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Croatia's Mirjana Lucic-Baroni celebrates after defeating Karolina Pliskova of the Czech Republic during their quarterfinal at the Australian Open tennis championships in Melbourne, Australia, Wednesday, Jan. 25, 2017. (AP Photo/Dita Alangkara)

Mirjana Lucic-Baroni bekreuzigt sich nach dem Spiel. Bild: Keystone

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Gott, der bessere Tennisspieler? Er hätte Wichtigeres zu tun

Verhalf Gott Mirjana Lucic-Baroni beim Australian Open zum Sieg?



Glaube und Verstand sind sich spinnefeind. Wo das eine beginnt, hört oft das andere auf. Das Beispiel, das hier diskutiert werden soll, erinnert an das geflügelte Wort «Denkst du schon, oder glaubst du noch?»

Es geht um die kroatische Tennisspielerin Mirjana Lucic-Baroni bei den Australian Open. Die 34-jährige Athletin, im Ranking lediglich an 79. Stelle, schlug im Viertelfinal sensationell die Tschechin Karolina Pliskova, die als Nummer 5 geführt wird. (Im Halbfinal scheiterte Lucic-Baroni dann allerdings an Serena Williams.)

Siegerin sank zu Boden und bekreuzigte sich

Lucic-Baroni konnte ihren Triumph im Viertelfinal kaum fassen. Das ist verständlich. Dann folgte die zweite Überraschung. Sie bekreuzigte sich nach dem Sieg. Anschliessend sank sie zu Boden und tat das religiöse Ritual gleich noch einmal.

Die Tennisspielerin fand auch rasch eine Erklärung, weshalb sie gewonnen hatte. Oder wem sie den Sieg verdankte. «Ich kann das nicht glauben. Alles, was ich sagen kann, ist, dass Gott gut ist.»

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Mirjana Lucic-Baroni dankt Gott. Video: YouTube/Australian Open TV

Wir kennen dieses Ritual von vielen anderen Sportarten. Der italienische Skirennfahrer Stefano Gross bekreuzigte sich vor wenigen Tagen beim Start zum Nachtslalom von Schladming. Auch viele Fussballer – vor allem aus Südamerika – schauen nach einem Torerfolg zum Himmel und strecken die Arme in die Höhe.

Die Botschaften sind immer die gleichen: Gott hat mir den Sieg oder das Tor geschenkt. Bekreuzigen sie sich vor dem Wettkampf, bitten sie Gott um Beistand mit der Hoffnung, ihnen zum Sieg zu verhelfen.

Wer denkt, Gott würde ihn beim Wettkampf unterstützen, zeigt in religiösen Fragen das Bewusstseins eines Zehnjährigen.

Mit Verlaub: Eine solche Haltung ist nicht nur naiv, sondern egoistisch. Sie ist auch Ausdruck einer geistigen Regression. Wer denkt, Gott würde ihn beim Wettkampf unterstützen, zeigt in religiösen Fragen das Bewusstseins eines Zehnjährigen.

Glauben die Athleten tatsächlich, dass Gott nichts Besseres zu tun hat, als seine Energie darauf zu verwenden, ihnen zum Sieg zu verhelfen? Das würde bedeuten: Dieser Gott lässt es zu, dass Busse von Pilgern in Flammen aufgehen, dass christliche Frauen von Islamisten vergewaltigt werden und Kinder an schweren Krankheiten sterben, während er Sportlern zum Sieg verhilft. Gerade so, als sei Gott ein Sportfan.

Bestraft Gott die Unterlegene? Dann wäre er parteiisch

Falls Gott tatsächlich Mirjana Lucic-Baroni unterstützt hätte, wäre er parteiisch. Es könnte ja sein, dass die Verliererin Karolina Pliskova auch zu Gott gebetet hat. Das wäre dann eine Pattsituation und Gott im Dilemma. Wem soll er den Sieg schenken?

Vielleicht hat er sein Sündenregister konsultiert und gesehen, dass Lucic-Baroni gottesfürchtiger und frommer war. Oder inbrünstiger gebetet hat. Oder hat er etwa die Kroatin gewinnen lassen, weil Karolina Pliskova zu Allah betet?

Während des Tennisspiels sind viele Unschuldige vergewaltigt, ermordet und erschossen worden oder an einer schweren Krankheit gestorben. Vielleicht lag der Grund darin, dass Gott gerade am Australian Open war und keine Zeit hatte, sich um den Rest der Welt zu kümmern.

Hugo Stamm; Religionsblogger

Hugo Stamm

Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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