Sterben heisst Platzmachen für neues Leben. Von Wiedergeburt, Paradies oder Hölle weiss die Natur nichts.

So gesehen ist das Leben an sich eine Zumutung. Und eine Gemeinheit. Wir wissen nicht einmal, ob ein Baby mit einem Herzfehler auf die Welt kommt und nach wenigen Monaten stirbt. Solche Existenzängste führen zur Religiosität. Glaubensgemeinschaften versprechen denn auch, den Tod zu überwinden. Zwar nicht im Jammertal – genannt Erde –, sondern nach dem Tod im Paradies.

Diese Vorstellung soll der Angst vor dem Tod den Stachel nehmen. Oder zumindest Trost spenden. Das ist ein Erfolgsmodell. Oder war es zumindest früher. Entsprechend befassen sich alle Glaubensgemeinschaften mit der Frage der Transzendenz. Die Modelle sind unterschiedlich und vielfältig.

In den fernöstlichen Gesellschaften geht es primär um die Idee der Wiedergeburt, bei den Buchreligionen und monotheistischen Heilsvorstellungen wird ein Leben nach dem Tod in einer paradiesischen Umgebung gepredigt. Kleinere Glaubensgemeinschaften und Sekten verkünden eigene Theorien oder modifizierte Ideen.

Die Privilegierten der Zeugen Jehovas

Die Zeugen Jehovas zum Beispiel glauben zwar auch an die Bibel, interpretieren sie aber nach ihren Vorstellungen. Sie sind überzeugt, dass laut Johannes-Offenbarung je 12‘000 Gläubige der 12 Stämme in den Himmel eingehen werden. Da sie vor über 100 Jahren glaubten, die Endzeit breche bald an, hätte das Kontingent locker gereicht.

Es ist wie bei den 100‘000 verschiedenen Glaubensgemeinschaften und Sekten: 99‘999 liegen falsch.

Nun hat sich aber die Wiederkunft Christi verzögert, und die Zahl der Gläubigen ist in die Millionen gestiegen. Deshalb mussten sie zur Paradiesvorstellung greifen: Nachdem das Kontingent der 144'000 Privilegierten ausgeschöpft war, die nach der Endzeitschlacht im Himmel Platz finden sollen, bleiben die Überzähligen auf der Erde, die sich in ein Paradies verwandelt.

Wer hat recht, welche Jenseitsvorstellung ist die richtige? Es ist wie bei den 100‘000 verschiedenen Glaubensgemeinschaften und Sekten: 99‘999 liegen falsch. Und nur eine trifft ins Schwarze: die eigene.

Mit zunehmender Säkularisierung drängt ein neues Modell auf den Religionsmarkt: Anti-Aging. Ganze Industrien und die Alternativmedizin suchen nach dem Jungbrunnen oder dem ewigen Leben. Oder anders herum: der Vermeidung des Todes. Schliesslich stirbt niemand gern.

Mehr Vertrauen in die Wissenschaft

Viele Menschen vertrauen heute eher der Wissenschaft als Gott. Dieser ist vielleicht als Rückversicherer noch in der Hinterhand, unsere Hoffnung ruht aber primär auf der von uns Menschen gemachten Lebensverlängerung.

Doch zu welchem Preis? Der Überbevölkerung. Der Überalterung. Der Explosion der Gesundheitskosten. Der Zweiklassengesellschaft. (Nur Reiche können sich den Jungbrunnen leisten.)

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Was machbar ist, wird gemacht. Reiche werden älter, Arme sterben wie eh und je. Die Wissenschaft wird es richten. Der religiöse Glaube hat das Nachsehen. Das Paradies ist aber keine Alternative, weil es keine Garantie dafür gibt.

Leben bedeutet Werden, Wachsen, Sterben. Und sterben heisst Platzmachen für neues Leben. Von Wiedergeburt, Paradies oder Hölle weiss die Natur nichts.

Hugo Stamm; Religionsblogger
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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quelle: epa / vladimir mashatin
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137 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Abu Nid As Saasi
29.06.2019 09:42registriert Oktober 2018
Wer nie tot war kann bloss spekulieren.
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Gulasch
29.06.2019 08:07registriert März 2014
Nicht nur Anti-aging, auch Ernährung, Fitness und Gesundheit bieten eine Ersatzreligionen die selbst Atheisten anziehen!
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Händlmair
29.06.2019 08:58registriert Oktober 2017
Bereits seit meiner Schulzeit habe ich mich mit meinem Tod beschäftigt. Habe auch sehr früh erkannt, dass all die Heils-Versprechungen der Religionen und Alten Völker unrealistisch waren. Ich zähle mich seit 30 Jahren zu den Ungläubigen und habe mein Leben und mein Tot akzeptiert. Klar habe ich Angst, dass ich zu früh sterbe, klar bin ich unsicher wie sich das Sterben anfühlen wird. Aber durch die Akzeptanz des Unausweichlichen kann ich mein Leben in vollen Zügen geniessen. Ich bin mir sicher, dass es den meisten Menschen gleich gehen würde, wenn man den Tod einfach akzeptieren kann.
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