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Pfarrer predigen die Konzernverantwortungs-Initiative – und sorgen für Riesen-Zoff

650 Kirchgemeinden und Pfarreien zeigen Flagge und proben im Zusammenhang mit der Initiative den politischen Aufstand.



Pfarrer auf der Kanzel, Predigt

Kirchtürme als Litfasssäulen. Bild: Shutterstock

Kirchtürme werben für Gott. Sie recken sich in den Himmel, ihre Glocken machen akustisch auf das mächtige Glaubenssymbol aufmerksam. Das war vor hundert Jahren so und verhält sich heute nicht anders.

Seit ein paar Wochen erleben wir aber eine Revolution. Die Kirchtürme sind zur Litfasssäule mutiert, hängen doch riesige Plakate und lange Banderolen an unzähligen Türmen und Gemeindehäusern. Die uniforme Aufschrift: «Konzernverantwortungsinitiative Ja!»

Sagenhafte 650 Kirchgemeinden und Pfarreien zeigen Flagge und proben den politischen Aufstand. Katholische, reformierte und freikirchliche. Ein religiöses Erdbeben, das zu Erschütterungen und Verwerfungen geführt hat. Denn nicht alle sind begeistert von der politischen Aktion der christlichen Kirchen.

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Ein Gespräch mit Manuel Dubach & Heinz Bichsel, geleitet von Elisabeth Zäch, Reformierte Kirche Burgdorf. Video: YouTube/Reformierte Kirche Burgdorf

Auch Gläubige nicht. Schon gar nicht konservative Politiker, die es sonst eher noch mit den Kirchen haben. Was ist da passiert?

Wenden wir uns zuerst den kirchlichen Aktivisten zu. Ihr Komitee ist hochkarätig besetzt. Der St. Galler Bischof Markus Büchel wirbt mit dem Slogan «Ich unterstütze die Konzerninitiative, weil der Schutz der Menschenrechte und der Schöpfung weltweit gelten muss.»

Weitere Aushängeschilder sind Christoph Sigrist, der bekannte Pfarrer vom Grossmünster Zürich, Patrick Streiff, Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche, der Ethik-Professor Peter Kirchschläger usw. Der vielleicht prominenteste Befürworter ist aber der Basler Bischof Felix Gmür.

«Ich unterstütze die Konzerninitiative, weil der Schutz der Menschenrechte und der Schöpfung weltweit gelten muss.»

Zitat des St. Galler Bischofs Markus Büchel

Den vielen geistlichen Aktivisten weht allerdings ein kalter Wind ins Gesicht. So hat sich schon 2018 eine Arbeitsgruppe formiert, die die Kirchen politisch zähmen will. Initiiert wurde sie ausgerechnet von CVP-Parteichef Gerhard Pfister, Vorsitzender einer christlichen Partei. Ihm war schon das kirchliche Engagement bei der Selbstbestimmungs-Initiative und der Unternehmenssteuerreform III sauer aufgestossen.

«Tiefer Rückfall ins Mittelalter»

Zu dieser Gruppe gehören neben Theologinnen und Theologen auch der reformierte Theologieprofessor Ralph Kunz und die Nationalräte Eric Nussbaumer (SP), Claudio Zanetti (SVP, 2019 nicht wiedergewählt) und Maja Ingold (EVP, 2017 zurückgetreten). Sie behaupten, die Einmischung der Kirchen in die Politik sei ein «tiefer Rückfall ins Mittelalter».

Im Zusammenhang mit der Konzernverantwortungs-Initiative bekommt die Arbeitsgruppe Unterstützung von der hochkarätigen Aktion «christliche Frauen». Pikant dabei: An vorderster Front agiert Andrea Gmür, die Schwägerin des Basler Bischofs. Sie ist Ständerätin und Fraktionschefin der CVP, die die christliche DNA (noch) im Parteinamen trägt. Zu den Erstunterzeichnerinnen ihres offenen Briefes an die Kirchen gehören auch FDP-Präsidentin Petra Gössi, CVP-Nationalrätin Marianne Binder-Keller und ihre Kolleginnen Esther Friedli (SVP) und Isabelle Chevalley (GLP).

Mission von der Kanzel

Sie schreiben in einem offenen Brief von einer einseitigen Parteinahme und einer Mission von der Kanzel. Eine Einteilung in gute und schlechte Christen sei unstatthaft. Sie verwahren sich ausserdem, unsere Unternehmen in Generalverdacht zu stellen.

Da fragt man sich, ob die «christlichen Frauen» ebenfalls das christliche Etikett für eine politische Aktion zu Gunsten internationaler Konzerne (miss-)brauchen. Ethische Argumente können sie – im Gegensatz zu den kirchlichen Initiativbefürwortern – nicht ins Feld führen.

Das politische Engagement vieler Kirchgemeinden ist für die katholische und reformierte Kirche zu einer Zerreissprobe geworden. Den Exponenten, die von den Kanzeln für die Initiative werben, bläst oft ein eisiger Wind aus den eigenen Reihen entgegen. Die Initiative spaltet viele kirchliche Institutionen, die Emotionen gehen hinter der Kulisse oft hoch.

Werden die Kirchen zu Parteien?

Was ist vom politischen Engagement der Geistlichen zu halten? Grundsätzlich dürfen sie sich politisch einmischen, schliesslich haben sie dieselben Bürgerrechte wie wir alle. Dass sie sich zu Fragen äussern, in denen es um Menschenrechte und Menschenwürde geht, gehört zu ihrem Kerngeschäft.

Wenn sie aber ganze Predigten einem Abstimmungskampf widmen, darf sie der Vorwurf nicht erstaunen, sich wie eine Partei zu verhalten. Es kommt auch der Verdacht auf, dass manche Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Politaktionen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit suchen, weil viele in ihren Kirchen recht einsam geworden sind.

Hugo Stamm; Religionsblogger

Hugo Stamm

Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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